In ru­hi­gen Ge­wäs­sern

Ei­ne Fluss­kreuz­fahrt auf Hol­lands schöns­ten Was­ser­we­gen führt nach Ams­ter­dam, auf das Mar­ker­meer und in ei­ne ganz be­rühm­te klei­ne Kn­ei­pe / Von Do­ro­thee Pfaffel

Mittelschwaebische Nachrichten - - Reise-journal -

Auf Ta­bletts ba­lan­cie­ren die Cr­ew-Mit­glie­der die Eis­bom­be in den Spei­se­saal des Fluss­kreuz­fahrt­schiffs MS Bel­le­jour. Der hol­län­di­sche Ka­pi­tän Jas­per Schut­te­vaar ist auch da­bei. Er trägt ei­ne schmu­cke Uni­form und lä­chelt. Wun­der­ker­zen bren­nen, die Mu­sik spielt, und die Men­schen klat­schen im Takt da­zu. Es ist der letz­te Abend, das Ga­la-Din­ner, ei­ner mehr­tä­gi­gen Kreuz­fahrt auf den schöns­ten Was­ser­we­gen der Nie­der­lan­de – und es herrscht Traum­schiff-At­mo­sphä­re. Glück­lich und mit vol­lem Ma­gen neh­men die Schiffs­rei­sen­den ihr letz­tes Des­sert zu sich. Kein Schritt zu viel, kein Bis­sen zu we­nig – kom­for­ta­bel und gut ver­sorgt ha­ben die Pas­sa­gie­re Hol­land ent­deckt. Vor fünf Ta­gen ging es im Ha­fen von Ams­ter­dam los.

Das Was­ser ist ru­hig, ein Wel­len­gang kaum zu spü­ren. Noch schläft die MS Bel­le­jour im Ha­fen Ams­ter­dams. In das In­ne­re des Schif­fes ist aber schon Le­ben ein­ge­kehrt. Cir­ca 170 Pas­sa­gie­re – bei ma­xi­ma­ler Be­le­gung 180 – sind an Bord. Die Cr­ew hat die Ti­sche für das Abend­es­sen be­reits ge­deckt: An je­dem Platz ist die Ser­vi­et­te zu ei­nem Se­gel­schiff ge­fal­tet, Be­steck für meh­re­re Gän­ge liegt be­reit, in der Mit­te des Ti­sches steht ei­ne Va­se mit Sei­den­blu­men. „Mi­ne­ral­was­ser?“, fragt Kell­ner Igor auf Eng­lisch mit ei­nem Lä­cheln und schenkt ein. Der 32-Jäh­ri­ge ist ei­ner von sie­ben Kell­nern auf dem Fluss­kreuz­fahrt­schiff, ins­ge­samt be­steht die Cr­ew aus mehr als 40 Per­so­nen. Vie­le stam­men aus Ost­eu­ro­pa und spre­chen deutsch oder eng­lisch.

Wäh­rend die Ur­lau­ber von Bord ge­hen, sorgt das Per­so­nal täg­lich da­für, dass al­les glänzt und dass den Gäs­ten mor­gens, mit­tags und abends

Drei Gän­ge am Mit­tag, vier Gän­ge am Abend Der Schwan und rie­si­ge Con­tai­ner

pünkt­lich ein opu­len­tes Mahl ser­viert wird. Am Mor­gen gibt es be­reits ab 6.30 (aber nur bis 9 Uhr) ein Früh­stücks­buf­fet für die „Ear­ly Birds“, die frü­hen Vö­gel. Um 12.30 oder 13 Uhr folgt ein Drei-Gän­geMit­tags­me­nü, um 16 Uhr Kaf­fee und Ku­chen, um 19 Uhr ein vier­gän­gi­ges Abend­es­sen.

Wer in Ams­ter­dam das Schiff ver­las­sen und den Bahn­hof pas­siert hat, nimmt so­fort den Zau­ber der nie­der­län­di­schen Haupt­stadt wahr. Die jahr­hun­der­te­lang be­nutz­ten Grach­ten lie­gen be­reit und la­den zu ei­ner Rund­fahrt ein. Mit den klei­ne­ren Boo­ten kann man fast al­le Was­ser­we­ge be­fah­ren, sieht die Haus­boo­te an sich vor­bei­zie­hen, in de­nen Men­schen das gan­ze Jahr über woh­nen. Die Dä­cher die­ser Boo­te sind teil­wei­se kom­plett mit Gras und Blu­men be­pflanzt. In ei­ni­ge da­von und auch in vie­le Häu­ser, die nah am Was­ser ge­baut sind, kann man di­rekt hin­ein­se­hen. Von Vor­hän­gen scheint man hier nichts zu hal­ten. Die Ams­ter­da­mer küm­mert es we­nig, dass die Tou­ris­ten ein­fach so in ihr Wohn­zim­mer bli­cken kön­nen.

Nicht Au­tos, son­dern Fahr­rä­der do­mi­nie­ren den Stra­ßen­ver­kehr. Die Rä­der leh­nen an Haus­wän­den oder ste­hen ent­lang der Ka­nä­le. So­gar ein Fahr­rad-Park­haus gibt es. In den Cof­fee­shops und auf den Märk­ten tum­meln sich die Men­schen. Ur­lau­ber und Ams­ter­da­mer mi­schen sich. Im Zen­trum der Stadt liegt das Rot­licht­vier­tel – mit­ten drin die al­te Kir­che „Ou­de Kerk“. In den his­to­ri­schen Gas­sen rund­her­um prä­sen­tie­ren sich Da­men in knap­pen Des­sous in Schau­fens­tern. Auch das stört hier nie­man­den. Mo­dern, le­ben­dig und vor al­lem läs­sig ist die Welt­stadt samt ih­ren Be­woh­nern.

In den Ein­kaufs­stra­ßen und an zahl­rei­chen Ecken in der Stadt gibt es Kä­se­ge­schäf­te und ein klei­nes kos­ten­lo­ses Kä­se­mu­se­um. Über­all ste­hen in den Lä­den Pro­bier-Tel­ler­chen voll mit Gou­da, Zie­gen­kä­se und an­de­ren Kä­se­sor­ten. Zu­grei­fen er­wünscht. In Re­ga­len tür­men sich die Kä­sel­ai­be. Da­ne­ben lie­gen St­ro­op­wa­fels (Si­rup­waf­feln), ei­ne wei­te­re nie­der­län­di­sche Spe­zia­li­tät, zum Ver­kos­ten.

Aber nicht nur ku­li­na­risch hat Ams­ter­dam ei­ni­ges zu bie­ten, auch kul­tu­rell. Im Rem­brand­t­hu­is, im Ri­jks­mu­se­um und in Kir­chen wer­den enor­me Schät­ze ge­hü­tet eben­so wie im Van-Gogh-Mu­se­um, das über die welt­weit größ­te Van-Gogh-

Samm­lung ver­fügt. Doch in Ams­ter­dam kann man sich auch mit der jün­ge­ren Ge­schich­te aus­ein­an­der­set­zen – im An­ne-Frank-Haus oder im Wi­der­stands­mu­se­um. Und für al­le Schiffs­lieb­ha­ber se­hens­wert ist das 2011 wie­der­er­öff­ne­te Schiff­fahrts­mu­se­um.

Wer aufs Schiff zu­rück­kehrt, fin­det ei­ne per­fekt zu­recht­ge­mach­te Ka­bi­ne vor. Im Spei­se­saal er­war­tet die Ur­lau­ber bei­spiels­wei­se ein Ro­te-Be­te-Car­pac­cio mit Meer­ret­tichMous­se und Ap­fel-Vi­n­ai­gret­te, ge­folgt von ei­nem Rin­der­rü­cken vom Wei­deoch­sen, ei­nem Kai­ser­mak­re-

oder ei­nem Ge­mü­se­türm­chen. Als Nach­spei­se gibt es heu­te hol­län­di­sche Pof­fert­jes. Wäh­rend die MS Bel­le­jour den Ams­ter­da­mer Ha­fen ver­lässt, spielt Al­lein­un­ter­hal­ter Ju­ri in der Lounge al­les von „Die klei­ne Kn­ei­pe“über „In Mün­chen steht ein Hof­bräu­haus“und „Muss i denn zum Städ­te­le hin­aus“bis zu „Hel­lo Ma­ry Lou“und „The Li­on Sleeps To­night“. Zu­frie­den drückt er die Tas­ten auf sei­nem elek­tro­ni­schen Kla­vier, freut sich über je­den Ap­plaus.

Lang­sam geht die Son­ne un­ter. Der Him­mel färbt sich röt­lich. Ro­sa Wol­ken zie­hen vor­über. An Deck lässt ei­nen der Wind leicht frös­teln. Die Stadt rückt in im­mer wei­te­re Fer­ne, doch stets ist ir­gend­wo ein Ho­ri­zont zu se­hen. Ein Wel­len­gang ist kaum zu spü­ren, wäh­rend das Schiff über Nacht auf die Stadt Ho­orn zu­steu­ert. „See­krank wird auf Fluss­kreuz­fahr­ten in der Re­gel nie­mand“, sagt Re­gi­na Schu­dro­witz vom Ver­an­stal­ter Tran­so­ce­anK­reuz­fahr­ten.

Die Rei­se nach Ho­orn führt über das Mar­ker­meer, ei­nen rund 700 Qua­drat­ki­lo­me­ter gro­ßen See. Gleich nach dem Früh­stück sam­len­fi­let meln sich die Pas­sa­gie­re, über­wie­gend Se­nio­ren, für die Land­aus­flü­ge. „Ku­li­na­ri­sches Ho­orn“steht auf dem Pro­gramm, ein Stadt­rund­gang mit Ver­kos­tung re­gio­na­ler Spe­zia­li­tä­ten. „Die Frie­sen sind ein ei­gen­sin­ni­ges Volk“, er­zählt Stadt­füh­re­rin Ma­ri­an­ne Buis­man, ei­ne ge­bür­ti­ge West­frie­sin.

Ho­orn (das alt­frie­si­sche Wort für Bucht) hat cir­ca 70000 Ein­woh­ner. Wie in Ams­ter­dam gibt es Ka­nä­le und schma­le Gas­sen, nur ist al­les ei­ne Num­mer klei­ner als in der gro­ßen Stadt. So auch die ma­le­ri­sche Ma­ri­na. Der Rund­gang führt in ge­mäch­li­chem Tem­po in ei­ne Kn­ei­pe. Aber nicht in ir­gend­ei­ne, son­dern in die von Al­lein­un­ter­hal­ter Ju­ri am Abend zu­vor be­sun­ge­ne „Klei­ne Kn­ei­pe“. Be­rühmt mach­ten das Lied einst Va­der Abra­ham und Pe­ter Alex­an­der. So­wohl die Mö­bel als auch die The­ke sind kom­plett aus Holz. In ei­ner Ecke steht ein al­tes Kla­vier. Dort ser­viert Kell­ne­rin Zwa­ant­je Kä­se­häpp­chen, Aal und ein Gläs­chen Ge­ne­ver (ein mil­der Wa­chol­der­schnaps). Dann geht es zu­rück aufs Schiff, er­neut über das Mar­ker­meer, an­schlie­ßend auf den Ams­ter­dam-Ri­jn­ka­naal und über die Flüs­se Lek und Nieu­we Maas.

Am nächs­ten Tag legt die MS Bel­le­jour in Rot­ter­dam an, mit un­ge­fähr 631 000 Ein­woh­nern die zweit­größ­te Stadt Hol­lands. Rot­ter­dam be­sitzt den größ­ten See­ha­fen Eu­ro­pas. Die mo­der­ne Stadt ist vor al­lem für ih­re Ar­chi­tek­tur be­kannt, aber auch für Kunst und Kul­tur. Im Ge­gen­satz zu Ams­ter­dam prä­gen hier nicht Gas­sen und Grach­ten das Bild, son­dern ei­ne Wol­ken­krat­zer-Sil­hou­et­te mit Ge­bäu­den ver­schie­dens­ter Stil­rich­tun­gen. Jüngs­tes Wahr­zei­chen ist die Eras­mus­brü­cke. Die wei­ße Schräg­seil­brü­cke wur­de nach dem Phi­lo­so­phen Eras­mus von Rot­ter­dam be­nannt, im Volks­mund heißt sie auf­grund ih­res Aus­se­hens auch „Der Schwan“. Am Nor­den­de der Brü­cke star­tet ei­ne Ha­fen­rund­fahrt. Das Boot pas­siert schier un­glaub­li­che Men­gen rie­si­ger Con­tai­ner. Sie wer­den von mäch­ti­gen Greif­ar­men auf Trans­port­schif­fe ge­ho­ben. Le­dig­lich rund 35 Ki­lo­me­ter sind es vom Ha­fen bis zur Nord­see.

Über Mit­tag fährt das Fluss­kreuz­fahrt­schiff die Ni­uewe Maas und die Ou­de Maas ent­lang wei­ter nach Dor­drecht. An­ti­qui­tä­ten­lä­den, Scho­ko­la­den­ge­schäf­te und Ga­le­ri­en rei­hen sich in die­ser Stadt an­ein­an­der. Auf ei­nem Markt ver­kauft ei­ne Hol­län­de­rin frisch ge­ba­cke­ne St­ro­op­wa­fels. Auch in Dor­drecht feh­len we­der ei­ne gro­ße Kir­che noch ein idyl­li­scher klei­ner Ha­fen.

Über die Flüs­se No­ord und Lek so­wie den Ams­ter­dam-Ri­jn­ka­naal ge­langt die MS Bel­le­jour über Nacht zu­rück in die Haupt­stadt. Von dort aus geht es am letz­ten Tag früh­mor­gens mit dem Bus nach Haar­lem, ei­ne fried­lich wir­ken­de, al­te Stadt. Vor gut 100 Jah­ren gab es hier an die 180 Braue­rei­en, heu­te sind es nur noch vier. Ei­ne da­von be­fin­det sich in ei­ner ehe­ma­li­gen Kir­che, die Jo­pen­kerk-Braue­rei. Im Zen­trum der Stadt fin­det ge­ra­de ein Markt statt. Händ­ler bie­ten Ein­hei­mi­schen und Tou­ris­ten Blu­men, Obst und fri­sche Back­wa­ren feil.

Schließ­lich heißt es nach 316 Ki­lo­me­tern auf dem Was­ser und vier durch­quer­ten Schleu­sen Ab­schied neh­men von der MS Bel­le­jour und ih­rer Be­sat­zung. 9000 Li­ter Die­sel hat das 127 Me­ter lan­ge Schiff ver­fah­ren bei ei­ner Ge­schwin­dig­keit von rund zwölf Kno­ten. 641 Eier ha­ben die Pas­sa­gie­re in fünf Ta­gen ge­ges­sen und 120000 Li­ter Trink­was­ser ver­braucht. Nun rei­sen die Ur­lau­ber ab – die Cr­ew bleibt an Bord.

Die Kreuz­fahrt-Sai­son dau­ert noch bis Ok­to­ber. Die nächs­te Rou­te führt in die Schweiz, nach Basel. Erst im Herbst al­so wird Cr­ew-Mit­glied Igor zu sei­ner Frau nach Ser­bi­en heim­keh­ren. Bis­her ha­ben bei­de ge­mein­sam auf Kreuz­fahrt­schif­fen ge­ar­bei­tet. Aber dies­mal konn­te sie nicht mit, denn sie ist schwan­ger. Igor sieht die lan­ge Tren­nung ge­las­sen: „Ir­gend­je­mand muss ja das Geld ver­die­nen“, sagt er. Au­ßer­dem ma­che ihm sei­ne Ar­beit Spaß. Wenn sie sich dann wie­der­se­hen, wird die Freu­de dop­pelt groß sein – denn dann soll auch das Ba­by kom­men.

Fo­tos: Do­ro­thee Pfaffel

Ein­drü­cke aus Hol­land (im Uhr­zei­ger­sinn): Die Stadt Dodrecht– klei­ne Gas­sen und Ka­nä­le. Die MS Bel­le­jour von au­ßen. Rin­der­rü­cken, ei­ne der köst­li­chen Mahl­zei­ten an Bord und der Ka­pi­tän der MS Bel­le­jour, Jas­per Schut­te­vaar.

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