Ein Ju­wel aus ei­ner an­de­ren Zeit

Seit 1858 schmückt die An­ho­fer Müh­le das Os­ter­bach­tal. Da­hin­ter steckt viel Lie­be – und noch mehr Durch­hal­te­ver­mö­gen

Mittelschwaebische Nachrichten - - Mn-extra - VON IDA KÖ­NIG (TEXT) UND BERN­HARD WEIZ­ENEGGER (BIL­DER)

Ett­lis­ho­fen Nur ein schma­ler Schot­ter­weg, der von der Staats­stra­ße in Rich­tung Ett­lis­ho­fen nach links ab­geht, führt hin zur An­ho­fer Müh­le. Ein­ge­wach­sen liegt sie da, als woll­te sich das ro­man­ti­sche Ju­wel hin­ter den ho­hen Bü­schen und Bäu­men ver­ste­cken. Am We­grand sitzt ei­ne Kat­ze, die den sel­te­nen Be­such emp­fängt und ihn zu ih­rem Zu­hau­se be­glei­tet.

Nor­ma­ler­wei­se kom­men haupt­säch­lich Os­teo­pa­tie­pa­ti­en­ten die­sen Weg ent­lang. In der Müh­le be­fin­det sich die Pra­xis von Hu­bert Ries­ter, der dort zu­sam­men mit sei­ner Frau Isa­bel­la Ries­ter-Bil­ger wohnt. Sie kauf­te die Müh­le 1979 mit ih­rem ers­ten Mann, ei­nem Ar­chi­tek­ten. „Als wir hier an­ka­men, war es ei­ne ein­zi­ge Rui­ne“, er­in­nert sie sich. Al­te Fo­tos zei­gen ver­wüs­te­te Räu­me mit gro­ßen Lö­chern im Bo­den, ein Ba­by­bett, das vor­he­ri­ge Be­woh­ner ein­fach da­ge­las­sen hat­ten und ei­ne Au­ßen­an­sicht, die nur we­nig mit dem heu­ti­gen Bild zu tun hat­te. Dass die Müh­le so aus­sieht, wie sie es nun tut, ist der Preis jah­re­lan­ger Ar­beit und ei­nes star­ken Durch­hal­te­ver­mö­gens.

Denn Ries­ter-Bil­gers ers­ter Mann ha­be sie kur­ze Zeit nach dem Kauf ver­las­sen und sie nach ei­nem tra­gi­schen Un­fall, bei dem ei­nes ih­rer vier Kin­der ums Le­ben kam, mit den an­de­ren drei­en dort al­lein­ge­las­sen, er­zählt sie. Oh­ne ih­re El­tern, die 1982 in den mitt­le­ren Teil der Müh­le ein­zo­gen, hät­te sie es nicht ge­schafft. Sie wa­ren es auch, die vier Jah­re spä­ter das her­un­ter­ge­kom­me­ne Fach­werk auf der Rück­sei­te des Ge­bäu­des – dort, wo das Mahl­werk war – in An­griff nah­men. Der Raum der heu­ti­gen Pra­xis ist ei­nes der Herz­stü­cke des An­we­sens. Über die Hö­he von zwei Stock­wer­ken er­streckt sich das re­stau­rier­te Fach­werk, des­sen Zwi­schen­räu­me ver­glast sind. Im In­ne­ren hat die Fa­mi­lie ei­ne Mi­schung aus His­to­ri­schem und Mo­der­nem ge­schaf­fen. Hand­werk trifft auf Kunst – aus frü­he­ren Zei­ten ge­nau­so wie aus der Ge­gen­wart. Hier fin­det die pen­sio­nier­te Phy­sio­the­ra­peu­tin Zeit für ih­re Lei­den­schaft, das Ma­len. Stets zu hö­ren ist das klei­ne Kraft­werk, mit dem schon frü­her die Müh­le be­trie­ben wur­de. Seit den spä­ten 1920er Jah­ren wird dort Was­ser in Ener­gie um­ge­wan­delt, die für die Strom­ver­sor­gung im Haus sorgt. Was nach Un­ab­hän­gig­keit klingt, ist oft mit Ein­schrän­kun­gen ver­bun­den. Ge­ra­de ein­mal zwei Ki­lo­watt­stun­den Strom er­zeugt das klei­ne Ag­gre­gat – an Eng­päs­se und Strom­aus­fäl­le ist das Paar ge­wöhnt. Ein an­de­res Le­ben kön­nen sich die bei­den aber nicht mehr vor­stel­len. Sie ha­ben es sich ge­müt­lich ge­macht, ge­nie­ßen die Ru­he ge­mein­sam mit ih­ren vie­len Tie­ren. 20 Kat­zen le­ben im und rund um das Haus, Hun­de, Po­nys, Scha­fe und Hüh­ner ge­hö­ren eben­falls zur Müh­le.

Frü­her ge­hör­ten auch un­ge­be­te­ne Gäs­te mit da­zu. Rad­fah­rer grill­ten zum Teil be­reits am Sonn­tag­vor­mit- tag auf dem Pri­vat­grund­stück, er­zählt Ries­ter-Bil­ger. Des­we­gen um­gibt in­zwi­schen ein gro­ßer Holz­zaun ihr Zu­hau­se. Aus ver­schie­de­nen Grün­den sei das Ver­hält­nis zu den Alt­ein­ge­ses­se­nen an­fangs nicht im­mer ein­fach ge­we­sen. Doch aus­ge­rech­net die ge­plan­te ICE-Tras­se, die mit­ten durch die Wie­sen vor der Müh­le hin­durch­ge­hen soll­te und ge­gen die sie er­folg­reich kämpf­ten, ver­band die Fa­mi­lie en­ger mit dem Ort. Ries­ter-Bil­ger brach­te sich in der Lo­kal­po­li­tik ein, war stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de der Frei­en Wäh­ler im Bi­ber­tal.

In­zwi­schen ist die Bahn­tras­se vom Tisch und die ge­bür­ti­ge Ul­me­rin hat sich zur Ru­he ge­setzt, ge­nießt das Er­geb­nis ih­rer Ar­beit. Zwei Drit­tel der Müh­le sind sa­niert, Wohn- und Pra­xis­räu­me so ein­ge­rich­tet, wie es sich die bei­den vor­stel­len. Auch den Gar­ten ha­ben sie nach ih­rem Ge­schmack ge­stal­tet – seit die An­ho­fer Müll­kip­pe auf der an­de­ren Sei­te des klei­nen Wal­des ver­schwun­den ist, ist das ein­fa­cher ge­wor­den. Jah­re­lang sam­mel­te sie Glas­scher­ben ein, er­zählt Ries­terBil­ger, da­mit sich ih­re da­mals noch klei­nen Kin­der nicht ver­letz­ten. Erst vor vier Jah­ren spül­te ein Hoch­was­ser den ge­sam­ten Müll aus An­ho­fen hin­ab zur Müh­le. „Ei­gent­lich ist das Haus ei­ne Fehl­kon­struk­ti­on“, sagt Hu­bert Ries­ter und lacht.

Denn es liegt tie­fer als der Über­lauf des Os­ter­bachs auf der Rück­sei­te des An­we­sens. Frü­her ging es im In­ne­ren des­halb ein paar Stu­fen hin­un­ter zu den Wohn­räu­men. Das hat­te zur Fol­ge, dass ehe­ma­li­ge Be­woh­ner den Win­ter schon in den obe­ren Stock­wer­ken ver­brin­gen muss­ten, weil der Bach ein­fach durch die al­te Kü­che hin­durch­ge­n­eben flos­sen und an­schlie­ßend ein­ge­fro­ren war. Hoch­was­ser gibt es noch im­mer – doch dank gu­ter Vor­be­rei­tung konn­te das Was­ser bis­her nicht wie­der ins Haus ein­drin­gen.

An den al­ten Zu­stand der Müh­le er­in­nern vor al­lem die obe­ren Stock­wer­ke im lin­ke´n Drit­tel des Ge­bäu­des. Die­sen Teil nutzt das Paar nicht, er ist durch mas­si­ve Feu­er­schutz­tü­ren vom Rest des Hau­ses ge­trennt und noch im­mer in dem Zu­stand, wie ihn die letz­ten Be­woh­ner ver­las­sen ha­ben. „Das müs­sen die ma­chen, die nach uns kom­men“, sagt sie. Die, die vor­her da wa­ren, nah­men vor ei­ni­ger Zeit ei­nen wei­ten Weg auf sich, um ihr da­ma­li­ges Zu­hau­se auf Zeit an­zu­se­hen. Denn nach dem Zwei­ten Welt­krieg wa­ren in die­sem Teil der Müh­le Flücht­lin­ge un­ter­ge­bracht. Ei­ni­ge von ih­nen le­ben noch heu­te in der Re­gi­on um das Bi­ber­tal, ei­ne Fa­mi­lie ist bis nach Aus­tra­li­en aus­ge­wan­dert. „Sie wa­ren ganz über­rascht, dass al­les noch so aus­sieht wie in ih­rer Er­in­ne­rung“, sagt Ries­ter-Bil­ger.

Die Ge­schich­te der Müh­le geht noch sehr viel wei­ter zu­rück. Auch noch vor das Grün­dungs­jahr 1858. Denn be­reits zu­vor gab es in un­mit­tel­ba­rer Nä­he zwei Müh­len, die ers­te be­reits im 16. Jahr­hun­dert. In ver­schie­de­nen Schrif­ten wird die An­ho­fer Müh­le mit ih­ren Be­sit­zern, Le­hens­her­ren und Mül­lern er­wähnt. Da­mit be­schäf­tigt sich Ries­ter-Bil­ger, seit sie im Ru­he­stand ist – sie schreibt an ei­ner Chro­nik. So kann sie nicht nur das Ge­bäu­de, son­dern auch sei­ne Ge­schich­ten er­hal­ten und wei­ter­ge­ben.

„Selbst wenn wir im Al­ter nur ein Zim­mer be­woh­nen, das hier ist un­ser Zu­hau­se.“Isa­bel­la Ries­ter-Bil­ger Ein­bli­cke

Im Os­ter­bach­tal bei Ett­lis­ho­fen steht seit dem Jahr 1858 die An­ho­fer Müh­le. Ge­mah­len wird hier schon seit dem Zwei­ten Welt­krieg nicht mehr, doch das Ge­bäu­de hat Fa­mi­lie Ries­ter-Bil­ger zu ih­rem Zu­hau­se ge­macht.

Die­ser Teil der Müh­le ist ein be­son­de­res Ju­wel. Das Fach­werk rechts wur­de er­neu­ert und ver­glast, auf der lin­ken Sei­te wur­de das al­te Fach­werk er­hal­ten.

Hin­ter dem Haus liegt ein Über­lauf des Os­ter­bachs. Er be­treibt das klei­ne Was­ser­kraft­werk – setz­te aber vor vie­len Jah­ren auch schon die Müh­le un­ter Was­ser.

Nicht nur für Men­schen, auch für Tie­re ist die An­ho­fer Müh­le ein Zu­hau­se: Kat­zen, Hun­de, Po­nys, Hüh­ner und Scha­fe le­ben in und rund um das An­we­sen.

Die­ses klei­ne Ag­gre­gat ver­sorgt die Müh­le mit Strom. Eng­päs­se ist Fa­mi­lie Ries­ter-Bil­ger aber ge­wohnt.

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