Die Qu­er­schüs­se der Staats­fein­de

Wie die Jus­tiz im Land­kreis von Reichs­bür­gern, Ger­ma­ni­ten und Co ge­pie­sackt wird

Mittelschwaebische Nachrichten - - Aus Der Heimat - VON RO­NALD HINZPETER

Land­kreis Nein, der deut­sche Kai­ser ist nicht et­wa tot, es gibt ihn im­mer noch – ir­gend­wie. Es ist ein Herr aus Dürr­lau­in­gen, der sich ei­ner­seits „Reichs­kriegs­ge­richts­prä­si­dent“und zu­gleich „kom­mis­sa­ri­scher Deut­scher Kai­ser“nennt. Das hat di­rek­te Aus­wir­kun­gen auf die Jus­tiz im Land­kreis Günz­burg, denn sie muss von Amts we­gen bei ihm zu­wei­len Geld ein­trei­ben, das er ein­fach nicht ge­willt ist, zu zah­len. Ei­ner­seits, weil er es an­geb­lich nicht hat, an­de­rer­seits, weil er die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land als Staat nicht an­er­kennt, und da­mit auch nicht die hie­si­ge Jus­tiz.

Der „kom­mis­sa­ri­sche Deut­sche Kai­ser“ist kein bi­zar­rer Ein­zel­fall. Das be­dau­ert Amts­ge­richts­di­rek­tor Wal­ter Hen­le aus­drück­lich. In Deutsch­land ver­wei­gern sich im­mer mehr Men­schen der staat­li­chen Macht und be­haup­ten, die Bun­des­re­pu­blik exis­tie­re nicht, denn das Deut­sche Reich be­ste­he wei­ter. Auch im Land­kreis tun das seit ei­ni­gen Jah­ren im­mer mehr Men­schen. Es sind nicht vie­le, nach Hen­les Schät­zung et­wa 15 oder 20, die im­mer wie­der auf­fal­len. Doch sie hal­ten die Jus­tiz durch­aus in Atem, denn sie bom­bar­die­ren sie mit al­ler­lei Schrift­sät­zen in ge­schwol­le­nem, aber feh­ler­haf­tem Deutsch. Und so prä­sen­tiert Hen­le im Ge­spräch mit un­se­rer Zei­tung ei­nen Kar­ton, der al­lein den Pa­pie­ren vor­be­hal­ten ist, die re­gel­mä­ßig aus dem Fax­ge­rät quil­len. Dort wird al­les ab­ge­legt, was von den so­ge­nann­ten Reichs­bür­gern, Ger­ma­ni­ten und dem so­ge­nann­ten Rechts­nor­men­schutz­ver­ein kommt. Al­le drei stam­men aus der rech­ten Ecke, sie leh­nen den deut­schen Staat in sei­ner jet­zi­gen Form ab und at­ta­ckie­ren die Jus­tiz, wo es geht. Der Rechts­nor­men­schutz­ver­ein tut das im Land­kreis Günz­burg schon seit ei­nem knap­pen Jahr­zehnt. Die Qu­er­schüs­se von Rechts ha­ben nach den Wor­ten von Hen­le mas­siv zu­ge­nom­men. Es ver­ge­he kaum ein Tag, an dem das Amts­ge­richt Günz­burg nicht mit dem Thema zu tun ha­be.

Da­bei steht für die Staats­leug­ner nicht un­be­dingt die Politik im Vor­der­grund, son­dern eher das Geld, das sie nicht zah­len wol­len. So weh­ren sie sich im­mer wie­der ge­gen Zwangs­voll­stre­ckun­gen oder ge­gen die Fern­seh­ge­bühr. Nicht um­sonst heißt es in den Zie­len der Ger­ma­ni­ten Par­tei („Das ist ei­ne ari­sche deut­sche Par­tei“) an vor­de­rer Stel­le: „Ge­richts­voll­zie­her gibt es nicht mehr! Soll­te je­mand in Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten ge­ra­ten, so haf­tet die Kom­mu­ne!“Wer al­so beim On­line-Händ­ler mal mehr be­stellt hat, als er sich leis­ten kann, darf die Rech­nung ge­trost dem Bür­ger­meis­ter rü­ber­rei­chen. Kein Füh­rer­schein? Kein Pro­blem: Den stellt eben der Staat Ger­ma­niti­en aus – na­tür­lich ge­gen ei­ne ge­wis­se Ge­bühr. Und so er­wischt die Po­li­zei im­mer wie­der Au­to­fah­rer, die zwar ein Do­ku­ment zü­cken kön­nen, das al­ler­dings nicht gül­tig ist.

Was sol­che Ver­ei­ni­gun­gen aus Sicht der Jus­tiz so un­an­ge­nehm macht, ist nicht nur die Ar­beit, die sie ver­ur­sa­chen – Hen­le: „Das bin­det Kräf­te, die an­ders­wo sinn­vol­ler ein­ge­setzt wä­ren“– sie schaf­fen auch mit per­fi­den Ein­schüch­te­rungs-Tricks. Jus­tiz­mit­ar­bei­ter wer­den mit hor­ren­den Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen über­zo­gen, die vor al­lem ei­nes be­wir­ken sol­len: Ve­r­un­si­che­rung. Be­rüch­tigt ist et­wa die so­ge­nann­te Mal­ta-Ma­sche, die schon mehr­fach in Deutsch­land ak­ten­kun­dig wur­de. Reichs­bür­ger er­fin­den Schul­den von Jus­tiz­an­ge­stell­ten und tra­gen sie in das ame­ri­ka­ni­sche On­line-Han­dels­re­gis­ter Uni­form Com­mer­ci­al Code ein, was oh­ne je­den Nach­weis funk­tio­niert. Die For­de­run­gen wer­den dann an von Reichs­bür­gern ge­grün­de­te In­kas­so-Bü­ros auf Mal­ta wei­ter­ge­reicht. In der Re­gel be­kom­men die von der dor­ti­gen Jus­tiz un­ge­prüft ei­nen Pfän­dungs­ti­tel aus­ge­stellt. Auf die­se Wei­se wur­den dem Augs­bur­ger Amts­ge­richts­di­rek­tor Bernd Mün­zen­berg 2,3 Mil­li­ar­den Dol­lar Schul­den an­ge­hängt. Doch ums Ein­trei­ben geht es den Staats­fein­den nicht, sie wol­len ver­un­si­chern. „Wer weiß schon, was pas­siert, wenn man in die USA reist und an der Gren­ze mit so ei­ner For­de­rung kon­fron­tiert wird“, fragt sich Hen­le. Er weiß aus den re­gel­mä­ßi­gen Be­spre­chun­gen mit sei­nen Amts­kol­le­gen, dass mitt­ler­wei­le je­der Ge­richts­be­zirk mit dem Thema be­hel­ligt wird.

Er will sich das Ge­ba­ren der Rechts­ra­di­ka­len nicht ge­fal­len las­sen und reicht al­les an die Staats­an­walt­schaft wei­ter, da­mit die Din­ge straf­recht­lich auf­ge­ar­bei­tet wer­den. Wenn es um Pro­zes­se geht, in de­nen sich ein Reichs­bür­ger oder Ger­ma­ni­te ver­ant­wor­ten muss, wer­den ver­schärf­te Si­cher­heits­vor­keh­run­gen an­ge­ord­net, denn der An­hang tritt ger­ne in grö­ße­ren und zu­wei­len laut­star­ken Grup­pen auf. Au­ßer­dem ha­ben die BRD-Ver­wei­ge­rer die An­ge­wohn­heit, Schrift­stü­cke „un­frei“wie­der zu­rück­zu­sen­den, wes­halb die Jus­tiz für das Por­to auf kom­men muss. Das hat Hen­le jetzt un­ter­bun­den. Sol­che Brie­fe wer­den nicht mehr an­ge­nom­men. Und noch ei­nes tut er den Reich­streu­en kund: „Spä­tes­tens dann, wenn je­mand in Haft kommt, wird er durch die nor­ma­ti­ve Kraft des Fak­ti­schen die BRD an­er­ken­nen.“

Fo­tos: Hinzpeter

Wich­tig­tue­ri­sches Ge­ba­ren von Staats­fein­den: Ein Mit­glied des ger­ma­ni­ti­schen „Di­plo­ma­ti­schen Korps“trägt sei­nen ei­ge­nen Reich­sad­ler auf der Brust. Günz­burgs Amts­ge­richts­di­rek­tor Wal­ter Hen­le und sei­ne Kol­le­gen ha­ben fast täg­lich mit Staats­ver­wei­ge­rern zu tun, de­ren Schrei­ben in ei­nem gro­ßen Kar­ton ab­ge­legt wer­den.

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