Se­nio­ren spie­len ei­ne im­mer grö­ße­re Rol­le

Und re­agie­ren auf ih­re äl­ter wer­den­den Zu­schau­er. Et­wa, in­dem sie in ih­ren Fil­men und Se­ri­en ver­stärkt äl­te­re TV-Fi­gu­ren zei­gen. Das Pro­blem: Oft sind die­se nach wie vor eher skur­ril – oder de­ment

Mittelschwaebische Nachrichten - - Medien - VON TILMANN P. GANG­LOFF VON DA­NI­EL WIR­SCHING

Die Zu­schau­er von ARD und ZDF sind im Schnitt um die sech­zig. Äl­te­re Men­schen stel­len al­so das Gros des Pu­bli­kums; und sie wer­den im­mer mehr. Wie aber re­agie­ren die Sen­der auf den de­mo­gra­fi­schen Wan­del? Er­zäh­len sie in ih­ren Fern­seh­fil­men mehr Ge­schich­ten über Se­nio­ren? Und wel­ches Bild von Äl­te­ren ver­mit­teln die­se Fil­me?

Fra­gen, die Hei­ke Hem­pel be­ant­wor­ten kann. Sie ist beim ZDF un­ter an­de­rem für die Sonn­tags­fil­me („Herz­ki­no“) um 20.15 Uhr ver­ant­wort­lich. Hem­pel er­in­nert sich, dass ih­re Groß­mut­ter „schon mit 60 schwarz ge­klei­det und mit der Gieß­kan­ne be­waff­net auf dem Fried­hof ge­ses­sen hat“. Heu­te blie­ben Men­schen im Al­ter in je­der Hin­sicht be­weg­li­cher, sagt sie. „Es fin­det ei­ne Ver­schie­bung der Al­ters­wahr­neh­mung statt: 70 ist das neue 60. Und das bil­den wir auch in un­se­ren Fil­men und Se­ri­en ab.“

Wäh­rend die Äl­te­ren frü­her gern auf die Rol­le der ver­gess­li­chen Oma und des lus­ti­gen Opas re­du­ziert wur­den, ver­mit­teln TV-Pro­duk­tio­nen oder Ki­no­fil­me mit Fern­seh­be­tei­li­gung wie et­wa „Sein letz­tes Ren­nen“mit Die­ter Hal­ler­vor­den tat­säch­lich ein un­gleich dif­fe­ren­zier­te­res Bild. Durch­ge­setzt hat es sich gleich­wohl noch nicht.

„Die 68er von einst sind heu­te Rent­ner, das hat na­tür­lich Ein­fluss auf die Ge­schich­ten, die wir über Äl­te­re er­zäh­len“, fin­det SWRFern­seh­film­che­fin Mar­ti­na Zöll­ner. Auch in der Fern­seh­film­re­dak­ti­on des WDR wird re­gel­mä­ßig dar­über dis­ku­tiert, wie man in ei­ner äl­ter wer­den­den Ge­sell­schaft mit dem Al­ter um­geht, und zwar aus durch­aus ei­gen­nüt­zi­gen Mo­ti­ven, wie Geb­hard Hen­ke, Lei­ter des Pro­gramm­be­reichs Fern­seh­film, Ki­no und Se­rie, er­klärt: „Bei Fil­men mit über­durch­schnitt­lich vie­len Zu­schau­ern be­steht das Pu­bli­kum zu ei­nem gro­ßen Teil aus Frau­en zwi­schen 60 und 90 Jah­ren. Wenn wir die­se Ziel­grup­pe ver­nach­läs­si­gen, be­kom­men wir ein Ak­zep­tanz­pro­blem.“

Der Um­kehr­schluss, mit ty­pi­schen Se­nio­ren­the­men er­rei­che man äl­te­re Zu­schau­er qua­si au­to­ma­tisch, ist aus Hen­kes Sicht aber eben­so falsch: „Wenn al­te Leu­te et­was nicht se­hen wol­len, dann sind das Gleich­alt­ri­ge im Al­ten­heim.“Jun­ge Zu­schau­er wie­der­um sä­hen al­te Men­schen sehr gern, „erst recht, wenn sie skur­ril, wit­zig, un­ver­schämt und an­ar­chisch sind“.

Als Bei­spiel nennt Hen­ke die WDR-Kult­se­rie „Lin­den­stra­ße“: „Lieb­lings­fi­gur des jun­gen Pu­bli­kums war im­mer Haus­meis­te­rin El­se Kling mit ih­ren for­schen Sprü­chen.“Auch jün­ge­re Re­gis­seu­re hät­ten „Freu­de an Ge­schich­ten über äl­te­re Men­schen, die nicht an­ge­passt oder so­gar re­bel­lisch sind“.

Die­se Be­schrei­bung passt per­fekt auf die Haupt­fi­gu­ren ei­ni­ger der er­folg­reichs­ten dies­jäh­ri­gen Don­ners­tags­und Frei­tags­fil­me im Ers­ten: „Pa­pa und die Braut aus Ku­ba“(mit Wal­ter Kreye), „Oma zockt sie al­le ab“(mit Cor­ne­lia Fro­boess), „Mat­t­hie­sens Töch­ter“(mit Mat­thi­as Ha­bich) und „Ho­tel Hei­del­berg“(mit Han­ne­lo­re Ho­ger).

Für Sa­scha Schwin­gel, Re­dak­ti­ons­lei­ter der für die ent­spre­chen­den Sen­de­plät­ze zu­stän­di­gen ARDToch­ter De­ge­to, ist die Viel­falt die­ser zum Teil über­höh­ten, zum Teil rea­li­täts­na­hen Ge­schich­ten ein Be­leg da­für, „dass wir Se­nio­ren nicht auf lä­cher­li­che Wei­se ste­reo­ty­pi­sie- Wir wol­len ein le­ben­di­ges Bild die­ser Ge­ne­ra­ti­on ver­mit­teln“.

Oft do­mi­nie­ren je­doch die Ex­tre­me: Hier die rüs­ti­gen „Rent­ner­cops“ (Ti­lo Prück­ner und Wolf­gang Wink­ler) aus der gleich­na­mi­gen ARD-Vor­abend­se­rie, dort all die De­menz-Dra­men. Da­zwi­schen, sagt Hen­ke, „wä­re die Nor­ma­li­tät, und das fin­den die meis­ten Men­schen lang­wei­lig. Es sei denn, die Fi­gu­ren wer­den von Schau­spie­lern wie Ma­rio Adorf oder Sen­ta Ber­ger ver­kör­pert“. In der Tat ist es frag­lich, ob ei­ne Grim­me-Preis-ge­krön­te Im­pro­vi­sa­ti­ons­ko­mö­die wie „Al­ters­glü­hen – Speed Da­ting für Se­nio­ren“aus dem Jahr 2014 oh­ne Adorf, Ber­ger und Micha­el Gwis­dek fünf Mil­lio­nen Zu­schau­er ge­habt hät­te.

Frü­her, ver­mu­tet NDR-Fern­seh­film­chef Chris­ti­an Grand­erath, hät­te es die­sen Film wohl gar nicht ge­ge­ben: „Weil al­te Men­schen stets ase­xu­ell dar­ge­stellt wur­den. Be­stimm­te Fra­ge­stel­lun­gen ha­ben sich kom­ren. plett ver­scho­ben, seit die Al­ten nicht mehr auf Opa- und Oma-Rol­len re­du­ziert wer­den.“Hier sei der Ki­no­film „Wol­ke 9“von Andre­as Dresen ein ganz wich­ti­ger An­stoß ge­we­sen. In „Wol­ke 9“geht es um das The­ma Lie­be und Sex im Al­ter, das im Film auf rea­lis­ti­sche, we­der kit­schi­ge noch pein­li­che Wei­se ge­zeigt wird. „Al­ter darf nicht nur auf Schick­sals­schlä­ge wie De­menz, Schlag­an­fall oder den Ver­lust des Le­bens­part­ners re­du­ziert wer­den“, sagt Grand­erath.

Ge­ra­de in die­ser Hin­sicht sieht Bet­ti­na Rick­lefs, beim Baye­ri­schen Rund­funk Pro­gramm­be­reichs­lei­te­rin Spiel-Film-Se­rie, ei­ne „Selbst­ver­pflich­tung“ge­gen­über äl­te­ren Zu­schau­ern. Des­halb be­han­del­ten die Mitt­wochs­fil­me des BR „The­men, die die Ge­sell­schaft be­we­gen: de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung, Pfle­ge­not­stand, alt wer­den­de El­tern“. Sie ver­weist da­bei auf die BR-Ki­noCo-Pro­duk­ti­on „Wir sind die Neu­en“von 2014, in der sich ei­ne Se­nio­ren-WG mit ei­ner Stu­den­ten-WG ar­ran­gie­ren muss. Die Ko­mö­die hat ei­nen bit­te­ren Hin­ter­grund: Die Rent­ner kön­nen sich kei­ne ei­ge­ne Woh­nung mehr leis­ten.

Sol­che Fil­me ver­mit­tel­ten jun­gen Zu­schau­ern „ein dif­fe­ren­zier­tes Bild von äl­te­ren Mit­men­schen und zei­gen, dass Al­te mehr zu sa­gen ha­ben als ‚Frü­her war al­les bes­ser‘“, meint Rick­lefs. Über­zeich­ne­te Haupt­fi­gu­ren wie den Pen­sio­när in Lo­ri­ots Ko­mö­die „Pap­pa an­te Por­tas“von 1991 gibt es aus ih­rer Sicht so gut wie nicht mehr: „Das Le­bens­mo­dell der spä­ten 80er und 90er – jung, dy­na­misch, er­folg­reich – hat schon lan­ge aus­ge­dient. Da­mals wur­den The­men wie Al­ter, Krank­heit und Tod kon­se­quent aus­ge­klam­mert.“

Der BR hat vor gut zehn Jah­ren mit dem Krebs­dra­ma „Ma­ri­as letz­te Rei­se“im­mer­hin zu ei­ner Trend­wen­de bei­ge­tra­gen. Ei­ni­ges hat sich ge­än­dert, doch nach wie vor wer­den Se­nio­ren auch als Son­der­lin­ge ge­zeigt. Und dann ist da noch et­was: Zwar spie­len Äl­te­re ei­ne zu­neh­mend grö­ße­re Rol­le im Fernsehen – vie­le Schau­spie­ler kla­gen den­noch über Al­ters­ar­mut.

Hans-Wer­ner Mey­er, Vor­stands­mit­glied des Bun­des­ver­bands Schau­spiel, sagt, die An­ge­bo­te wer­den im Al­ter „nach wie vor ex­trem rar“: „Nur we­ni­ge sehr be­kann­te Schau­spie­ler äl­te­ren Se­mes­ters be­kom­men noch in­ter­es­san­te Rol­len.“Die Künst­ler­agen­tin Si­byl­le Flö­ter, Vor­stands­vor­sit­zen­de des Ver­ban­des für Film, Fernsehen und Thea­ter, weist dar­auf hin, dass Haupt­dar­stel­ler wie Hen­ry Hüb­chen, 69, Sky du Mont, 69, oder Fried­rich von Thun, 74, stets Jün­ge­re ver­kör­pern. Da die­se Schau­spie­ler un­ver­än­dert be­liebt und ent­spre­chend viel be­schäf­tigt sei­en, ent­ste­he der Ein­druck, es ge­be vie­le Rol­len für äl­te­re Darstel­ler: „Da­bei sind es in Wirk­lich­keit im­mer die­sel­ben.“ An­ne Will wird am 11. Sep­tem­ber im Ers­ten um 21.45 Uhr mit ih­rem Sonn­tags-Po­lit-Talk „An­ne Will“aus der Som­mer­pau­se zu­rück­keh­ren. Wo­bei: So rich­tig weg war sie gar nicht. Gleich zwei Mal un­ter­brach sie die Talk-freie TV-Zeit, um Son­der­sen­dun­gen zu mo­de­rie­ren, ei­ne zum Br­ex­it-Vo­tum der Bri­ten so­wie ei­ne zum Putsch­ver­such in der Tür­kei. Ge­wohnt ge­las­sen, ge­wohnt be­stimmt. Das sind ih­re Stär­ken. Und ge­las­sen und zu­gleich be­stimmt sag­te Will nun un­se­rer Zei­tung: „Nein, es wird kei­ne Än­de­run­gen am Sen­dungs­kon­zept ge­ben.“Es bleibt al­so da­bei: Ein paar Gäs­te im Stu­dio re­den über das The­ma der Wo­che.

War­um das an­ders sein soll­te? Ein Kri­ti­ker hat­te Will vor­ge­wor­fen, ih­re Sen­dung bie­te zu we­nig Über­ra­schen­des, zu we­nig „Zir­kus“. Er ver­glich sie mit ih­rem Vor­gän­ger auf dem pres­ti­ge­träch­ti­gen Sen­de­platz,

Frü­her wur­den Äl­te­re ger­ne auf die Rol­le der ver­gess­li­chen Oma und des lus­ti­gen Opas re­du­ziert. Das än­dert sich zu­se­hends Den Ver­gleich mit Jauch braucht sie nicht zu scheu­en

Gün­ther Jauch, bei dem „or­dent­lich La­met­ta“ge­we­sen sei. Eher ei­ne Ein­zel­mei­nung, Will hat sie zur Kennt­nis ge­nom­men. Sie weiß, dass sie die Jauch-Ver­glei­che so schnell nicht los­wer­den wird. Sie muss­te schließ­lich für ihn, den TVLieb­ling der Na­ti­on, 2011 ih­ren Sen­de­platz am Sonn­tag­abend räu­men und am quo­ten­mä­ßig un­dank­ba­ren Mitt­woch­abend wei­ter tal­ken.

Jauch schmiss hin, und am 17. Ja­nu­ar 2016 war An­ne Will dann wie­der sonn­tags zu se­hen, in bis­lang 19 Fol­gen. Die Zwi­schen­bi­lanz: Die Jauch-Ver­glei­che wer­den sel­te­ner und Will meist ge­lobt, weil sie gut vor­be­rei­tet sei und gut nach­ha­ke. Über Jauch konn­te man das nicht un­ein­ge­schränkt sa­gen. Schar­fe Kri­ti­ken wie „An­ne Will hat es nicht im Griff“blie­ben die Aus­nah­me; bei Jauch wa­ren Ver­ris­se die Re­gel.

Will braucht den Ver­gleich mit dem als Quo­ten­kö­nig gel­ten­den Jauch nicht zu scheu­en – auch nicht den Ein­schalt­quo­ten-Ver­gleich. Er­freu­lich für sie und er­staun­lich für die wohl meis­ten TV-Kri­ti­ker: Ih­re Quo­ten sind an­hal­tend hoch und hö­her als von manch ei­nem er­war­tet. Jauchs Talk „Gün­ther Jauch“, der 2015 en­de­te, kam seit sei­nem Start 2011 auf durch­schnitt­lich je 4,62 Mil­lio­nen Zu­schau­er und ei­nen Markt­an­teil von 16,2 Pro­zent. Will er­reich­te bis­lang im Schnitt 4,0 Mil­lio­nen Zu­schau­er pro Sen­dung und ei­nen Markt­an­teil von 13,9 Pro­zent.

An­ne Will sagt: „Wir sind sehr zu­frie­den mit dem ers­ten hal­ben Jahr.“Mehr als vier Mil­lio­nen Zu­schau­er – und das, „ob­wohl wir kon­se­quent auf ak­tu­ell-po­li­ti­sche The­men ge­setzt ha­ben, häu­fig so­gar auf durch­aus kom­ple­xe au­ßen­po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen“, be­tont sie. „Wer das tut, muss sich ja ge­le­gent­lich auch auf schlech­te­re Quo­ten ge­fasst ma­chen.“Wer un­be­dingt möch­te, könn­te dar­aus ei­nen Sei­ten­hieb auf Jauch her­aus­hö­ren. Auch aus dem Lob, das NDR-In­ten­dant Lutz Mar­mor sei­ner Mo­de­ra­to­rin im Ju­ni via Pres­se­mit­tei­lung zu­teil­wer­den ließ: „Die Sen­dung ,An­ne Will‘ ist mehr po­li­ti­sches Ge­spräch als Talk­show – und das ist gut so.“

Fo­to: Eck­bert Rein­hardt, WDR

Sieht so die ty­pi­sche Se­nio­rin aus, wie sie in ARD- und ZDF-Fil­men ge­zeigt wird? An­ne­ma­rie Wendl in ih­rer Pa­ra­de­rol­le als El­se Kling in der Kult­se­rie „Lin­den­stra­ße“. Mit ih­ren for­schen Sprü­chen sei sie im­mer die Lieb­lings­fi­gur des jun­gen Pu­bli­kums ge­we­sen, sagt Geb­hard Hen­ke, der Lei­ter des WDR-Pro­gramm­be­reichs Fern­seh­film, Ki­no und Se­rie.

Fo­to: dpa

Wills Sen­dung mit Kanz­le­rin Mer­kel hat­te sechs Mil­lio­nen Zu­schau­er.

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