Trit­tin for­dert Stra­f­abga­be für Ein­weg­fla­schen

Die um­welt­freund­li­che Pfand­fla­sche ist in Ge­fahr. Ex-Um­welt­mi­nis­ter Jür­gen Trit­tin und die Deut­sche Um­welt­hil­fe kri­ti­sie­ren des­halb den dro­hen­den Weg­fall der Mehr­weg­quo­te. Und sie ha­ben ei­nen wei­ter rei­chen­den Vor­schlag

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wirtschaft - VON JA­NIS DIETZ

Berlin Beim Thema Mehr­weg re­agiert Grü­nen-Po­li­ti­ker Jür­gen Trit­tin noch im­mer emo­tio­nal – be­son­ders, wenn sein po­li­ti­sches Ver­mächt­nis auf dem Spiel steht. Das neue Ver­pa­ckungs­ge­setz sei ein „um­welt­po­li­ti­scher Rück­schritt“, sagt der Ex-Um­welt­mi­nis­ter und Va­ter des um­strit­te­nen Do­sen­pfands. Denn in dem von SPD-Bun­des­um­welt­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Hend­ricks vor­ge­leg­ten Ge­setz­ent­wurf wur­de die so­ge­nann­te Mehr­weg­schutz­quo­te ge­stri­chen. Sie sei recht­lich nicht durch­setz­bar, hieß es zur Be­grün­dung. Trit­tin sieht dar­in „vor­aus­ei­len­den Ge­hor­sam“ge­gen­über der Lob­by gro­ßer Ge­trän­ke­kon­zer­ne.

Die Quo­te wur­de 1991 ein­ge­führt und soll­te si­chern, dass ein Min­dest­an­teil al­ler ver­kauf­ten Ge­trän­ke in Mehr­weg­fla­schen ab­ge­füllt wird. Am Di­ens­tag warn­ten nun Jür­gen Trit­tin und Jür­gen Resch, Bun­des­ge­schäfts­füh­rer der Deut­schen Um­welt­hil­fe, in Berlin vor ei­ner Ab­schaf­fung der Schutz­quo­te, die der­zeit bei 80 Pro­zent liegt. An ih­rer ist Cle­mens Stro­et­mann (CDU), der als Staats­se­kre­tär un­ter Um­welt­mi­nis­ter Klaus Töp­fer (eben­falls CDU) An­fang der 90er an der Ein­füh­rung der Schutz­quo­te be­tei­ligt war.

Der Mehr­weg­schutz spie­le im Ge­setz­ent­wurf nur noch ver­bal ei­ne Rol­le, klagt Stro­et­mann, mitt­ler­wei­le Ge­schäfts­füh­rer der Stif­tung Initia­ti­ve Mehr­weg. „Das Ge­setz ist um­welt­po­li­tisch nicht ak­zep­ta­bel.“Ge­mein­sam for­dern die Um­welt­hil­fe, Trit­tin und Stro­et­mann ei­ne Bei­be­hal­tung der Quo­te – und ei­ne zu­sätz­li­che Ab­ga­be von 20 Cent auf al­le Ein­weg-Ge­trän­ke­ver­pa­ckun­gen. Die so­ge­nann­te Len­kungs­ab­ga­be soll kei­ne zu­sätz­li­che Be­las­tung für die Ver­brau­cher sein, son­dern Un­ter­neh­men zum Um­stieg auf Mehr­weg be­we­gen.

Um­welt­mi­nis­te­rin Hend­ricks be­zeich­net den Vor­schlag in ei­ner ers­ten Re­ak­ti­on als recht­lich pro­ble­ma- tisch. Da­bei wür­de das Le­bens­mit­tel deut­lich preis­wer­ter als die Fla­sche und der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit sei nicht mehr ge­wahrt. Auch die Bei­be­hal­tung der Quo­te lehnt die Um­welt­mi­nis­te­rin ab.

Die Mehr­weg­quo­te in Deutsch­land ist seit Jah­ren rück­läu­fig. Als Re­ak­ti­on auf das Un­ter­schrei­ten der Schutz­quo­te wur­de am 1. Ja­nu­ar 2003 das „Do­sen­pfand“auf koh­len­säu­re­hal­ti­ge Ge­trän­ke ein­ge­führt. Kurz­fris­tig stieg der Mehr­weg-An­teil, mitt­ler­wei­le liegt er bei rund 40 Pro­zent.

Und der Trend dürf­te sich fort­set­zen: Co­ca Co­la nahm vor kur­zem die 0,5- und 1,5-Li­ter-PET-Mehr­weg­fla­schen aus dem Han­del. Der Bund Ge­trän­ke­ver­pa­ckun­gen der Zu­kunft (BGVZ), un­ter an­de­rem fi­nan­ziert von Lidl, Al­di und dem Groß­pro­du­zen­ten Red Bull, wirbt of­fen für Ein­weg­ver­pa­ckun­gen. Der BGVZ be­grün­det das mit der ver­bes­ser­ten Öko-Bi­lanz der Ein­weg­ver­pa­ckun­gen und der gro­ßen Ak­zep­tanz in der Be­völ­ke­rung. 98 Pro­zent al­ler Ein­weg­do­sen und -fla­schen wür­den zu­rück­ge­ge­ben.

„Mehr­weg ist die öko­lo­gisch vor­Sei­te teil­haf­tes­te Ver­pa­ckung“, hält Jür­gen Trit­tin da­ge­gen. Ei­ne PETMehr­weg­fla­sche sei im­mer noch halb so be­las­tend wie ei­ne Ein­weg­fla­sche. Die Um­welt­mi­nis­te­rin ha­be dem Druck der gro­ßen Kon­zer­ne nach­ge­ge­ben. Auch die Deut­sche Um­welt­hil­fe ist ent­täuscht. Mit Bar­ba­ra Hend­ricks ha­be es in drei Jah­ren Amts­zeit kein per­sön­li­ches Ge­spräch über das Mehr­weg­sys­tem ge­ge­ben, sagt Um­welt­hil­fe-Ge­schäfts­füh­rer Jür­gen Resch. „Wir sind des­halb nicht über­rascht, dass 1:1 die Politik der gro­ßen In­dus­trie-Un­ter­neh­men um­ge­setzt wird.“

Da­bei füh­re das Mehr­weg­sys­tem zu mehr Ar­beits­plät­zen und stär­ke­rer Viel­falt auf dem Ge­trän­ke­markt. Durch den zu­sätz­li­chen Ar­beits­auf­wand bei der Auf­be­rei­tung der Mehr­weg­fla­schen könn­ten bei ei­ner Quo­te von 80 Pro­zent rund 10 000 neue Jobs ent­ste­hen, rech­net die Um­welt­hil­fe. Zu­dem wür­den ge­ra­de klei­ne und mitt­le­re Be­trie­be mit dem Mehr­weg­sys­tem ar­bei­ten. Resch for­dert: „Wir müs­sen die klei­ne­ren Ab­fül­ler und die re­gio­na­le Viel­falt er­hal­ten.“Dass es ne­ben den Mehr­weg­fla­schen auch Ein­weg­fla­schen mit Pfand gibt, wis­sen laut ei­ner Em­nid-Um­fra­ge nur 45 Pro­zent der Be­völ­ke­rung. Die Ge­trän­ke-In­dus­trie will stär­ker dar­auf hin­wei­sen, ob es sich bei ei­nem Pro­dukt um Mehr­weg oder Ein­weg han­delt. Ei­ne ent­spre­chen­de Selbst­ver­pflich­tung un­ter­zeich­ne­ten rund 80 Pro­zent der Be­trie­be. Um­welt­hil­fe-Ge­schäfts­füh­rer Jür­gen Resch be­tont aber: „Wir glau­ben nicht an Selbst­ver­pflich­tun­gen und for­dern ei­ne ord­nungs­recht­li­che Re­ge­lung.“

Foto: stock­pho­to­graf, Fo­to­lia

Ein­weg-Fla­sche

Jür­gen Trit­tin

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