Trau­er um Vo­scher­au

Fast zehn Jah­re lang lenk­te der SPD-Po­li­ti­ker als Ers­ter Bür­ger­meis­ter die Ge­schi­cke Ham­burgs

Mittelschwaebische Nachrichten - - Erste Seite - Mar­kus Klemm, dpa

Der ehe­ma­li­ge Ham­bur­ger Bür­ger­meis­ter Hen­ning Vo­scher­au ist kurz nach sei­nem 75. Ge­burts­tag ge­stor­ben. Er er­lag ei­nem Hirn­tu­mor. SPD-Chef Gabriel wür­dig­te ihn als „be­son­ne­nen Strei­ter für so­zia­len Aus­gleich“.

Ham­burg Für vie­le Ham­bur­ger war Hen­ning Vo­scher­au die Ver­kör­pe­rung ei­nes ech­ten Han­sea­ten: über­aus kor­rekt, ein we­nig kühl und dis­tan­ziert, mit­un­ter auch ar­ro­gant. „Als Groß­stadt­bür­ger­meis­ter braucht man Fleiß, Här­te und Prä­zi­si­on“, sag­te er einst über sein Ver­ständ­nis des Am­tes. Vo­scher­au ist im Al­ter von 75 Jah­ren in der Nacht von Di­ens­tag auf Mitt­woch an den Fol­gen ei­nes Hirn­tu­mors ge­stor­ben. Der Han­se­stadt hin­ter­lässt ein be­deu­ten­des Er­be: den neu­en Stadt­teil Ha­fen­ci­ty an der El­be.

Das Haar silb­rig weiß, hel­le Au­gen und ein ju­gend­li­ches Ge­sicht, so bleibt der SPD-Po­li­ti­ker in Er­in­ne­rung. Vo­scher­au, der von 1982 bis 1997 die SPD-Frak­ti­on in der Bür­ger­schaft führ­te, war 1988 ins Amt des Ers­ten Bür­ger­meis­ters ge­wählt wor­den. In die SPD war der Spross ei­ner Ham­bur­ger Schau­spiel­erfa­mi­lie 1966 ein­ge­tre­ten. Dass Vo­scher­au 1997 ei­nen Schluss­strich un­ter sei­ne po­li­ti­sche Kar­rie­re zog, hin­der­te ihn nicht, sich wei­ter ein­zu­mi­schen, et­wa in der Dro­gen­po­li­tik, beim um­strit­te­nen Koh­le­kraft­werk Mo­or­burg oder für wei­te­re Elb­ver­tie­fun­gen. 2008 bot er sich als „Jo­ker“für die SPD-Spit­zen­kan­di­da­tur zur Bür­ger­schafts­wahl an. Doch er kam nicht zum Zu­ge.

Vo­scher­au, am 13. Au­gust 1941 in Ham­burg als Sohn ei­nes Schau­spie­lers ge­bo­ren, galt als en­ger Freund von Alt­kanz­ler Hel­mut Schmidt (SPD, 1918–2015) und des­sen Ehe­frau Lo­ki (1919–2010). Er hielt im Ham­bur­ger Mi­chel ei­ne ge­fühl­vol­le Trau­er­re­de auf Lo­ki – sie hat­te sich das ge­wünscht. Er stand dem Alt­kanz­ler bei: „Hel­mut, du musst uns Freun­den hel­fen fest­zu­stel­len, wie wir dir jetzt hel­fen kön­nen.“Ge­schlif­fe­ne Re­den, auch aus dem Ste­g­reif, zeich­ne­ten ihn aus.

Die Bun­des­no­tar-Ord­nung nö­tig­te den pro­mo­vier­ten Ju­ris­ten im Al­ter von 70 Jah­ren da­zu, sei­nen ge­lieb­ten Be­ruf 2011 an den Na­gel zu

In den Ru­he­stand zu ge­hen, konn­te er sich nie vor­stel­len

hän­gen. „Plötz­lich“muss­te er – seit 1974 No­tar – sich ei­ne neue Be­schäf­ti­gung su­chen. Er wech­sel­te zur Bü­ro­ge­mein­schaft sei­nes Soh­nes, des Im­mo­bi­li­en­an­walts Carl Chris­ti­an Vo­scher­au. Nicht je­der war er­freut, als sich Vo­scher­au 2012 auf Vor­schlag des rus­si­schen Ener­gie­rie­sen Gaz­prom zum Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den des Gas­pro­jekts South Stream wäh­len ließ. Zu­vor war be­reits sein Bru­der, der frü­he­re BASF-Chef Eg­gert Vo­scher­au, bis 2009 Auf­sichts­rat bei der Nord Stream AG ge­we­sen. South Stream soll­te Gas von Russ­land durch das Schwar­ze Meer nach Sü­d­eu­ro­pa pum­pen. Das Pro­jekt wur­de 2014 von Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin ge­stoppt.

Doch der da­mals 73-Jäh­ri­ge fühl­te sich auch da­nach nicht reif für den Ru­he­stand. Er über­nahm im De­zem­ber 2014 den Vor­sitz der neu­en Min­dest­lohn­kom­mis­si­on. Es soll­te sein letz­tes Amt sein: We­gen ei­ner schwe­ren Kopf­ope­ra­ti­on muss­te Vo­scher­au den Kom­mis­si­ons­vor­sitz im April 2015 schließ­lich wie­der ab­ge­ben.

Fo­to: ima­go

Hen­ning Vo­scher­au ist mit 75 Jah­ren ge­stor­ben.

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