Ba­car­di-Fee­ling

Pu­er­to Ri­co ist Ame­ri­ka, aber doch ganz an­ders

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Als Paul Kemp in Pu­er­to Ri­co lan­de­te, hat­te er ei­ne durch­zech­te Nacht hin­ter sich und roch nach Bier. Und weil es ei­nem Trin­ker nie an Grün­den fehlt, mach­te er in den fol­gen­den Ta­gen und Wo­chen so wei­ter wie zu­vor, zog mit sei­nen Kol­le­gen der Ga­zet­te

The San Juan Star um die Häu­ser, trank bis zum Um­fal­len, am liebs­ten Rum in ei­ner ver­hau­ten Kn­ei­pe na­mens „Al’s Ba­ckyard“.

Paul Kemp, da­hin­ter ver­birgt sich die Re­port­er­le­gen­de Hun­ter S. Thomp­son, der in „The Rum Dia­ry“sei­ne Er­leb­nis­se als Jour­na­list in San Juan in den 60er Jah­ren ver­ar­bei­te­te. Der Ro­man um den trin­ken­den Jour­na­lis­ten Paul Kemp gilt vie­len als gro­ßes Werk, aber Bestseller wur­de er kei­ner, als er 1998 schließ­lich er­schien. Von den tau­sen­den Tou­ris­ten, die von den Kreuz­fahrt­schif­fen aus­schwär­men und die Haupt­stadt von Pu­er­to Ri­co für ei­ni­ge St­un­den flu­ten, ha­ben ihn ver­mut­lich nur we­ni­ge ge­le­sen. Den­noch ha­ben auch da die meis­ten das ei­ne im Sinn: Rum! Und ihr Ziel liegt we­ni­ge Ki­lo­me­ter ent­fernt, in Sicht­wei­te be­reits vom Ha­fen aus: die Ka­the­dra­le des Rums. So je­den­falls nen­nen die Tou­ris­ten­füh­rer das gro­ße Haupt­haus der Ba­car­di-De­stil­le­rie. Die Tour dau­ert kei­ne St­un­de. Es gibt, um ehr­lich zu sein, nicht viel zu se­hen, au­ßer ei­ner nach­ge­bau­ten Bren­ne­rei, zu der man mit ei­nem klei­nen Bim­mel­zug ge­bracht wird, da­mit man nicht streu­nen geht. Im Preis von zwölf Eu­ro ist da­für ein Drink in­be­grif­fen – je­der mit Rum na­tür­lich. Die De­stil­le­rie ist ei­ne der meist­be­such­ten At­trak­tio­nen. Und das ist nun wirk­lich min­des­tens so ver­rückt wie der Ro­man von Hun­ter S. Thomp­son!

Das nur so­zu­sa­gen als Ape­ri­tif. Weil man um den Rum hier nicht her­um­kommt. Weil er in tau­sen­den Fla­schen am Flug­ha­fen feil­ge­bo­ten wird, weil er im be­rühm­tes­ten Cock­tail der In­sel, der Pi­ña Co­la­da, ent­hal­ten ist, weil man sich über den Rum wun­der­bar strei­ten kann. Ob näm­lich der der Kon­kur­renz von Don Q nicht der viel bes­se­re ist. Und auch weil Ba­car­di ei­ner der größ­ten Ar­beit­ge­ber Pu­er­to Ri­cos ist – und der Rum für die In­sel da­her tat­säch­lich ei­ne Art Le­bens­saft.

Die Alt­stadt hat heu­te nur noch we­nig mit je­nem ver­hau­ten San Juan zu tun, in dem Hun­ter S. Thomp­son sein Geld mit Schreib­ar­beit für meh­re­re Zei­tun­gen ver­dien­te und sich im Al’s Ba­ckyard die Kan­te gab. Sie trieft vor Schön­heit! Bun­te Häu­ser im spa­ni­schen Ko­lo­ni­al­stil, blau­schim­mern­des Kopf­stein­pflas­ter, ge­macht aus dem Bal­last, den die spa­ni­schen Schif­fe auf ih­rer Fahrt in die Ka­ri­bik mit sich führ­ten. Und am Stra­ßen­rand wu­chert der Ko­ri­an­der. Fast zu schön, um echt zu sein. Wes­halb der Lieb­lings­satz von Jo­sé, un­se­rem Stadt­füh­rer, beim Spa­zier­gang durchs Unesco-Welt­kul­tur­er­be auch lau­tet: „It’s all re­al.“Al­les echt, die über dem Ha­fen thro­nen­de Gou­ver­neurs­vil­la, er­baut 1511, und laut Jo­sé das äl­tes­te Haus Ame­ri­kas, wie auch die im­men­se Fe­s­tung San Cris­tó­bal, die als ei­ne von vier An­la­gen die Stadt be­wacht und in der es so­gar ei­nen Ker­ker gibt, in dem man noch die Wand­krit­ze­lei­en der frü­he­ren Ge­fan­ge­nen se­hen kann. „It’s all re­al.“

Viel mehr als all das ler­nen die meis­ten Tou­ris­ten, die Pu­er­to Ri­co be­su­chen, auch nicht ken­nen. Welt­kul­tur­er­be, Fe­s­tung hier, Fe­s­tung da, das ei­ne oder an­de­re Mu­se­um, die Bar La Bar­rachi­na, in der 1963 Ra­mon Por­tas Min­got den Cock­tail Pi­ña Co­la­da er­fun­den ha­ben soll. Viel­leicht noch ei­nen der Strän­de, Ba­car­di-Fee­ling eben.

Die meis­ten näm­lich kom­men an wie einst Chris­toph Co­lum­bus. Mit dem Schiff. Im vo­ri­gen Jahr ström­ten an ei­nem ein­zi­gen Tag 17 847 Kreuz­fahrt-Pas­sa­gie­re in die Stadt, neu­er Re­kord! Und über all der Schön­heit, all die­sen be­ein­dru­cken­den Zah­len, den Edel­shops in den Sei­ten­stra­ßen am Con­da­do Beach, den schi­cken Bars in der Cal­le San Se­bas­tián, all der Mu­sik, die abends durch die Stra­ßen hallt und Tän­zer je­den Al­ters an­zieht, könn­te man ei­nes fast ver­ges­sen: Näm­lich dass Pu­er­to Ri­co plei­te ist. Ver­schul­det mit mehr als 70 Mil­li­ar­den Dol­lar, das Grie­chen­land Ame­ri­kas, wie es oft ge­nannt wird. Und im Grun­de ge­nom­men da­her so arm wie zu den Zei­ten, als sich Hun­ter S. Thomp­son hier als Re­por­ter ver­ding­te und die ers­ten In­ves­to­ren noch auf den gro­ßen Gold­rausch in der Ka­ri­bik hoff­ten.

Seit vor zehn Jah­ren ein Steu­er­pri­vi­leg für ame­ri­ka­ni­sche Fir­men ab­ge­schafft wur­de, schrumpft die Volks­wirt­schaft im selbst­ver­wal­te­ten ka­ri­bi­schen US-Au­ßen­ter­ri­to­ri­um – und mit ihr das gan­ze Volk. Es zieht den Ar­beits­plät­zen hin­ter­her. Al­lein im Jahr 2014 ver­lie­ßen zwei Pro­zent der Be­völ­ke­rung die In­sel, um auf dem Fest­land nach Ar­beit zu su­chen. Der ame­ri­ka­ni­sche Pass macht es mög­lich. Mitt­ler­wei­le le­ben mehr Pu­er­to­ri­ca­ner au­ßer­halb des Lan­des als in­ner­halb. Der Exo­dus hat ei­ne his­to­ri­sche Höchst­mar­ke und die Fol­gen be­kom­men die Zu­rück­ge­blie­be­nen zu spü­ren: hö­he­re Steu­ern, ge­stie­ge­ne Ener­gie­prei­se, selbst ei­ne Tas­se pu­er­to­ri­ca­ni­schen Kaf­fees kos­tet mehr. Und zugleich schlie­ßen Schu­len, schlie­ßen Kran­ken­häu­ser, muss der Staat an al­lem spa­ren. Säu­men Bau­rui­nen den Stadt­rand von San Juan. Rund 57 Pro­zent der Kin­der und Ju­gend­li­chen le­ben auf der In­sel un­ter der Ar­muts­gren­ze. Le­bens­mit­tel­gut­schei­ne wer­den an über 40 Pro­zent al­ler Fa­mi­li­en mit Kin­dern un­ter 18 aus­ge­teilt. Die Ar­muts­ra­te ist die höchs­te in den USA. Vor we­ni­gen Wo­chen be­schloss der US-Se­nat nun in sel­te­ner Ei­nig­keit ein Hilfs­pa­ket für die ge­beu­tel­te In­sel, ver­bun­den je­doch mit ei­ner Ent­mach­tung: Pu­er­to Ri­co wird ab dem kom­men­den Jahr un­ter ame­ri­ka­ni­sche Fi­nanz­auf­sicht ge­stellt, um die dro­hen­de In­sol­venz noch in den Griff zu be­kom­men.

Von all dem be­kom­men Tou­ris­ten nur we­nig mit. Auch die, die län­ger blei­ben, ei­nen Ab­ste­cher ins pit­to­res­ke Pon­ce im Sü­den des Lan­des ma­chen, an ei­nem der Ka­ri­biksträn­de die Zei­len des Ba­car­di-Songs nach­le­ben („Co­me on over, ha­ve so­me fun“) oder sich im sub­tro­pi­schen Re­gen­wald El Yun­que von den Baum­frö­schen na­mens Co­qui be­sin­gen las­sen. Wo doch hier nicht ein­mal die Stra­ßen holp­rig sind! Und nigel­na­gel­neu ist ja auch die Seil­bahn „Das Mons­ter“im Hin­ter­land von San Juan, die längs­te der Welt und neu­es­te Tou­ris­ten­at­trak­ti­on, bei der man über zwei Ki­lo­me­ter lang über den Wald hin­weg­rast. Kopf vor­aus!

Kri­se? Wirk­lich? In Pon­ce schüt­telt Jo­sue Mo­ji­ca den Kopf. Mo­ji­ca hat vor sechs Jah­ren sein Re­stau­rant er­öff­net. „Es läuft gut“, sagt er, und so froh, wie er lä­chelt, klingt es nach „sehr gut“. Die Kri­se ist hier im mit bun­ten Graf­fi­ti­bil­dern ver­zier­ten In­nen­hof nur als fer­nes Don­ner­grol­len zu ver­neh­men. Und sie be­tref­fe ja vor al­lem auch je­ne, die mit der Re­gie­rung zu tun ha­ben, al­so ab­hän­gig sind von öf­fent­li­chen Gel­dern. „A go­vern­ment-thing“, wie es Mo­ji­ca nennt: „Ich spü­re die Kri­se nur, wenn ich Nach­rich­ten schaue.“

Ein ar­mes Land al­so, ein rei­ches Land. Ein Land, in dem sich die Kri­se in­mit­ten all der Schön­heit gut ver­ste­cken lässt. „Wir sind ei­ne klei­ne In­sel“, sagt Jo­sue Mo­ji­ca, „aber wir ha­ben al­les.“So­gar zwei Mee­re und nicht ei­nes. An der Süd­küs­te bran­det die Ka­ri­bik, an der Nord­sei­te der At­lan­tik. Selbst Thomp­son wur­de al­lein von den Son­nen­un­ter­gän­gen schon trun­ken.

Viel­leicht hal­ten des­we­gen vie­le Pu­er­to­ri­ca­ner die Fer­ne nicht aus. Jähr­lich keh­ren 20000 zu­rück aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. So wie einst der Koch Jo­sue Mo­ji­ca, der meh­re­re Jah­re in New York ge­ar­bei­tet hat, so wie auch Alex­an­dra Ro­d­ri­guez, 28 Jah­re alt, Öko­land­wir­tin, die ei­nen in Pon­ce über die Kaf­fee- und Ka­kao­plan­ta­ge Ha­ci­en­da Bue­na Vis­ta führt. „Sie wol­len al­so mei­ne Mei­nung hö­ren“, sagt Alex­an­dra: „Mei­ne bes­ten Freun­de le­ben al­le nicht mehr hier.“Kaum gu­te Jobs, zu we­nig Per­spek­ti­ven. Sie selbst aber ha­be es in New York nicht aus­ge­hal­ten, so weit weg von der Fa­mi­lie, „das ist nicht mei­ne Art zu le­ben“.

Ge­fühlt ist Pu­er­to Ri­co tat­säch­lich nur ein Au­ßen­ge­biet der USA, ein biss­chen ame­ri­ka­nisch eben. Al­lein schon, was die Dich­te der Fast­foo­dFi­lia­len be­trifft. Aber eben auch ganz an­ders. Im Wort­fluss von Jo­sé, der ei­nen meh­re­re Ta­ge durch das Land fah­ren wird, ist die­ses „ganz an­ders“ei­ne wie­der­keh­ren­de, fast be­schwö­rend wir­ken­de For­mu­lie­rung. Wes­halb er ei­nen an ei­nem Spät­nach­mit­tag dann auch vor ei­nem Be­ton­rund aus­stei­gen lässt, der Hah­nen­kampf­are­na, ei­nem ei­ne knap­pe hal­be St­un­de gibt. Drin­nen et­wa drei­ßig Män­ner, kaum Frau­en, Glas­käs­ten, Ne­on­licht, Dol­lar­no­ten in schwit­zi­gen Hän­den, Ge­schrei. Drei to­te Häh­ne spä­ter sitzt man wie­der im Au­to, schaut sich die Film­schnip­sel auf dem Smart­pho­ne mit sol­cher Ver­wun­de­rung an, als sei man nicht eben da­bei ge­we­sen. Sehr an­ders al­les. Und Jo­sé er­klärt der­weil, selbst die Bur­ger wür­den hier nicht so schme­cken wie auf dem Fest­land. An­de­re Wür­ze eben! Wie das gan­ze Le­ben!

Und da­mit wä­ren wir wie­der beim Rum. Und bei Hun­ter S. Thomp­son und Paul Kemp. Der fand da­mals in San Juan kein ein­zi­ges gu­tes Re­stau­rant, blieb des­we­gen bei Al’s Ba­ckyard hän­gen. Heu­te muss drin­gend ein Tisch re­ser­viert wer­den, wenn man am Sonn­tag im an­ge­sag­ten Re­stau­rant La Cue­va del Mar mo­fon­go, ei­ne Art Knö­del aus Koch­ba­na­nen, mit fri­schem Fi­let es­sen will. Der Ro­man taugt schon lan­ge nicht mehr als Rei­se­füh­rer. Die Art, wie Kemp sei­nen Rum trank, gilt aber vie­len noch im­mer als die ein­zig wah­re: Pur, mit viel Eis. Co­me on over, ha­ve so­me fun…

Das Grie­chen­land Ame­ri­kas, wie bei Hun­ter S. Thomp­son Die Fast­food-Dich­te hier, die Hah­nen­kämp­fe da

Fo­tos: Fo­to­lia

Welt­kul­tur­er­be – und Dreh­ort für den vier­ten Teil von „Fluch der Ka­ri­bik“– die Fe­s­tung „El Mor­ro“in San Juan ist ei­ne von vier his­to­ri­schen An­la­gen.

„Mei­ne bes­ten Freun­de le­ben al­le nicht mehr hier“, sagt Alex­an­dra Ro­d­ri­guez.

Fo­tos: Wir­sching

Kri­se? Eher so ein Re­gie­rungs-Ding, sagt Jo­sue Mo­ji­ca.

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