Sie ge­ben den See­len der Men­schen Trost

Das Mut­ter­haus der Dil­lin­ger Fran­zis­ka­ne­rin­nen im Schwä­bi­schen Rom ist ein spi­ri­tu­el­les Zen­trum. Wie die Schwes­tern vie­len hel­fen

Mittelschwaebische Nachrichten - - MN-Extra: Kirchen Und Klöster - VON BERT­HOLD VEH

Dil­lin­gen Die Klos­ter­pfor­te in Dil­lin­gen ist un­schein­bar. Mit­ten­drin in der Klos­ter­stra­ße fin­det sich der Ein­gang zum Mut­ter­haus der Dil­lin­ger Fran­zis­ka­ne­rin­nen. So man­cher Be­su­cher wun­dert sich, dass die Hei­mat des Or­dens im Dil­lin­ger Zen­trum gar nicht leicht zu ent­de­cken sei. „Aber Ob­dach­lo­se und an­de­re Men­schen in Nö­ten fin­den uns meist oh­ne Pro­ble­me“, sagt Obe­rin Bern­hild Schus­ter. Für sie und ih­re 44 Mit­schwes­tern ist die Ein­fach­heit, wie sie der hei­li­ge Fran­zis­kus ge­lebt hat, Pro­gramm. Ein re­prä­sen­ta­ti­ver Emp­fangs­be­reich wi­der­sprä­che dem Ge­bot der Ar­mut.

An der Klos­ter­pfor­te be­kom­men Hung­ri­ge be­leg­te Bro­te. Und so man­che see­li­sche Not von Bür­gern kön­nen die Dil­lin­ger Fran­zis­ka­ne­rin­nen eben­falls lin­dern. Da­mit le­ben sie ganz im Sin­ne ih­res Stif­tungs­auf­trags: Graf Hart­mann IV. und sein Sohn Hart­mann V., der spä­te­re Bi­schof von Augs­burg, schenk­ten 1241 ei­ni­gen Frau­en, die in der Nach­fol­ge Chris­ti le­ben woll­ten, ein Haus an der Dil­lin­ger Stadt­mau­er. Und da­zu ei­nen Kraut­gar­ten, von dem sie sich er­näh­ren konn­ten. Die Frau­en soll­ten, wie es in der Stif­tungs­ur­kun­de fest­ge­legt ist, „Gott un­se­rem Schöp­fer eif­rig die­nen – zum Trost al­ler gläu­bi­gen See­len …“Und das tun die Schwes­tern seit mitt­ler­wei­le 775 Jah­ren.

Heu­te wir­ken die Dil­lin­ger Fran- zis­ka­ne­rin­nen in sie­ben Pro­vin­zen, ne­ben Deutsch­land sind sie in Bra­si­li­en, den USA und in In­di­en. Wie in vie­len Or­den schrumpft die Zahl de­rer, die sich ei­nem Le­ben in Keusch­heit und Ar­mut ver­schrei­ben. Jetzt gibt es noch knapp 700 Dil­lin­ger Fran­zis­ka­ne­rin­nen.

We­gen sei­ner vie­len Kir­chen und Or­den, der Re­si­denz der Augs­bur­ger Bi­schö­fe, des Pries­ter­se­mi­nars und der frü­he­ren Uni­ver­si­tät wird Dil­lin­gen ger­ne Schwä­bi­sches Rom ge­nannt. Al­le Kn­a­benin­ter­na­te ha­ben je­doch in­zwi­schen ge­schlos­sen. Be­ne­dik­ti­ner, Ka­pu­zi­ner und Obla­ten gibt es in Dil­lin­gen nicht mehr. Die Phi­lo­so­phisch-Theo­lo­gi­sche Hoch­schu­le ging in der neu ge­grün­de­ten Augs­bur­ger Uni­ver­si­tät auf. In der Fug­ger­stadt ist heu­te auch das Pries­ter­se­mi­nar. Ge­blie­ben sind aber die Dil­lin­ger Fran­zis­ka­ne­rin­nen, die den Na­men der Kreis­stadt in al­le Welt tra­gen. „Wir sind stolz auf un­se­re Dil­lin­ger Fran­zis­ka­ne­rin­nen“, sagt Ober­bür­ger­meis­ter Frank Kunz. Beim Neu­jahrs­emp­fang fei­er­ten die Gäs­te die Schwes­tern nach die­sen Wor­ten mit lang an­hal­ten­dem Ap­plaus.

Obe­rin Bern­hild und drei wei­te­re Schwes­tern füh­ren Be­su­cher ger­ne durchs Mut­ter­haus. Mit­ar­bei­ter von Fir­men las­sen sich vom Klos­ter­le­ben eben­so fas­zi­nie­ren wie Erst­kom­mu­ni­on­kin­der, Firm­lin­ge und Mit­glie­der von Pfar­rei­en. „Auch die Kon­fir­man­den der evan­ge­li­schen Kir­che kom­men zu uns“, sagt Schwes­ter Bern­hild. Vor al­lem jun­ge Men­schen zie­he es in die Gruft, wo auch The­re­sia Ha­sel­mayr (1808 bis 1878) be­gra­ben ist. Nach der Sä­ku­la­ri­sa­ti­on durf­te der Or­den kei­ne Schwes­tern mehr auf­neh­men, er stand vor dem Aus. 1827 ge­stat­te­te Kö­nig Lud­wig I. je­doch ei­nen Neu­an­fang. Ei­ne der bei­den neu­en Schwes­tern war The­re­sia Ha­sel­mayr, die mit dem Lei­ter (la­tei­nisch Re­gens) des Pries­ter­se­mi­nars, Jo­hann Evan­ge­list Wa­gner, in Dil­lin­gen ei­ne An­stalt zur Un­ter­rich­tung von taub­stum­men Mäd­chen grün­de­te. Dar­aus ist ein gro­ßes Be­hin­der­ten­werk ge­wor­den. Mehr als 6000 Mit­ar­bei­ter küm­mern sich heu­te an 14 Stand­or­ten um et­wa 8000 Men­schen mit Han­di­cap. Das Bis­tum Augs­burg lei­te­te ein Se­lig­spre­chungs­ver­fah­ren für Re­gens Wa­gner ein, das bis­her al­ler­dings er­folg­los blieb.

Be­su­cher im Mut­ter­haus er­war­ten oft ei­ne kunst­ge­schicht­li­che Füh­rung, denn die Klos­ter­kir­che ist ein Ro­ko­ko-Ju­wel. Schwes­ter Bern­hild und ihr Team wol­len aber den christ­li­chen Geist des Klos­ter­le­bens er­fahr­bar ma­chen. Gäs­te bli­cken auf die al­te Stadt­mau­er, auf de­nen das Mut­ter­haus steht. Sie se­hen den Ka­pi­tel­saal, den Ver­samm­lungs­raum der Fran­zis­ka­ne­rin­nen, und das Re­fek­to­ri­um (Ess­zim­mer). „Fast al­le sind von der At­mo­sphä­re hier fas­zi­niert“, sagt die Obe­rin. „Die­se durch­be­te­ten Räu­me wer­den von vie­len als Kraf­t­ort er­lebt.“

Schließ­lich kom­men aber auch noch die Kunst­freun­de auf ih­re Kos­ten, denn am En­de der Klos­ter­füh­rung steht die 1740 ein­ge­weih­te Kir­che Ma­riä Him­mel­fahrt, die Jo­hann Ge­org Fi­scher auf Be­trei­ben der Obe­rin Aloy­sia Er­la­che­rin er­baut hat. Vor al­lem die Fres­ken des Ma­lers Chris­toph Tho­mas Scheff­ler las­sen die Her­zen der Kunst­his­to­ri­ker hö­her­schla­gen. „In die­ser Kir­che ist man um­armt“, schwärm­te ein Scheff­ler-Ken­ner. Den Fran­zis­ka­ne­rin­nen geht es aber nicht um die­sen kost­ba­ren, hoch­ba­ro­cken Raum. Ein­hei­mi­sche und Tou­ris­ten soll­ten hier „Be­ten­de vor­fin­den“, sagt Schwes­ter Bern­hild.

Seit 1935 fin­det in der Klos­ter­kir­che die Ewi­ge An­be­tung statt. Das Al­ler­hei­ligs­te, der Leib Chris­ti in Gestalt ei­ner Hos­tie, ist täg­lich von 10 bis 17.30 Uhr in ei­ner Mon­stranz aus­ge­setzt. Seit mehr als 80 Jah­ren be­ten Fran­zis­ka­ne­rin­nen in die­sen Zei­ten oh­ne Un­ter­lass. Zu­vor, als die Zahl der Schwes­tern noch hö­her war, ge­schah dies rund um die Uhr. „Wir ver­pflich­ten uns durch ei­nen St­un­den­plan“, er­läu­tert Bern­hild Schus­ter. Hier wer­den die Nö­te der Men­schen, die zu den Fran­zis­ka­ne­rin­nen kom­men, ernst ge­nom­men und vor Gott ge­tra­gen.

Ein Ort der Ru­he und des Ge­bets ist die Gruft im Mut­ter­haus der Dil­lin­ger Fran­zis­ka­ne­rin­nen. Dort wur­de un­ter an­de­rem auch Schwes­ter The­re­sia Ha­sel­mayr bei­ge­setzt, die zu­sam­men mit Jo­hann Evan­ge­list Wa­gner 1847 ei­ne An­stalt für taub­stum­me Mäd­chen ge­grün­det hat – das heu­ti­ge Re­gens-Wa­gner-Werk.

Schlicht ist die Klos­ter­pfor­te. Dort öff­nen sich die Tü­ren für hung­ri­ge Ob­dach­lo­se, die von den Schwes­tern be­leg­te Bro­te be­kom­men. Aber auch Men­schen mit see­li­schen Nö­ten kom­men zu den Dil­lin­ger Fran­zis­ka­ne­rin­nen. In der Ewi­gen An­be­tung brin­gen die Schwes­tern die Bit­ten der Hil­fe­su­chen­den vor Gott.

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