War­um ein Waf­fen­still­stand nur ein ers­ter Schritt sein kann

In Sy­ri­en über­la­gern sich meh­re­re Kon­flik­te. Mit der Tür­kei kommt ei­ne neue Kriegs­par­tei hin­zu. Die USA re­agie­ren mit Ver­rat an ih­ren bis­he­ri­gen Verbündeten

Mittelschwaebische Nachrichten - - Meinung & Dialog - VON WIN­FRIED ZÜFLE w.z@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

Wer kann den Bür­ger­krieg in Sy­ri­en be­en­den? US-Au­ßen­mi­nis­ter John Ker­ry und sein rus­si­scher Kol­le­ge Ser­gej La­w­row ver­su­chen sich wie­der ein­mal als Frie­dens­stif­ter. Am ver­gan­ge­nen Frei­tag ga­ben sie in Genf be­kannt, sich weit­ge­hend über ei­nen Waf­fen­still­stand ge­ei­nigt zu ha­ben. Ges­tern te­le­fo­nier­ten sie wie­der ein­mal mit­ein­an­der. Aber den Durch­bruch ha­ben sie of­fen­bar nicht ge­schafft.

Soll­ten sich Ker­ry und La­w­row dem­nächst ei­ni­gen, wür­de dies dem ge­schun­de­nen Land zu­min­dest in man­chen Ge­bie­ten ei­ne Atem­pau­se ver­schaf­fen. Das hat­te sich auch schon bei dem Waf­fen­still­stand ge­zeigt, den die bei­den Au­ßen­mi­nis­ter im Fe­bru­ar ver­mit­telt hat­ten. Doch er hielt nicht lan­ge. Mit der Zeit wur­den die Ver­let­zun­gen des Ver­trags, wie Ker­ry rich­tig fest­stell­te, „eher die Norm als die Aus­nah­me“. Wird ein neu­er Waf­fen­still­stand lang­fris­tig mehr Er­folg ha­ben? Wird er ei­ne hu­ma­ni­tä­re Lö­sung für das um­kämpf­te Alep­po ent­hal­ten? Fra­gen, die vor­erst of­fen­blei­ben müs­sen.

Sy­ri­en zu be­frie­den ist des­halb so schwie­rig, um nicht zu sa­gen: un­mög­lich, weil sich meh­re­re Kon­flik­te über­la­gern. Ers­tens kämp­fen die in vie­le Grup­pen zer­split­ter­te Op­po­si­ti­on und das As­sad-Re­gime um die Macht. Zwei­tens ver­su­chen die Dschi­ha­dis­ten des IS, ein Ka­li­fat für ih­re Schre­ckens­herr­schaft zu er­rich­ten. Drit­tens strebt die Min­der­heit der Kur­den nach ei­nem ei­ge­nen Staat. Und vier­tens set­zen frem­de Mäch­te rück­sichts­los ih­re In­ter­es­sen in Sy­ri­en durch.

Zu den satt­sam be­kann­ten In­ter­ven­tio­nis­ten – Russ­land, Iran und die li­ba­ne­si­sche His­bol­lah an der Sei­te des As­sad-Re­gimes, die USA, die Golf­staa­ten und Sau­di-Ara­bi­en an der Sei­te der „ge­mä­ßig­ten“Re­bel­len – ist jetzt die Tür­kei als Kriegs­par­tei hin­zu­ge­sto­ßen. Sie kämpft an­geb­lich ge­gen die IS-Ter­ro­ris­ten, ver­folgt in Wahr­heit aber pri­mär das Ziel, die Kur­den an ei­ner wei­te­ren Aus­deh­nung ih­res Ein­fluss­be­rei­ches zu hin­dern. Ein Kur­den­staat aus der Kon­kurs­mas­se Sy­ri­ens wä­re für den tür­ki­schen Prä­si­den­ten Er­do­gan der Hor­ror. Er müss­te dann be­fürch­ten, dass der Fun­ke der Au­to­no­mie auf die Kur­den in der Tür­kei über­springt.

Er­do­gans Ein­marsch folgt macht­po­li­ti­schem Kal­kül. Aber für Sy­ri­en be­deu­tet er ei­ne Ka­ta­stro­phe. Wenn jetzt Tür­ken und „ge­mä­ßig­te“Re­bel­len, die teil­wei­se in Flücht­lings­la­gern ein­ge­sam­melt wur­den, ge­gen die Kur­den kämp­fen, neu­tra­li­sie­ren sich zwei Kräf­te, die für den Kampf ge­gen den IS ge­braucht wer­den.

Die Kur­den wa­ren zu­letzt, auch dank Un­ter­stüt­zung durch die USA, die er­folg­reichs­ten Kämp­fer ge­gen den IS. So hat­ten sie un­ter ho­hen Ver­lus­ten die stra­te­gisch wich­ti­ge Stadt Man­bi­dsch vom IS er­obert. Doch jetzt wer­den sie von Wa­shing­ton fal­len ge­las­sen wie ei­ne hei­ße Kar­tof­fel. Man kann es nur Ver­trau­ens­bruch und Ver­rat nen­nen. Ge­trie­ben von der Angst, Er­do­gan kön­ne sich mit Pu­tin ver­bün­den, for­dern die USA die Kur­den auf, Man­bi­dsch den Tür­ken zu über­las­sen und sich auf das öst­li­che Eu­phra­tU­fer zu­rück­zu­zie­hen. Doch die­se weh­ren sich. Ers­te Kämp­fe mit Tür­ken hat es be­reits ge­ge­ben.

Wie kann es jetzt wei­ter­ge­hen? Die USA ste­hen in der Pflicht, ih­ren Feh­ler aus­zu­bü­geln und ei­nen für bei­de Sei­ten ak­zep­ta­blen Aus­gleich zwi­schen Tür­ken und Kur­den zu ver­mit­teln. Sonst bleibt der von Ker­ry und La­w­row ge­plan­te Waf­fen­still­stand im Nor­den Sy­ri­ens wir­kungs­los. Dann muss et­was ge­gen die hu­ma­ni­tä­re Ka­ta­stro­phe ge­tan wer­den. Flug­ver­bots­zo­nen zum Schutz der Zi­vil­be­völ­ke­rung wie in Li­by­en sind mit Russ­land nicht zu ma­chen und da­her un­rea­lis­tisch. Aber die nach UN-An­ga­ben 600 000 hun­gern­den Men­schen in be­la­ger­ten Städ­ten müs­sen schleu­nigst ver­sorgt und be­freit wer­den.

600000 Men­schen hun­gern in be­la­ger­ten Städ­ten

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