Tat­ort Berg­gip­fel

Zum drit­ten Mal zer­stört ein Un­be­kann­ter ein Gip­fel­kreuz im Is­ar­win­kel. Die Po­li­zei sucht nach ei­nem Mann, den wo­mög­lich ein re­li­giö­ses Mo­tiv an­treibt

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wetter | Roman - VON VE­RE­NA MÖRZL

Augs­burg Der Tat­ort liegt auf 2102 Me­tern Hö­he. Wie­der in der Um­ge­bung des Is­ar­win­kels am Mo­nats­en­de. Wie­der trifft es ein Gip­fel­kreuz. Dies­mal hackt ein Un­be­kann­ter in der Nä­he von Leng­gries im Land­kreis Bad Tölz-Wolfrats­hau­sen auf dem Schafreu­ter mit ei­ner Axt auf das christ­li­che Sym­bol ein (wir be­rich­te­ten). Die Töl­zer Hüt­te liegt nur rund 45 Mi­nu­ten vom Gip­fel ent­fernt. Wan­de­rer be­rich­ten spä­ter Wirt Micha­el Bubeck nach ih­rer mor­gend­li­chen Gip­fel­tour von dem, was sie vor dem Früh­stück ent­de­cken muss­ten: Aus dem über 250 Ki­lo schwe­ren Längs­bal­ken wur­de ei­ne gro­ße Ker­be her­aus­ge­hackt. Der herr­li­che Ausblick zur Be­loh­nung der Wan­de­rung in­ter­es­siert nicht mehr an­ge­sichts die­ses schau­ri­gen Ein­blicks in den wo­mög­lich neu­en Fall des Van­da­len vom Is­ar­win­kel. Bubeck ruft die Po­li­zei.

Es ist der drit­te Vor­fall seit Pfings­ten. Das ers­te klei­ne­re Kreuz wur­de En­de Ju­ni bei der Dudl-Alm im Län­gen­tal zer­stört. Die Alm­bau­ern, die den Scha­den ent­deck­ten, mel­de­ten den Fall al­ler­dings nicht der Po­li­zei. Vier Wo­chen spä­ter, am letz­ten Ju­li­wo­chen­en­de, be­ob­ach­te­ten Hir­ten, wie ein Un­be­kann­ter auf das Kreuz am Prinz­kopf (ein Teil des Lerch­ko­gels), der sich in der Nä­he des Syl­ven­stein­sees er­hebt,

Die Kunst­his­to­ri­ke­rin Frie­de­ri­ke Kai­ser vom Deut­schen Al­pen­ver­ein zi­tiert aus ei­ner Bro­schü­re von 1851, als das ers­te Gip­fel­kreuz auf der Zug­spit­ze auf­ge­stellt wur­de. Der Ge­dan­ke, der da­hin­ter­steckt, sei, „Gott, Kö­nig und das Va­ter­land zu eh­ren“. Das ha­be der Ho­hen­pei­ßen­ber­ger Pfar­rer Chris­toph Ott da­mals ge­schrie­ben.

In ei­nem Interview sagt Kai­ser wei­ter, dass Berg­gip­fel schon im­mer als Punkt gal­ten, „an dem sich der Him­mel als Sitz des Über­na­tür­li­chen, des Gött­li­chen und die Er­de be­rüh­ren“.

Je nach Re­li­gi­on zie­ren un­ter­schied­li­che Sym­bo­le die Berg­spit­zen. Im Hi- ein­schlug – eben­falls nur un­weit vom Schafreu­ter ent­fernt.

Die Po­li­zei in Bad Tölz kommt mit den Er­mitt­lun­gen nicht vor­an: „Wir ha­ben nichts, nichts Neu­es“, sagt Jo­sef Mayr, Vi­ze­chef der Po­li­zei­in­spek­ti­on Bad Tölz. Dem­nach lie­gen nur we­nig hilf­rei­che Per­so­n­en­de­tails vor: Wan­de­rer ha­ben ei­nen Mann be­schrie­ben, der zwi­schen 30 und 40 Jah­re alt und über 1,80 Me­ter groß sein soll. Dun­kel­blon­de bis brau­ne Haa­re soll er ha­ben, ei­ne hel­le Haut und ei­nen deut­li­chen Bauch­an­satz. Die Klei­dung des mut­maß­li­chen Tä­ters war dun­kel, er trug grün­li­che Knie­schüt­zer und hör­te lau­te Mu­sik aus ei­nem iPod. Au­ßer­dem soll er ei­nen Fünf-Li­ter-Was­ser­ka­nis­ter im Ge­päck ge­habt ha­ben.

„Das trifft na­tür­lich auf vie­le zu“, sagt Mayr. Wan­de­rer soll­ten in dem Ge­biet die Au­gen of­fen hal­ten. Auch wenn theo­re­tisch an­de­re Mo­ti­ve in­fra­ge kom­men könn­ten, sieht der Po­li­zist ei­nen re­li­giö­sen Hin­ter­grund für den Van­da­lis­mus. „War­um soll­te sonst ei­ner ein Kreuz um- ma­la­ja sind es bud­dhis­ti­sche Ge­bets­fah­nen. In Tu­ne­si­en fin­den Berg­stei­ger am En­de ih­rer Hö­hen­tour den ro­ten Halb­mond, ein Zei­chen des Is­lams. Kai­sers An­sicht nach sind Gip­fel­kreu­ze hau­en?“Die Po­li­zei sucht des­halb nach ei­nem Mann mit aus­ge­präg­tem Hass ge­gen­über christ­li­cher Sym­bo­lik.

Gip­fel­kreu­ze sind nicht un­um­strit­ten. Be­für­wor­ter hal­ten sie für ein christ­li­ches Zei­chen, das auf die Spit­ze ei­nes je­den Ber­ges ge­hört. Geg­ner se­hen die Sym­bo­le nicht gern über den Berg herr­schen. Ex­trem­berg­stei­ger Rein­hold Mess­ner ge­hört eher zur zwei­ten Ka­te­go­rie. Er sag­te der Süd­deut­schen Zei­tung, dass er von Gip­fel­kreu­zen nicht viel hal­te. Trotz­dem hät­ten sie ei­nen ge­wis­sen his­to­ri­schen Wert, den es zu schät­zen gel­te. Im Interview stell­te der Al­pi­nist des­halb klar: „Ich wür­de nie­mals je­man­den ver­tei­di­gen, der Kreu­ze um­hackt, das ist ja fast ein ter­ro­ris­ti­scher Akt. Mei­ne Waf­fe bleibt das Wort.“

Un­ter den meis­ten Berg­stei­gern über­wiegt ei­ne an­de­re Über­zeu­gung. „Das Gip­fel­kreuz ist als Sym­bol in die DNA des Berg­stei­gens ein­ge­drun­gen“, sagt Tho­mas Bu­cher, Spre­cher des Deut­schen Al­pen­ver­eins (DAV). Er glaubt, dass die Atta­cken vor al­lem des­halb so be­trof­fen mach­ten, weil vie­le Berg­stei­ger den Gip­fel und das Kreuz un­mit­tel­bar mit­ein­an­der in Ver­bin­dung brin­gen wür­den. Wür­de nicht oh­ne das schon vom Tal aus zu se­hen­de Kreuz et­was Wich­ti­ges am Gip­fel feh­len?

Als vor vier Wo­chen die Schä­den am Gip­fel­kreuz des Prinz­kop­fes ent­deckt wur­den, ging der DAV von ei­nem Ein­zel­fall aus. Um­so grö­ßer sei nun das Ent­set­zen, dass wie­der ein oder so­gar der­sel­be Tä­ter zu­ge­schla­gen hat. Ähn­lich wie die Po­li­zei rief auch der Al­pen­ver­ein Wan­de­rer zu Acht­sam­keit in den Ber­gen rund um Leng­gries auf. Es be­ste­he zwar kei­ne Ge­fahr für Men­schen, doch wo­mög­lich könn­te ei­ne Axt im Wan­der­ge­päck auf­fäl­lig sein und zum Tä­ter füh­ren.

Auf rund 5000 Eu­ro be­zif­fert die Po­li­zei den an­ge­rich­te­ten Scha­den im jüngs­ten Fall. Für die Kos­ten des neu­en Kreu­zes kommt die DAVSek­ti­on Bad Tölz auf. Noch be­nö­tigt sie laut Bu­cher Spen­den: nicht un­be­dingt Geld, son­dern vor al­lem Ei­chen­holz und Ar­beits­kraft. Denn zur Berg­mes­se an der Töl­zer Hüt­te am 9. Ok­to­ber soll das Kreuz wie­der ste­hen. Die Bal­ken sol­len dann, wie nach ei­nem Blitz­ein­schlag vor 13 Jah­ren, zum Gip­fel ge­tra­gen wer­den. Für den Hüt­ten­wirt Micha­el Bubeck be­deu­tet die Mes­se tra­di­tio­nell das Sai­son­en­de auf der Töl­zer Hüt­te.

War’s das nun mit den Gip­fel­kreuz-Atta­cken? Bubeck hofft das. Er ist noch im­mer rat­los. „Ich ver­ste­he die Hin­ter­grün­de ein­fach nicht“, sagt er. Auf den um­lie­gen­den Gip­feln zu­min­dest gibt es nach sei­nem Wissen kaum Kreu­ze.

»Kommentar

„Das ist ja fast ein ter­ro­ris­ti­scher Akt.“ Der Ur­sprung der Gip­fel­kreu­ze

Fo­to: Po­li­zei Bad Tölz

Die Ker­be im Ei­chen­holz des Gip­fel­kreu­zes ist tief.

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