Ein biss­chen Cha­os muss sein

Ott­mar Frim­mel wirbt bei Kom­mu­nen da­für, an den Rän­dern von Stra­ßen, We­gen und Grä­ben To­t­holz und ab­ge­stor­be­ne Grä­ser ste­hen zu las­sen. Mit Faul­heit hat das nichts zu tun

Mittelschwaebische Nachrichten - - Aus Der Heimat - VON STE­FAN REINBOLD

Land­kreis Ord­nung ist das hal­be Le­ben, sagt ein be­kann­ter Spruch. Ott­mar Frim­mel ist si­cher kein Feind von Sau­ber­keit, aber vor al­lem in der Na­tur soll man es da­mit sei­ner An­sicht nach nicht zu sehr über­trei­ben. Der­zeit wirbt der Na­tur­schutz­be­auf­trag­te des Land­krei­ses bei Bür­ger­meis­tern und Bau­hof­mit­ar­bei­tern so­gar für ei­nen ge­ziel­ten Ord­nungs­ver­zicht. „Wir wol­len nicht, dass aus Sau­ber­keits­grün­den al­les ge­mäht und ge­mulcht wird“, sagt Frim­mel. Im Kern geht es ihm dar­um, dass die Ge­mein­den auf den Flä­chen, die ih­nen ge­hö­ren und kei­nen be­son­de­ren Nutz­wert ha­ben, vor al­lem die Rand­strei­fen von Stra­ßen, Feld­we­gen und Grä­ben, mehr für die Na­tur ma­chen kön­nen und da­bei so­gar noch Zeit und Geld spa­ren. Die Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht ge­he da­bei na­tür­lich vor, aber „da wo’s geht, soll­ten die Grä­ben und Rand­strei­fen erst ab et­wa Mit­te Ju­li ge­mäht wer­den“. Denn das sei­en po­ten­zi­el­le Kin­der­stu­ben für Feld­ha­sen und Brut­stät­ten für vie­le Vo­ge­lund In­sek­ten­ar­ten.

Der Land­kreis steht, was den Na­tur­schutz be­trifft, nicht schlecht da. Es wird be­reits viel für den Ar­ten­schutz un­ter­nom­men. Das Er­geb­nis ist durch­aus mess­bar. 1986 wur­de im Land­kreis Günz­burg die so­ge­nann­te Bio­topkar­tie­rung be­gon­nen. Da­bei wer­den al­le Bio­to­pe samt Ar­ten­be­stand er­fasst. „Da­mit wir wis­sen, was hier so kreucht und fleucht“, sagt Frim­mel. Die­se Da­ten hel­fen bei spä­te­ren Pla­nun­gen, et­wa Bau­pro­jek­ten, die rich­ti­gen Schlüs­se zu zie­hen.

In­zwi­schen sei­en 4,2 Pro­zent der Flä­che des Land­krei­ses Bio­to­pe. Die Zahl ist in den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren ge­wach­sen, was Frim­mel freut. „Das ist ei­ne Leis­tung von al­len Men­schen im Land­kreis“, sagt er. Kein Grund al­ler­dings zum Aus­ru­hen. „Wir wol­len noch mehr er­rei­chen“, gibt Frim­mel die Marsch­rou­te vor. Vor al­lem will er zu­sam­men­hän­gen­de Bio­top­ver­bün­de schaf­fen. Da­bei spie­len die Rän­der von Stra­ßen und We­gen, Grä­ben und Bäch­lein ei­ne wich­ti­ge Rol­le. „Das sind die Wan­der­stra­ßen der Tie­re. Die zie­hen nicht quer­feld­ein, son­dern ent­lang von Struk­tu­ren“, er­läu­tert er. Fle­der­mäu­se be­we­gen sich bei­spiels­wei­se ent­lang von He- cken. Der Er­halt die­ser Struk­tu­ren er­for­de­re ei­ne „Pfle­ge mit Ver­stand“. Wich­tig sei es da­her, zu­min­dest teil­wei­se, To­t­holz und ab­ge­stor­be­ne Grä­ser als De­ckung für Wild­tie­re auch im Win­ter ste­hen zu las­sen. „Mit dem Ver­ge­hen des Le­bens ent­steht neu­es Le­ben. Die­se Ein­sicht wur­de nicht nur im Land­kreis Günz­burg ver­nach­läs­sigt“, sagt Frim­mel.

Wo es mög­lich sei und kei­ne Ge­fahr für den Men­schen dar­stel­le, soll­ten die Stra­ßen­bau­äm­ter und Bau­hof­mit­ar­bei­ter mög­lichst ab­ge­stor­be­nes Holz an Ort und Stel­le las­sen. „Man muss ei­nen Baum­stamm nicht im­mer ganz un­ten ab­sä­gen“, regt er an. 40 Pro­zent un­se­rer Kä­fer­ar­ten sei­en auf To­t­holz an­ge­wie­sen. Eben­so sei­en in ab­ge­stor­be­nen Gras­hal­men Rau­pen­ei­er, Lar­ven und Schmet­ter­lings­pup­pen ver­steckt. „Das ist ein lei­ses Ster­ben, wenn das ab­ge­mäht wird.“

Alt­grä­ser spiel­ten auch we­gen ih­rer Sa­men­stän­de ei­ne be­deu­ten­de Rol­le als Nah­rungs­quel­le für Vö­gel, wie et­wa den Di­stel­fink. „Oft wird das aus falsch ver­stan­de­nem Ord­nungs­sinn ab­ge­mäht“, sagt Frim­mel, der ei­nen an­de­ren Weg vor­zieht. „Wenn ich 50 Pro­zent die­ser Struk­tu­ren an­ders pfle­ge, spa­re ich Geld und kann so viel für die Na­tur schaf­fen.“Das gilt im Prin­zip auch für Gar­ten­be­sit­zer. Schon ei­ne klei­ne un­or­dent­li­che Ecke kann der Na­tur im­mens wei­ter­hel­fen. Un­kraut hat auch po­si­ti­ve Sei­ten: „25 un­se­rer schöns­ten Schmet­ter­lings­ar­ten sind bei ih­rer Fort­pflan­zung auf die Brenn­nes­sel an­ge­wie­sen.“

Bei den Bür­ger­meis­tern und an den Bau­hö­fen stößt Frim­mel je­den­falls auf of­fe­ne Oh­ren. Jetzt kom­me es dar­auf an, auch die Bür­ger mit­zu­neh­men. „Oh­ne die Leu­te vor Ort geht es nicht.“Frim­mel er­in­nert sich noch dar­an, wel­chen Auf­schrei es gab, als sein da­ma­li­ger Chef 1987 in Neu-Ulm ei­nen ähn­li­chen Ver­such wa­gen woll­te. In den ver­gan­gen 30 Jah­ren ha­be sich je­doch in Sa­chen Na­tur viel zum Gu­ten ver­än­dert, ist Frim­mel über­zeugt: „Ich hab das Ge­fühl, wir sind jetzt so weit und kön­nen in Rich­tung Ar­ten­schutz und Bi­o­di­ver­si­tät ir­gend­wann Quan­ten­sprün­ge ma­chen.“Da­bei kom­me es auch dar­auf an, dass die Kom­mu­nen ih­ren Bür­gern si­gna­li­sier­ten, „das ist ge­wollt und hat nichts mit Faul­heit zu tun.“

Fo­tos: Ott­mar Frim­mel/Land­rats­amt

To­t­holz ist für die Ar­ten­viel­falt ein wich­ti­ger Fak­tor. Aus dem ver­ge­hen­den Le­ben ent­steht zahl­rei­ches neu­es Le­ben.

Um die Wan­der­stra­ßen für Tie­re zu er­hal­ten soll­ten die Kom­mu­nen, dort wo es oh­ne Ab­stri­che für die Si­cher­heit geht, ab­ge­stor­be­ne Grä­ser ste­hen las­sen.

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