Tausch­han­del mit der Na­tur

Wird ein neu­es Bau­ge­biet aus­ge­wie­sen, müs­sen Kom­mu­nen und auch Pri­vat­per­so­nen Aus­gleichs­flä­chen für die zer­stör­te Na­tur schaf­fen. Ro­man­ti­sche Vor­stel­lun­gen ha­ben in der Welt der Bau­leit­pla­nung aber nur we­nig Platz

Mittelschwaebische Nachrichten - - Erste Seite - VON STE­FAN REINBOLD

Wird ein neu­es Bau­ge­biet aus­ge­wie­sen, müs­sen Kom­mu­nen Aus­gleichs­flä­chen für die Na­tur schaf­fen. Nach wel­chen Re­geln das ge­schieht, le­sen Sie auf

Krum­bach Li­bel­len schwir­ren durch die Luft, zwi­schen dem Schilf dreht ge­mäch­lich ein Teich­huhn sei­ne Run­den auf dem klei­nen Tüm­pel am Wald­rand. Im ho­hen Ufer­gras zir­pen Gril­len und Heu­schre­cken, die in Scha­ren da­von hüp­fen, wenn sich ein Mensch nä­hert. Die Na­tur­oa­se oben auf dem Augs­bur­ger Berg in Thann­hau­sen, ein­ge­klemmt zwi­schen Wald und Bun­des­stra­ße, wirkt, als wä­re es hier nie an­ders ge­we­sen. Tat­säch­lich han­delt es sich hier aber um Men­schen­werk.

Das Idyll ent­stand als Aus­gleichs­maß­nah­me für den Bau der Wa­ke­boar­d­an­la­ge. Nicht nur Kom­mu­nen, auch pri­va­te Bau­her­ren müs­sen für ei­nen ent­spre­chen­den Aus­gleich sor­gen, wenn durch ih­re Bau­maß­nah­me Na­tur zer­stört wird. So schreibt es das Bun­des­na­tur­schutz­ge­setz und das Bau­ge­setz­buch vor. Die Idee da­hin­ter ist, dass die durch den Ein­griff für die Na­tur nach­tei­li­gen Fol­gen ver­mie­den oder zu­min­dest ver­rin­gert wer­den.

Wie das geht, da­für gibt es kla­re Re­geln. Die so­ge­nann­te Bau­leit­pla­nung ist ei­ner der kom­pli­zier­tes­ten und lang­wie­rigs­ten Pro­zes­se kom­mu­na­ler Ver­wal­tungs­tä­tig­keit. Zu­nächst ein­mal er­fasst ei­ne Stadt oder Ge­mein­de die Land­schaft in ih­rem Zu­stän­dig­keits­be­reich. Der so­ge­nann­te Land­schafts­plan ist Be­stand­teil des Flä­chen­nut­zungs­plans, der auch bau­li­che Pla­nun­gen be­inhal­tet – vom Hoch­was­ser­schutz über Stra­ßen bis zu be­ste­hen­den und zu­künf­ti­gen Bau- und Ge­wer­be­ge­bie­ten, er­klärt Thann­hau­sens Stadt­bau­meis­ter Ste­phan Mar­tens-Weh. „Al­le 15 Jah­re soll­ten sich die Rä­te Ge­dan­ken dar­über ma­chen, wo die Rei­se hin­geht.“

Die Kom­mu­ne hat die Pla­nungs­ho­heit bei der Er­stel­lung des Flä­chen­nut­zungs­plans. Al­ler­dings kön­nen ih­re Ver­tre­ter nicht selbst­herr­lich schal­ten und wal­ten. So muss sich der Flä­chen­nut­zungs­plan auch an die Vor­ga­ben des Re­gio­nal­plans hal­ten. Die Re­gio­nal­plä­ne wer­den aus dem Lan­des­ent­wick­lungs­pro­gramm ent­wi­ckelt. Sie wer­den von re­gio­na­len Pla­nungs­ver­bän­den auf­ge­stellt, im Land­kreis Günzburg der Re­gio­nal­ver­band Do­nau-Il­ler. Sie be­inhal­ten Fest­le­gun­gen, Zie­le und Grund­sät­ze et­wa zur Sied­lungs­ent­wick­lung, aber auch Vor­ga­ben zum Um­welt­schutz. Weil Stadt­rä­te nicht zwin­gend Fach­leu­te sind, sind bei der Er­stel­lung des Flä­chen­nut­zungs­plans auch die Fach­be­hör­den mit ein­ge­bun­den. „Mit dem Flä­chen­nut­zungs­plan ist aber noch kein ver­bind­li­ches Bau­recht ge­schaf­fen“, er­läu­tert Mar­tens-Weh. Ver­bind­li­che Vor­ga­ben schafft erst der Be­bau­ungs­plan. Wird ein neu­es Bau­ge­biet aus­ge­wie­sen, wie zum Bei­spiel in Thann­hau­sen am „Bea­tus­steig“, müs­sen die Ver­tre­ter öf­fent­li­cher und be­hörd­li­cher Be­lan­ge in min­des­tens zwei Schrit­ten in­for­miert wer­den. In ei­nem ers­ten Schritt ist es üb­lich, sich zu ei­nem so­ge­nann­ten Sco­ping-Ter­min im Land­rats­amt mit den Ver­tre­tern der Fach­be­hör­den zu­sam­men­zu­set­zen, um den Rah­men für ein sol­ches Pro­jekt zu ste­cken. Hier­bei wird auch ge­klärt, auf wel­che Be­lan­ge zu ach­ten ist. In ei­nem zwei­ten Schritt muss der Ent­wurf für den Be­bau­ungs­plan des neu­en Bau­ge­biets dann vier Wo­chen öf­fent­lich aus­ge­legt wer­den. Die be­tei­lig­ten Be­hör­den er­hal­ten in der Re­gel je­weils ei­ne Ko­pie des Plans. Im Prin­zip kann je­der Bür­ger zu dem Pla­nungs­ent­wurf Stel­lung neh­men. Der Stadt­rat muss dann in ei­ner Sit­zung die ein­zel­nen Stel­lung­nah­men der Rei­he nach ab­wä­gen. „Das ist die Kö­nigs­dis­zi­plin, auch wenn es manch­mal lang­wei­lig ist“, sagt Mar­tens-Weh. Um Rechts­si­cher­heit her­zu­stel­len, ist es aber sehr wich­tig, dass die Rä­te je­den Ein­wand rich­tig ab­wä­gen, und fun­diert be­grün­den, wenn sie ei­nen Ein­wand ver­wer­fen. Hält der Stadt­rat ei­nen Ein­wand für be­grün­det, hat das im­mer ei­ne Plan­än­de­rung zur Fol­ge. Der über­ar­bei­te­te Plan, muss dann er­neut aus­ge­legt wer­den.

In Sa­chen Na­tur­schutz ist Ott­mar Frim­mel von der Un­te­ren Na­tur­schutz­be­hör­de am Land­rats­amt Günzburg der wich­tigs­te An­sprech­part­ner. Frim­mel brennt für den Na­tur­schutz, ist aber auch prag­ma­tisch ver­an­lagt. „Es gibt im­mer un­ter­schied­li­che Be­lan­ge, die ab­ge­wo­gen wer­den müs­sen, der Na­tur­schutz ist ei­ner un­ter vie­len.“

Oft klag­ten die Men­schen über die Flut an Vor­schrif­ten, auch in Sa­chen Um­welt­schutz. Für Frim­mel hat das al­les sei­nen Sinn: „Wenn’s die­ses In­stru­men­ta­ri­um nicht gä­be, wür­de es bei uns auch nicht so aus­se­hen.“Deutsch­land ist ei­nes der am dich­tes­ten be­sie­del­ten Ge­bie­te der Welt, trotz­dem gibt es hier noch in­tak­te Na­tur. Es ge­he dar­um, auch in Zu­kunft Ar­ten und ih­re Le­bens­räu­me, Bo­den, Luft, Was­ser, Kli­ma und das Land­schafts­bild zu er­hal­ten. „Man weiß heu­te, wel­che An­sprü­che Ar­ten ha­ben. Die­se Struk­tu­ren müs­sen wir schaf­fen.“

Das Be­wusst­sein und da­mit auch die Vor­ga­ben zum Na­tur­schutz sei­en ins­be­son­de­re in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren stark ge­wach­sen, sagt Mar­tens-Weh. Das zeigt sich auch an strik­ten Re­ge­lun­gen zur Aus­wei­sung von Aus­gleichs­flä­chen bei Bau­vor­ha­ben. „Ich muss an­hand der Vor­ga­ben er­mit­teln, wie viel Land­schaft ka­putt­ge­macht wird“, sagt Thann­hau­sens Stadt­bau­meis­ter Ste­phan Mar­tens-Weh.

Um den Wert der zer­stör­ten Na­tur zu er­mit­teln, wird die öko­lo­gi­sche Be­deu­tung des zu be­bau­en­den Ge­bie­tes er­fasst und ka­te­go­ri­siert, noch ehe der ers­te Bag­ger rollt. Ein land­wirt­schaft­lich in­ten­siv ge­nutz­ter Acker hat bei­spiels­wei­se ei­ne ge­rin­ge­re Wer­tig­keit als ei­ne Streu­obst­wie­se. Ei­ne Rol­le spielt auch die Schwe­re des ge­plan­ten Ein­griffs und wie hoch der Ver­sie­ge­lungs- und Nut­zungs­grad der Be­bau­ung sein wird. Es macht al­so ei­nen Un­ter­schied, ob auf glei­cher Flä­che drei Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser oder zwei Ein­fa­mi­li­en­häu­ser mit gro­ßem Gar­ten ste­hen. Aus der Kom­bi­na­ti­on bei­der Wer­te er­gibt sich der Kom­pen­sa­ti­ons­fak­tor, mit dem die Grö­ße der Aus­gleichs­flä­che er­rech­net wird. Bei ei­nem Bau­vor­ha­ben mit ho­hem Ver­sie­ge­lungs- und Nut­zungs­grad auf ei­nem Ge­biet ge­rin­ger öko­lo­gi­scher Be­deu­tung wird ein Kom­pen­sa­ti­ons­fak­tor zwi­schen 0,3 und 0,6 an­ge­legt. Für ei­nen Hekt­ar Bau­ge­biet muss dem­nach ei­ne Aus­gleichs­flä­che von min­des­tens 3000 Qua­drat­me­tern an­ge­legt wer­den. Dies kann ent­we­der in­ner­halb des neu aus­ge­wie­se­nen Bau­ge­biets er­fol­gen, oder ex­tern. Ein­mal aus­ge­wie­se­ne Aus­gleichs­flä­chen sind auch für künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen als Bau­ge­biet ta­bu.

Auch hier ist Frim­mel prag­ma­tisch ver­an­lagt. Wich­tig ist ihm, dass die Aus­gleichs­flä­chen leicht ge­pflegt wer­den kön­nen. Am liebs­ten ist es ihm, wenn sie im Be­sitz der Kom­mu­nen blei­ben. Das schöns­te Bio­top bringt näm­lich nicht’s, wenn es nicht ge­pflegt wird. Mul­den im Min­del­tal, als Nah­rungs­bio­to­pe für den Storch an­ge­legt, wür­den schnell zu­wach­sen, wenn sie nicht ge­mäht wer­den. Neue Was­ser­mul­den wer­den in­zwi­schen so an­ge­legt, dass sie be­quem mit dem Trak­tor ge­mäht wer­den kön­nen. Dem Storch ist es egal, wenn ein sol­ches Bio­top nicht un­se­ren ro­man­ti­schen Vor­stel­lun­gen von Na­tur ent­spricht. Haupt­sa­che er fin­det ge­nü­gend Frö­sche und Wür­mer da­rin. »Kom­men­tar

Fo­to: Reinbold

Ott­mar Frim­mel von der Un­te­ren Na­tur­schutz­be­hör­de am Land­rats­amt (links) und Thann­hau­sens Stadt­bau­meis­ter Ste­phan Mar­tens-Weh ar­bei­ten eng mit­ein­an­der zu­sam­men, wenn es um die Er­stel­lung von Aus­gleichs­flä­chen im Zu­ge der Aus­wei­sung neu­er Bau­ge­bie­te geht. Die Streu­obst­wie­se bei Burg ist so ei­ne Flä­che.

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