Drei Ver­sio­nen der Blut­tat von Ell­zee

Es geht um die ent­schei­den­de Fra­ge: Ver­such­ter Mord oder ge­fähr­li­che Kör­per­ver­let­zung?

Mittelschwaebische Nachrichten - - Aus Der Heimat - VON ADRI­AN BAU­ER

Am Don­ners­tag fällt die Ers­te Straf­kam­mer des Mem­min­ger Land­ge­richts im Pro­zess um die Mes­ser­ste­che­rei von Ell­zee das Ur­teil. Dass der An­ge­klag­te schul­dig ge­spro­chen wird, ist si­cher. Der 29-Jäh­ri­ge hat nie ab­ge­strit­ten, dass er auf sei­ne ihm ver­hass­te Schwie­ger­mut­ter ein­ge­sto­chen hat. Die Fra­ge ist: War es ver­such­ter Mord oder „nur“ge­fähr­li­che Kör­per­ver­let­zung. Ges­tern hiel­ten Staats­an­walt, die Ver­tre­te­rin des Op­fers, das als Ne­ben­klä­ge­rin auf­tritt, und der Ver­tei­di­ger ih­re Schluss­vor­trä­ge. Und sie prä­sen­tier­ten da­bei drei kom­plett un­ter­schied­li­che recht­li­che Ei­n­ord­nun­gen der Tat.

Staats­an­walt Die An­kla­ge we­gen ver­such­ten Mor­des ist aus der Sicht von Staats­an­walt Tho­mas Hör­mann nicht mehr halt­bar. Zwar hat der An­ge­klag­te sei­ne Schwie­ger­mut­ter mit ins­ge­samt sechs Sti­chen le­bens­ge­fähr­lich ver­letzt. Al­ler­dings ließ er da­nach von sei­nem Op­fer ab und alar­mier­te die Po­li­zei. Mit sei­nem Han­deln ha­be er da­für ge­sorgt, dass Hil­fe kam und das Op­fer noch ge­ret­tet wur­de. Im Fach­jar­gon spricht man von ei­nem „straf­be­frei­en­den Rück­tritt“. Nimmt ein Tä­ter Ab­stand von sei­nem Tö­tungs­vor­satz, wird er we­gen ge­fähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung ver­ur­teilt. In die­sem Fall sind zehn Jah­re als Ma­xi­mal­stra­fe vor­ge­se­hen. Es hand­le sich in die­sem Fall um ei­nen Grenz­fall, sag­te der Staats­an­walt, aber: „Es ist nicht wi­der­leg­bar, dass er die Ret­tung sei­ner Schwie­ger­mut­ter woll­te.“

Der An­griff sei heim­tü­ckisch und sehr bru­tal ge­we­sen, das Op­fer muss­te meh­re­re Ope­ra­tio­nen über sich er­ge­hen las­sen und lei­det wei­ter­hin kör­per­lich und see­lisch un­ter den Fol­gen des An­griffs. Da­her hielt der Staats­an­walt ei­ne Haft­stra­fe von sie­ben Jah­ren und zwei Mo­na­ten für an­ge­mes­sen. Ver­tre­te­rin der Ne­ben­kla­ge Ei­ne kon­kre­te Haft­dau­er be­an­trag­te die Rechts­an­wäl­tin des Op­fers nicht. Al­ler­dings for­der­te sie ei­ne Ver­ur­tei­lung we­gen ver­such­ten Mor­des. Sie ar­gu­men­tier­te, ein Rück­tritt vom Mord­vor­satz sei nicht er­kenn­bar. Im Ge­gen­teil: Der An­ge­klag­te ha­be ge­gen­über sei­ner Frau schon mehr­fach ge­droht, er wer­de der Schwie­ger­mut­ter et­was an­tun. Er ha­be bei der An­kunft an dem Haus in Ell­zee das Mes­ser schon auf­ge­klappt in der Ta­sche ge­habt. Im Pro­to­koll des No­t­rufs sei zu­dem nie die Re­de von der Schwie­ger­mut­ter ge­we­sen. Der An­ge­klag­te re­de­te im­mer nur da­von, dass sei­ne Kin­der die Sze­ne nicht se­hen soll­ten und dass ih­nen ge­hol­fen wer­den sol­le. Zu­dem ha­be der An­ge­klag­te ge­wusst, dass sei­ne Schwie­ger­mut­ter als gläu­bi­ge Zeu­gin Je­ho­vas kei­ne Blut­spen­de an­neh­men wür­de und konn­te da­von aus­ge­hen, dass sie die Ver­let­zun­gen nicht über­lebt.

Ver­tei­di­ger Vier Jah­re Haft we­gen ge­fähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung for­der­te Rechts­an­walt Ha­rald Mül­ler für sei­nen Man­dan­ten. Er mach­te für ihn den „straf­be­frei­en­den Rück­tritt“gel­tend – es sei aber kein Grenz­fall, wie es der Staats­an­walt ge­sagt hat­te, son­dern „ein fast lehr­buch­ar­ti­ger Rück­tritt“. Das Ar­gu­ment mit der Blut­spen­de nann­te er in­ter­es­sant, aber: „In sei­ner Si­tua­ti­on war für mei­nen Man­dan­ten dar­an nicht zu den­ken“, sag­te Mül­ler.

Der jah­re­lan­ge Zank mit der Schwie­ger­mut­ter und die Dif­fe­ren­zen mit sei­ner Frau hät­ten die Si­tua­ti­on mas­siv emo­tio­nal auf­ge­la­den. Ein Gut­ach­ter hat­te be­stä­tigt, dass der Mann zur Tat­zeit auf­grund ei­ner aku­ten Be­las­tungs­re­ak­ti­on nur be­dingt wuss­te, was er tat. Un­ter sol­chen Um­stän­den müs­se der Straf­rah­men ver­scho­ben und der An­ge­klag­te zu ei­ner mil­de­ren Stra­fe ver­ur­teilt wer­den, sag­te Mül­ler. Der Staats­an­walt hat­te dies mit Ver­weis auf die Bru­ta­li­tät der Tat ab­ge­lehnt. Zu Un­recht, ar­gu­men­tier­te der Ver­tei­di­ger: „Die Tat er­folg­te ja auf­grund der aku­ten Be­las­tungs­re­ak­ti­on. Ge­ra­de da­durch er­klärt sich die Bru­ta­li­tät.“

Der An­ge­klag­te ent­schul­dig­te sich jetzt in sei­nem letz­ten Wort wäh­rend der Ver­hand­lung noch ein­mal: „Es tut mir un­fass­bar leid, was ich ge­tan ha­be. Ich wür­de es gern un­ge­sche­hen ma­chen.“

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.