Was­ser­bur­ge­rin folgt dem Ruf des Mu­ez­zin

Sü­mey­ye Ce­lep­ci wur­de in Krum­bach ge­bo­ren und wohn­te spä­ter in Günz­burg. Seit dem ver­gan­ge­nen Jahr lebt sie nun schon in der Tür­kei und be­sucht dort die Kor­an­schu­le. War­um sie sich fast voll­stän­dig ver­schlei­ert und sich ent­schied, Deutsch­land zu ver­las­sen

Mittelschwaebische Nachrichten - - Landkreis - VON SARAH-KAT­HA­RI­NA MERK

Land­kreis Der ge­schei­ter­te Putsch­ver­such in der Tür­kei und die Un­ru­hen da­nach hält der­zeit vie­le Men­schen da­von ab, in das Land zu rei­sen. Auf­grund der Pro-Er­do­ganDe­mons­tra­tio­nen in Deutsch­land wur­den De­bat­ten um die In­te­gra­ti­on tür­kisch­stäm­mi­ger Bür­ger laut und um Wer­te, die sie ver­tre­ten. Im Rah­men der Flücht­lings­kri­se gab es in der Ge­sell­schaft auch schon Kla­gen über ei­ne „Über­frem­dung Deutsch­lands“. Auch die jüngs­te Dis­kus­si­on über die Zu­läs­sig­keit ei­ner Voll­ver­schleie­rung zeigt, wie ge­spal­ten Deut­sche zu dem The­ma ste­hen, das für vie­le Men­schen in mus­li­mi­schen Län­dern selbst­ver­ständ­lich ist. Sü­mey­ye Ce­lep­ci ist ei­ne jun­ge Frau aus dem Land­kreis, die den Um­zug in die Tür­kei be­wusst ge­wählt hat. Seit ver­gan­ge­nem Jahr lebt sie in Ak­s­a­ray in der Nä­he von An­ka­ra. Erst dort ent­schied sie sich da­zu, ei­nen Jil­bab zu tra­gen, ei­ne Ver­schleie­rung, die nur das Ge­sicht und die Hän­de zeigt.

Der­zeit ist die 17-Jäh­ri­ge zu Be­such bei ih­rer Mut­ter im Günz­bur­ger Stadt­teil Was­ser­burg. Al­les be­gann mit dem Wunsch, ih­re Re­li­gi­on bes­ser ken­nen­zu­ler­nen und dem Traum vom Stu­di­um in der Tür­kei. Dort be­sucht die jun­ge Frau die zehn­te Klas­se. Da­bei sieht ihr All­tag et­was an­ders aus als der an­de­rer Zehnt­kläss­le­rin­nen in Deutsch­land. Die Bü­cher für den Schul­un­ter­richt be­kommt sie ge­stellt, den Stoff bringt sie sich selbst bei und geht nur zu den Prü­fun­gen in die Schu­le. Die rest­li­che Zeit be­sucht sie die Kor­an­schu­le. In dem Kurs wer­den Kor­an­kom­men­ta­re des kur­disch-is­la­mi­schen Den­kers Said Nur­si ge­le­sen. Ih­re Re­li­gi­on schreibt der Sun­ni­tin fünf Ge­be­te am Tag zu fest­ge­leg­ten Uhr­zei­ten vor. In Ak­s­a­ray wird vor je­dem Ge­bet durch den Ruf des Mu­ez­zin zum Be­ten ein­ge­la­den. Sie möch­te das ger­ne im­mer hö­ren, das sei sehr schön, be­tont sie. „In Deutsch­land gibt es das nicht.“In der Tür­kei sei es leich­ter, die Re­li­gi­on aus­zu­le­ben. Sie ha­be ge­ra­de noch nichts kon­kret vor, aber möch­te spä­ter viel­leicht Kran­ken­schwes­ter auf ei­ner Säug­lings­sta­ti­on wer­den. Als Deutsch­leh­re­rin zu ar­bei­ten kön­ne sie sich auch vor­stel­len.

Die Schü­le­rin mit tür­ki­scher Staats­bür­ger­schaft wur­de in Krum­bach ge­bo­ren und wuchs in Wat­ten­wei­ler auf. Spä­ter zog die Fa­mi­lie nach Ichen­hau­sen um, dann nach Günz­burg. In Ichen­hau­sen schloss sie die neun­te Klas­se auf der Mit­tel­schu­le Frei­herr-von-Stain ab. Sie freue sich, wie­der in Günz­burg zu sein, ver­mis­se aber auch die Tür­kei. Ob sie ir­gend­wann ganz nach Deutsch­land zu­rück­keh­ren möch­te, dar­über ha­be sie sich noch kei­ne Ge­dan­ken ge­macht. Zu­erst will sie er­folg­reich die Schu­le be­en­den. Der jun­gen Frau ge­fällt es in der Tür­kei, „da kann man im­mer wo hin, es ist im­mer was los“, aber sie ver­misst dort auch Deutsch­land. Erst vor Ort fing sie an, den Jil­bab, das lan­ge schwar­ze Ge­wand, zu tra­gen. Nie­mand wuss­te Be­scheid, dass sie sich die­ses kau­fen wür­de. Auch nicht ih­re Oma und Tan­te, bei de­nen sie in Ak­s­a­ray wohnt. Für die sei das aber ganz nor­mal ge­we­sen, da in Groß­städ­ten in der Tür­kei sehr vie­le Frau­en den Jil­bab tra­gen. Sü­mey­ye ge­fiel das, so kam sie auch ur­sprüng­lich auf den Ge­dan­ken, sich selbst so zu klei­den. In der Tür­kei ver­schleie­re sie auch ihr Ge­sicht und las­se nur ei­nen Spalt für die Au­gen of­fen. In Deutsch­land hält sie ihr Ge­sicht nicht be­deckt, weil sie ver­mei­den möch­te, dass die Bür­ger Angst vor ihr ha­ben und über sie re­den, da sie an die Ver­schleie­rung nicht ge­wohnt sind.

Mit dem Jil­bab möch­te sie sich vor den Bli­cken der Män­ner schüt­zen und den re­li­giö­sen Ge­bo­ten nach­kom­men. Um das zu ver­deut­li­chen, zi­tiert sie die Su­re 33,59 aus ei­ner Kom­men­tar­samm­lung zum Koran von Be­di­üz­za­man Said Nur­si: „(...) sa­ge zu den Frau­en der Gläu­bi­gen, dass sie sich mit ih­rem Über­wurf ver­hül­len sol­len.“Sie selbst möch­te sich auch ver­hül­len, da sie be­fürch­tet, durch die Bli­cke der Män­ner Sün­den auf sich zie­hen zu kön­nen. Ih­re Mut­ter und ih­ren Va­ter stö­re nicht, wie sich ih­re Toch­ter klei­det, son­dern sie be­stärk­ten sie in ih­rer Ent­schei­dung. Im Land­kreis fällt Sü­mey­ye auf. Vie­le Men­schen, so sagt sie, se­hen sie an und wer­fen ihr da­bei ganz ver­schie­de­ne Bli­cke zu: „Ei­ni­ge schau­en re­spekt­voll, das freut mich, aber an­de­re auch bö­se.“Sie be­fürch­tet, dass man­che Men­schen im Aus­land und hier in Deutsch­land die Art, wie sie sich klei­det, mit Ter­ro­ris­mus in Ver­bin­dung brin­gen könn­ten und ihr des­halb ab­leh­nend ge­gen­über ste­hen. Die Ter­ro­ris­ten in Sy­ri­en, sagt sie, miss­brau­chen aber den Is­lam.

Sie ver­ur­teilt de­ren Ta­ten und sagt, sie ha­be Re­spekt ge­gen­über al­len an­de­ren Re­li­gio­nen – er­war­te aber auch, dass man ihr Re­spekt ent­ge­gen­bringt. „Man soll­te sich be­son­ders in Bescheidenheit üben und den Men­schen in Not hel­fen“, merkt sie an. In Be­zug auf die Un­ru­hen in der Tür­kei sagt die Mus­li­ma, sie ha­be über­haupt kei­ne Angst, in ih­re Wahl­hei­mat zu­rück­zu­keh­ren. Und er­klärt: Soll­te ihr in fried­li­chen De­mons­tra­tio­nen et­was pas­sie­ren, dann hof­fe sie, dass Gott ihr ih­re Sün­den ver­ge­be. So wie es im Hei­li­gen Buch, dem Koran, ge­lehrt wird.

Hier in Günz­burg trifft sie sich je­den Sonn­tag pri­vat mit ei­ner Grup­pe Gläu­bi­ger. Ei­ne Ab­la („Schwes­ter“) er­klä­re ih­nen dann die Leh­ren Nur­sis, kos­ten­los, der gu­ten Ta­ten zu lie­be, wie sie sagt. Al­le Mit­bür­ger, die In­ter­es­se hät­ten et­was über den Koran zu er­fah­ren, sei­en herz­lich in die­ser Run­de will­kom­men.

Fo­to: Weiz­enegger

Sü­mey­ye Ce­lep­ci, hier in Günz­burg, wan­der­te in die Tür­kei aus.

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