Fahr­an­fän­ge­rin nach Hor­ror­un­fall bei Ai­chen vor Ge­richt

Mit den Fol­gen kämp­fen die Op­fer bis heu­te. 19-Jäh­ri­ge wird ver­warnt

Mittelschwaebische Nachrichten - - Landkreis - VON WOLF­GANG KAH­LER

Günz­burg Es war ein Hor­ror­un­fall: Bei Ne­bel kam der Wa­gen in ei­ner Kur­ve von der Stra­ße ab, rutsch­te ei­ne Bö­schung hin­un­ter und über­schlug sich. Das Au­to, be­setzt mit vier Per­so­nen, fing Feu­er, ein In­sas­se auf dem Rück­sitz konn­te im letz­ten Au­gen­blick ge­ret­tet wer­den. Für die­sen Un­fall muss­te sich jetzt ei­ne 18-Jäh­ri­ge aus dem süd­li­chen Land­kreis, die am Steu­er ge­ses­sen hat­te, vor dem Ju­gend­rich­ter ver­ant­wor­ten.

Der Vor­wurf der Staats­an­walt­schaft ist gra­vie­rend: Am 31. Ok­to­ber ver­gan­ge­nen Jah­res war die jun­ge Frau auf der Staats­stra­ße 2027 bei Ai­chen im süd­li­chen Land­kreis Günz­burg un­ter­wegs. Es war nach 23 Uhr, die Sicht schlecht. In ei­ner Kur­ve ver­lor die Fahr­an­fän­ge­rin we­gen nicht an­ge­pass­ter Ge­schwin­dig­keit die Kon­trol­le über den Wa­gen. Das Au­to über­schlug sich, zwei In­sas­sen konn­ten sich selbst aus dem Wrack be­frei­en, der drit­te, ein jun­ger Mann war be­wusst­los und wur­de von ei­nem Zeu­gen ge­bor­gen. Dem An­walt der mitt­ler­wei­le 19-Jäh­ri­gen ging es vor al­lem dar­um, ob das Ju­gend­straf­recht bei die­ser fahr­läs­si­gen Kör­per­ver­let­zung an­ge­wen­det wer­den kön­ne. Üb­li­cher­wei­se gel­te bei Her­an­wach­sen­den, die den Füh­rer­schein be­sit­zen, das Er­wach­se­nen­straf­recht, sag­te Amts­ge­richts­di­rek­tor Wal­ter Hen­le. Die An­ge­klag­te be­sitzt ih­ren Füh­rer­schein seit Sep­tem­ber 2014. An die­sem spä­ten Abend soll­te es noch zu ei­ner Par­ty ge­hen, be­rich­te­te die An­ge­klag­te. Ei­ne Ge­fäl­lig­keits­tour. Weil die Bei­fah­rer­tür klemm­te, hat­ten die drei Mit­fah­rer auf der Rück­sitz­bank Platz ge­nom­men. „Es war neb­lig“, be­stä­tigt die 19-Jäh­ri­ge, doch die Fahr­bahn sei tro­cken ge­we­sen. Das ak­zep­tier­te Rich­ter Hen­le nicht. Laut Po­li­zei­pro­to­koll herrsch­te in der Nacht ei­ne Sicht­wei­te von 50 bis 100 Me­tern, die Fahr­bahn sei feucht ge­we­sen, ei­ne Ge­schwin­dig­keit von 60 St­un­den­ki­lo­me­ter be­reits grenz­wer­tig. Die jun­ge Frau war ganz of­fen­sicht­lich zu flott un­ter­wegs. Zwi­schen 70 und 77 St­un­den­ki­lo­me­tern, zi­tier­te Hen­le aus dem Gut­ach­ten ei­nes Sach­ver­stän­di­gen. In der Kur­ve war die An­fän­ge­rin mit ih­ren Fahr­küns­ten am En­de. Die Fol­gen des Un­falls: drei zum Teil schwer ver­letz­te jun­ge Leu­te, die bis heu­te noch dar­un­ter lei­den. Bei ei­ner Mit­fah­re­rin, de­ren Mut­ter Straf­an­trag ge­stellt hat­te, ent­schul­dig­te sich die An­ge­klag­te wäh­rend der Ver­hand­lung.

Rich­ter Hen­le be­zeich­ne­te den Un­fall­her­gang als „ty­pi­schen Fahr­an­fän­ger-Feh­ler“. Die 19-Jäh­ri­ge be­stä­tig­te auf Einwurf ih­res Ver­tei­di­gers, Rechts­an­walt Thilo Kap­fer (Augs­burg), dass sie psy­chi­sche Hil­fe in An­spruch ge­nom­men ha­be. Die Ju­gend­ge­richts­hil­fe plä­dier­te auf An­wen­dung des Ju­gend­straf­rechts, da die 19-Jäh­ri­ge erst kurz vor dem Un­fall voll­jäh­rig ge­wor­den sei. Sie lei­de seit­dem un­ter Schlaf­lo­sig­keit. „Nicht nur die An­ge­klag­te lei­det“, gab der Amts­ge­richts­di­rek­tor zu be­den­ken, „son­dern auch die Op­fer“. Nach An­sicht des Sach­ver­stän­di­gen wä­re der Un­fall ver­meid­bar ge­we­sen, wenn die An­ge­klag­te lang­sa­mer ge­fah­ren wä­re.

Die Staats­an­wäl­tin sah ei­nen ge­wis­sen Rei­fe­man­gel in der Ent­wick­lung so­wie man­geln­de Er­fah­rung im Stra­ßen­ver­kehr. Er­schwe­rend wer­te­te sie die er­heb­li­chen Ver­let­zun­gen der Op­fer. Ei­ne Ver­war­nung und ei­ne Geld­auf­la­ge von 800 Eu­ro so­wie ein Fahr­si­cher­heits­trai­ning sei­en als Be­stra­fung aus­rei­chend. Sei­ne Man­dan­tin, der wäh­rend der Ver­hand­lung mehr­fach die Trä­nen ka­men, ha­be schwer mit der Sa­che zu kämp­fen, sag­te An­walt Kap­fer. Aber sie sei voll ge­stän­dig und wol­le das Si­cher­heits­trai­ning ab­sol­vie­ren. Von ei­nem Fahr­ver­bot soll­te das Ge­richt ab­se­hen. Dem folg­te Amts­ge­richts­di­rek­tor Hen­le. We­gen fahr­läs­si­ger Kör­per­ver­let­zung in drei Fäl­len wur­de die jun­ge Frau ver­warnt. Au­ßer­dem muss sie ei­ne Geld­auf­la­ge von 800 Eu­ro zah­len und an ei­nem Fahr­si­cher­heits­trai­ning teil­neh­men. Hen­le be­ton­te, dass die An­ge­klag­te bei dem Un­fall ei­nen Schutz­en­gel ge­habt ha­be, denn die Fol­gen hät­ten noch viel schlim­mer aus­fal­len kön­nen. Das Ur­teil ist noch nicht rechts­kräf­tig.

Symbolfoto: Alex­an­der Ka­ya

Ei­ne 18-Jäh­ri­ge lan­de­te nach ei­nem schwe­ren Un­fall vor Ge­richt.

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