Das Wort „auf­ge­ben“kennt sie nicht

Kris­ti­na Vo­gel hat schwe­re Zei­ten hin­ter sich. Und auch bei ih­rer Gold­fahrt im Sprint ging es nicht oh­ne Dra­ma ab

Mittelschwaebische Nachrichten - - Olympische Spiele 2016 -

Rio de Janei­ro Weit nach Mit­ter­nacht und an­ge­schwipst von ei­ni­gen Bier­chen im Deut­schen Haus fiel Kris­ti­na Vo­gel mit ih­rer Gold­me­dail­le ins Bett. Rea­li­siert hat­te die neue Sprint­kö­ni­gin ih­ren gro­ßen Coup von Rio im Ve­lo­dro­me da im­mer noch nicht. Das ge­schieht vi­el­leicht erst, wenn die 25-Jäh­ri­ge ihr Pro­gramm für die nächs­ten Ta­ge ab­ar­bei­tet. „Schla­fen, Sport gu­cken, fei­ern – und ab zur Co­paca­ba­na“, hei­ßen die nächs­ten Zie­le von Vo­gel.

Sie hat es sich ver­dient. Nach fünf har­ten Wett­kampf­ta­gen mit Hö­hen und Tie­fen war sie am Di­ens­tag am Ziel ih­rer Träu­me an­ge­langt. Olym­pia­sie­ge­rin im Ein­zel­sprint, der Kö­nigs­dis­zi­plin im Bahn­rad­sport.

„Wenn ich mir ei­nen Ti­tel hät­te aus­su­chen dür­fen, dann wä­re es die­ser ge­we­sen“, sag­te die Er­fur­te­rin und füg­te hin­zu: „Der Olympiasieg im Team­sprint vor vier Jah­ren war auch geil, aber die­ser Sieg war an­ders.“Es sei al­les so ir­re­al, sag­te Vo­gel im­mer wie­der.

Doch ei­nes war ihr schon bei der Sie­ger­eh­rung klar, als sie mit Trä­nen in den Au­gen von ih­ren Ge­füh­len über­mannt wur­de. „Ich ge­be nie­mals auf. Das ha­be ich auch da­mals nicht. Es war die rich­ti­ge Ent­schei­dung, nicht auf­zu­hö­ren“, sag­te Kris­ti­na Vo­gel.

Da­mals war 2009, und es wä­re nur mensch­lich ge­we­sen, wenn sie al­les hin­ge­schmis­sen hät­te. Nach ei­nem schlim­men Trai­nings­sturz am 20. Mai 2009 lag sie zwei Ta­ge im Ko­ma. Der da­mals 18-Jäh­ri­gen hat­te ein Klein­bus die Vor­fahrt ge­nom­men. Vo­gel flog mit Tem­po 50 durch die Heck­schei­be, er­litt zahl­rei­che Brü­che am Brust­wir­bel, an der Hand, am Arm, am Kie­fer und ver­lor fast al­le Zäh­ne. Es folg­ten un­zäh­li­ge Ope­ra­tio­nen und Re­ha­Maß­nah­men. Noch heu­te sind die Nar­ben in ih­rem Ge­sicht zu se­hen.

Doch „auf­ge­ben“ist ein Wort, das in ih­rem Sprach­schatz nicht vor­kommt. Nicht 2009 und auch nicht in Rio. Drei Me­dail­len hat­te sie sich ehr­gei­zig vor­ge­nom­men. Bron­ze im Team­sprint war schnell ge­holt, ehe ein Pat­zer und Platz sechs im Kei­rin für ei­nen Stim­mungs­dämp­fer sorg­ten.

Doch Vo­gel kämpf­te sich im Sprint zu­rück – ge­gen al­le Wi­der­stän­de. „Ich bin stolz, dass ich mich nach dem Kei­rin-Dra­ma so zu­rück­ge­mel­det ha­be.“

Nicht ein­mal ihr ver­lo­re­ner Sat­tel beim Ziel­sprint ge­gen die Bri­tin Re­bec­ca Ja­mes konn­te sie auf­hal­ten. „Leicht gibt es bei mir nicht“, mein­te Vo­gel, die mit der Win­zig­keit von vier Tau­sends­tel­se­kun­den Vor­sprung ge­wann. Bun­des­trai­ner Det­lef Ui­bel lob­te: „Ich ha­be es oft scherz­haft ge­sagt: Kris­ti­na ist un­ser bes­ter Mann. Das sagt ei­gent­lich al­les. Sie ist ro­bust, nicht nur kör­per­lich, son­dern auch vom Kopf her. Für uns ist es ein Glücks­fall und mit ih­rer Art be­rei­chert sie hier die Sze­ne.“

Schon mit ge­ra­de ein­mal 25 Jah- ren ist sie be­reits ei­ne der größ­ten Sport­le­rin­nen ih­rer Spar­te. Zwei Olym­pia­sie­ge und sie­ben Welt­meis­ter­ti­tel hat sie be­reits ge­holt. „Ich will die bes­te Bahn­rad­sport­le­rin al­ler Zei­ten wer­den“, sagt sie stets. Und so blick­te sie be­reits in Rio schon wie­der nach vorn: „Mehr geht im­mer.“

Vo­gel hat mit ih­rem Tri­umph das Gold-Spek­ta­kel der Bri­ten (sechs Sie­ge) auf der Olym­pia-Bahn kurz­fris­tig un­ter­bro­chen.

Im geg­ne­ri­schen La­ger wa­ren sie aber nicht nur we­gen ih­rer Sie­ge ge­gen Ja­mes und zu­vor Ka­ty Mar­chant schlecht auf die deut­sche Sprin­te­rin zu spre­chen. Vo­gel hat­te in ei­nem In­ter­view die bri­ti­schen Er­fol­ge als „frag­wür­dig“be­zeich­net, da die Fah­re­rin­nen von der In­sel in den ver­gan­ge­nen Jah­ren doch eher „Ka­no­nen­fut­ter“ge­we­sen sei­en. „Ich ha­be nicht ge­sagt, dass sie Do­ping neh­men. Ich ha­be nur ge­sagt, dass es ver­rückt ist“, recht­fer­tig­te sich Vo­gel ge­gen­über den bri­ti­schen Me­di­en.

Am En­de konn­te es ihr auch egal sein – denn die Gold­me­dail­le bau­mel­te um ih­ren Hals. (dpa)

Welt­meis­ter Joachim Ei­lers hat bei den Bahnrad-Wett­be­wer­ben in Rio de Janei­ro nur knapp ei­ne Me­dail­le im Kei­rin ver­passt. Der Chem­nit­zer muss­te sich mit dem vier­ten Platz be­gnü­gen. Ei­lers hat­te zu­vor im Team­sprint und im Sprint je­weils Platz fünf be­legt.

Fo­tos: im­a­go (2), Greg Ba­ker/afp; Fe­lix Käst­le/dpa

Kris­ti­na Vo­gel mit der Gold­me­dail­le.

Kris­ti­na Vo­gel über­quert die Zi­el­li­nie, vier Tau­sends­tel­se­kun­den vor Re­bec­ca Ja­mes...

... sie ver­liert in die­sem Mo­ment aber ih­ren Sat­tel, der auf der Bahn lie­gen bleibt wäh­rend...

... Kris­ti­na Vo­gel noch ei­ne Aus­lauf­run­de dreht und auf die of­fi­zi­el­le Be­stä­ti­gung ih­res Sie­ges war­tet.

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