Von der Schu­le auf die Farm

Sha­lin Wild reis­te über ein po­li­ti­sches Sti­pen­di­um für ein Jahr in die USA. Was sie dort er­lebt hat

Mittelschwaebische Nachrichten - - K!ar.text - VON SA­RAH-KAT­HA­RI­NA MERK

Nie­der­rau­nau Vor gut ei­nem Jahr traf Sha­lin Wild die Ent­schei­dung, sich für das Par­la­men­ta­ri­sche Pa­ten­schafts–Pro­gramm des Deut­schen Bun­des­ta­ges zu be­wer­ben, um ein Jahr in den USA zu ver­brin­gen. Nun ist die 21-Jäh­ri­ge zu­rück und ist um ei­ni­ge Er­leb­nis­se rei­cher.

Ei­gent­lich hat­te Sha­lin noch nie ernst­haft dar­über nach­ge­dacht ins Ausland zu ge­hen. Doch vor gut ei­nem Jahr kam ihr Va­ter von der Ar­beit nach Hau­se und hat­te ei­nen Zei­tungs­ar­ti­kel für sie da­bei. Der Be­richt über das Pro­gramm weck­te ihr In­ter­es­se. Es bie­tet ge­mein­sam mit der Ge­sell­schaft für in­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit jun­gen Men­schen die Mög­lich­keit, durch ein Sti­pen­di­um ein Jahr in die USA zu ge­hen. Nicht nur Rei­se- und Pro­gramm­kos­ten so­wie die not­wen­di­gen Ver­si­che­rungs­kos­ten wer­den über­nom­men. Die jun­gen Men­schen er­hal­ten auch ei­nen deut­schen Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten als Pa­ten. Die Ge­sell­schaft für In­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit ist für die Aus­wahl der Be­wer­ber zu­stän­dig und be­glei­tet sie vor und nach dem Aus­lands­jahr.

Die ge­lern­te Ein­zel­han­dels­kauf­frau be­such­te zu­letzt die Be­rufs­ober­schu­le in Krum­bach. Weil sie schon ei­ne Aus­bil­dung ab­ge­schlos­sen hat­te, be­warb sich Sha­lin für das Pro­gramm für jun­ge Be­rufs­tä­ti­ge. Ein­rei­chen muss­te sie Un­ter­la­gen über Schul­ab­schluss und Aus­bil­dung, so­wie ein Mo­ti­va­ti­ons­schrei­ben ein­rei­chen. An­schlie­ßend wur­de sie nach Bonn ein­ge­la­den, um dort drei Tests zu schrei­ben. Ge­fragt wa­ren Eng­lisch­kennt­nis­se, All­ge­mein­wis­sen und ihr Ver­hal­ten in Si­tua­tio­nen, die Sha­lin im Ausland be­geg­nen konn­ten. Un­ter an­de­rem wur­den die Ein­woh­ner­zah­len der USA und Deutsch­lands ab­ge­fragt, er­zählt sie. Aber nicht nur No­ten und Wis­sen zäh­len, auch der Cha­rak­ter und so­zia­les En­ga­ge­ment spie­len bei der Aus­wahl ei­ne Rol­le. So­mit ha­be je­der ei­ne Chan­ce. Aber sie sagt auch: „Ein biss­chen Glück ge­hört da­zu bei der Be­wer­bung“. Sha­lin sie hat­te Glück. Drei Mo­na­te spä­ter er­hielt sie ei­ne Zu­sa­ge und Ge­org Nüß­lein als Pa­ten aus dem Bun­des­tag. Ih­re Gast­fa­mi­lie in Cen­ter­vil­le und das In­dia­na Hills Com­mu­ni­ty Col­le­ge im Bun­des­staat Io­wa such­te die Or­ga­ni­sa­ti­on aus. Die half ihr auch, das Vi­sum zu be­an­tra­gen. Zum Vor­be­rei­tungs­se­mi­nar ging es nach Würzburg.

Ein biss­chen zwei­fel­te sie schon, ob die Be­wer­bung die rich­ti­ge Ent­schei­dung war, sagt sie. Aber die­se Ge­dan­ken soll­ten schon schnell wie­der der Ver­gan­gen­heit an­ge­hö­ren. An­ge­kom­men in den USA war Sha­lin be­son­ders po­si­tiv von der freund­li­chen Art der Ame­ri­ka­ner über­rascht. Haupt­an­sprech­part­ner vor Ort war von nun an Cul­tu­ral Vis­tas, ei­ne ge­mein­nüt­zi­ge Or­ga­ni­sa­ti­on, die Aus­tausch­pro­gram­me be­glei­tet. Die­se lei­te­te auch das Ein­füh­rungs­und Ab­schluss­se­mi­nar in­ner­halb der USA. Die aus­ge­wähl­ten 75 jun­gen Er­wach­se­nen die „un­ter­schied­li­cher nicht sein hät­ten kön­nen“, wie Sha­lin er­zählt, hat­ten so in New York Ci­ty und Wa­shing­ton D.C. die Mög­lich­keit, vor Ort et­was über ih­re neue Um­ge­bung zu ler­nen und sich über ge­mach­te Er­fah­run­gen aus­zu­tau­schen. Da­bei er­fuh­ren sie un­ter an­de­rem, wie sie sich in­te­grie­ren kön­nen, lern­ten et­was über kor­rek­tes Ver­hal­ten in der Gast­fa­mi­lie, und be­ka­men ge­zeigt, wie man ei­nen Le­bens­lauf auf Eng­lisch ver­fasst. Die­sen brauch­te sie, um sich – ge­mäß der Vor­ga­ben der Or­ga­ni­sa­ti­on – ei­ne Ar­beit zu su­chen.

Ein klei­nes Tief hat­te Sha­lin, als sie nach drei Mo­na­ten im­mer noch kei­nen Job ge­fun­den hat­te. Trotz­dem blieb sie po­si­tiv: „Es gibt mal Tiefs, aber da kommt man wie­der raus.“Sie be­warb sich wei­ter und fand kur­ze Zeit spä­ter ei­ne ers­te Ar­beits­stel­le in der Ca­fe­te­ria des Col­le­ges. Dort lern­te sie vie­le neue Be­kann­te ken­nen. An­schlie­ßend hat­te sie noch die Mög­lich­keit, in ei­ner Ac­coun­ting Com­pa­ny – ei­nem Steu­er­hil­fe­bü­ro – Ein­bli­cke in den Be­rufs­all­tag in den USA zu ge­win­nen. Hier fiel ihr be­son­ders auf, dass das Ver­hält­nis un­ter Ar­beits­kol­le­gen dort et­was an­ders ist, als das in Deutsch­land: „In Ame­ri­ka ver­hal­ten sich die Kol­le­gen mehr wie Kum­pels.“Aber nicht nur in der Ar­beit sei ei­ni­ges an­ders. Auch die zu ler­nen un­ter­schei­de sich von der der Deut­schen. Ein­mal ha­be sie nur vor ei­nem Bild­schirm mit Kopf­hö­rern ge­ses­sen. Ein Leh­rer war nicht da. Zu­dem ha­be je­der Stu­dent ei­nen Col­le­ge Ko­or­di­na­tor, der per­sön­lich auf ihn ein­geht und bei Pro­ble­men wei­ter­hilft. Bei Sha­lin war das ih­re Gast­mut­ter Me­lis­sa Ne­her.

Auf der Farm ih­rer Gast­fa­mi­lie fühl­te sie sich sehr wohl. Manch­mal konn­te sie auch ein biss­chen mit­hel­fen. Zum Bei­spiel beim Schwei­ne­trei­ben. In dem Fa­mi­li­en­be­trieb wird sehr viel ge­ar­bei­tet, er­zählt sie. Da kam es auch schon mal vor, dass sie ih­ren Gast­va­ter ei­nen gan­zen Tag nicht sah. Trotz­dem wa­ren die Ga­s­t­el­tern für die jun­ge Deut­sche da. Auch mit ih­rem 16-jäh­ri­gen Gast­bru­der ver­stand sie sich gut. Ihr zwei­ter, gleich­alt­ri­ger Gast­bru­der stu­dier­te eben­falls, wohn­te des­halb et­was wei­ter weg.

Als Sha­lins El­tern sie zu ih­rem Ge­burts­tag be­su­chen ka­men, konn­ten die­se so­gar bei ih­rer Gast­fa­mi­lie woh­nen. Ihr Bru­der Kim be­such­te sie mit ei­nem Freund et­was spä­ter in Las Ve­gas. Nicht nur ih­re ei­ge­ne Fa­mi­lie setz­te sich in den Flie­ger, um Sha­lins Le­ben in den USA kenArt nen­zu­ler­nen. Auch ihr Freund be­such­te die jun­ge Nie­der­rau­naue­rin zu­sam­men mit sei­nen El­tern. Die Be­zie­hung hielt trotz der Ent­fer­nung. Das sei nicht bei al­len der 75 jun­gen Teil­neh­mer des Pro­gram­mes so ge­we­sen. Trotz­dem sagt sie: „Man soll­te die Ent­schei­dung, ins Ausland zu ge­hen, nicht da­von ab­hän­gig ma­chen. Es ist mach­bar und wenn es das Rich­ti­ge ist, dann hält es.“

Die jun­ge Frau kann das Par­la­men­ta­ri­sche Pa­ten­schafts-Pro­gramm auf je­den Fall wei­ter emp­feh­len. Sie macht Mut, ein­fach of­fen zu sein für Neu­es und schwärmt von den USA: „Man hat von A bis Z al­les.“Da­bei be­zieht sie sich auf die viel­fäl­ti­ge Na­tur der Ver­ein­ten Staa­ten, die sie wäh­rend des Rei­sens ken­nen­lern­te. 36 von 50 Bun­des­staa­ten sah die jun­ge Frau da­bei. Ger­ne wür­de sie wie­der in die USA, da sie bis jetzt nur ei­nen Teil ken­ne. Dann möch­te sie na­tür­lich auch ih­re Gast­fa­mi­lie be­su­chen.

Der Auf­ent­halt in der Fer­ne hat Sha­lin ver­än­dert. Be­son­ders be­ein­druckt war sie von den Wahl­kampf­auf­trit­ten von Hil­la­ry Cl­in­ton und Jeb Bush. „Das ist, als wür­de der größ­te Rock­star auf die Büh­ne kom­men, da ist man erst mal ge­flasht“. Vor­her war die jun­ge Frau zwar neu­gie­rig dar­auf die Be­zie­hung zwi­schen Deutsch­land und den Staa­ten ken­nen­zu­ler­nen, po­li­tisch in­ter­es­siert war sie al­ler­dings nicht. Das än­der­te sich. Heu­te äu­ßert sie sich zu po­li­ti­schen The­men eher. Zu­dem wird sie in na­her Zu­kunft Ehe­ma­li­ge bei der Ge­sell­schaft für In­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit und wird Aus­tausch­pro­gram­me un­ter­stüt­zen. In den USA wur­de sie sich auch klar dar­über, wie es be­ruf­lich wei­ter­ge­hen soll. Ab Ok­to­ber wird sie User Ex­pe­ri­ence De­sign an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le In­gol­stadt stu­die­ren – ei­ne Mi­schung aus Wirt­schafts­psy­cho­lo­gie, Eng­lisch und Soft­ware­tech­nik. Auch die Ga­s­t­el­tern sind ge­spannt, wie es mit der Toch­ter auf Zeit wei­ter­geht. Des­halb pla­nen sie schon bald ei­nen Be­such in Deutsch­land. Der Ab­schied sei trä­nen­reich ge­we­sen, er­zählt Sha­lin. „Das war der trau­rigs­te und der schöns­te Mo­ment zu­gleich.“

Fo­to: Sa­rah-Kat­ha­ri­na Merk

Sha­lin Wild mit ih­ren An­den­ken: der Flag­ge des Bun­des­staa­tes Io­wa und dem ro­ten „col­le­ge gra­dua­ti­on hat“, dem Hut, den die Stu­den­ten zum be­stan­de­nen Col­le­ge-Ab­schluss be­kom­men.

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