An­tan­zen bringt Ge­schwis­ter vor Ge­richt

Wer hat ei­nem Mau­rer in ei­ner Ichen­hau­ser Dis­ko­thek den Geld­beu­tel aus der Ho­sen­ta­sche ge­stoh­len?

Mittelschwaebische Nachrichten - - Aus Der Heimat - VON IRM­GARD LO­RENZ

Günz­burg Erst Ichen­hau­sen, dann Köln: Drei Wo­chen nach den Vor­fäl­len in der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht war der Be­griff „An­tan­zen“in al­ler Mun­de. In ei­ner Ichen­hau­ser Dis­ko­thek sol­len schon Mit­te De­zem­ber 2015 zwei Frau­en mit die­ser Me­tho­de ei­nen 27-jäh­ri­gen Mau­rer um sei­nen Geld­beu­tel samt 400 Eu­ro Bar­geld und sein Han­dy ge­bracht ha­ben. Wer was ge­stoh­len und an wen wei­ter­ge­reicht hat, war vor Ge­richt nur schwer zu klä­ren.

Ein wich­ti­ger Zeu­ge, auf des­sen Aus­sa­ge bei der Po­li­zei sich die An­kla­ge stütz­te, glänz­te beim Ter­min am Günz­bur­ger Amts­ge­richt durch Ab­we­sen­heit. Als „Pri­vat­de­tek­tiv“wur­de er in der Ver­hand­lung mehr­fach er­wähnt, wo­bei im­mer auch un­aus­ge­spro­che­ne Zwei­fel an die­ser Be­zeich­nung mit­klan­gen. Er wä­re „sehr ge­spannt ge­we­sen“auf die­se Zeu­gen­aus­sa­ge, sag­te Rich­ter Ra­pha­el Rui­sin­ger und stuf­te die Schil­de­rung, die der „Pri­vat­de­tek­tiv“bei der Po­li­zei ge­ge­ben hat­te, als „ein biss­chen rea­li­täts­fern“ein. Letzt­lich blieb Rui­sin­ger aber nicht viel mehr, als 100 Eu­ro Ord­nungs­geld, er­satz­wei­se drei Ta­ge Ord­nungs­haft, ge­gen den säu­mi­gen Zeu­gen zu ver­hän­gen.

Ei­ne der Frau­en, die den Mau­rer in der Ichen­hau­ser Dis­co an­ge­tanzt und be­stoh­len ha­ben sol­len, war eben­falls nicht bei der Ver­hand­lung. Das Ver­fah­ren ge­gen sie wur­de ab­ge­trennt und ist zwi­schen­zeit­lich ein­ge­stellt. Al­ler­dings scheint sich die Jus­tiz trotz­dem für sie zu in­ter­es­sie­ren. Die jun­ge Frau le­be il­le­gal in ei­ner Asyl­be­wer­ber­un­ter­kunft im Land­kreis Dil­lin­gen und ha­be dort in ei­ner Bä­cke­rei auch ei­nen Job, gab ein Zeu­ge zu Pro­to­koll.

Nicht wirk­lich Licht ins Dun­kel brach­ten dann die bei­den An­ge­klag­ten: ei­ne völ­lig ver­schüch­tert wir­ken­de 27-jäh­ri­ge Haus­frau und al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter von drei klei­nen Kin­dern und ihr zwei Jah­re jün­ge­rer Bru­der. Ih­re Freun­din ha­be in der Dis­co mit dem Mau­rer ge­tanzt und ihr schließ­lich ei­nen Geld­beu­tel ge­reicht, den sie gleich an ih­ren Bru­der wei­ter­ge­ge­ben ha­be, sag­te die 27-Jäh­ri­ge.

We­nig spä­ter sei sie mit der Freun­din zur Toi­let­te ge­gan­gen, da sei die Geld­bör­se dann in Klo­pa­pier ein­ge­wi­ckelt ge­we­sen. Wie der Geld­beu­tel schließ­lich in das Au­to ei­nes 24-Jäh­ri­gen kam, blieb rät­sel­haft. Das Mo­bil­te­le­fon des Mau­rers ist laut An­kla­ge in die­ser Dis­co­nacht eben­falls aus der Ho­sen­ta­sche des Mau­rers ver­schwun­den.

Die bei­den An­ge­klag­ten: beim Vor­fall in der Dis­ko­thek an­ge­trun­ken, ah­nungs­los oder wo­mög­lich bei­des. Der Ge­schä­dig­te: „Ein biss­chen be­trun­ken“, wie er als Zeu­ge vor Ge­richt sag­te, „ich den­ke schon, das ist nor­mal am Wo­che­n­en­de, oder?“

Weit we­ni­ger amü­sant als die Nacht in der Dis­ko­thek war dann die Ver­hand­lung für das we­gen Dieb­stahls an­ge­klag­te Ge­schwis­ter­paar, denn: Für die 27-Jäh­ri­ge ging es um viel, sie steht we­gen ei­ner Be­zie­hungs­tat un­ter lau­fen­der Be­wäh­rung. „Für sie wä­re es ei­ne Ka­ta­stro­phe, wenn ir­gend­was mit der Be­wäh­rung wä­re“, sag­te Rechts­an­walt Tho­mas Dick, der der Frau als Pflicht­ver­tei­di­ger zur Sei­te ge­stellt war. Die Angst stand der 27-Jäh­ri­gen deut­lich ins Ge­sicht ge­schrie­ben, mit lei­ser, kind­lich wir­ken­der Stim­me be­ant­wor­te­te sie die Fra­gen des Ge­richts. Ihr Bru­der konn­te da ge­las­se­ner sein, sein Straf­re­gis­ter ist bis­her oh­ne Ein­trä­ge.

Oh­ne die Aus­sa­ge des „Pri­vat­de­tek­tivs“, der als Haupt­be­las­tungs­zeu­ge hät­te ge­hört wer­den sol­len, sei der Tat­nach­weis „re­la­tiv schwer zu füh­ren“, sag­te Rich­ter Rui­sin­ger schließ­lich und be­riet mit dem Staats­an­walt, ob ei­ne Ein­stel­lung des Ver­fah­rens we­gen ge­ring­fü­gi­ger Schuld ge­gen ei­ne Geld­auf­la­ge in­fra­ge kom­men könn­te.

Dass die Geld­auf­la­ge eher be­schei­den sein muss, war dem Ge­richt da­bei klar. Der 25-jäh­ri­ge An­ge­klag­te lebt in der Be­treu­ung der Le­bens­hil­fe, sei­ne Schwes­ter be­zieht Ar­beits­lo­sen­geld 2, al­so Hartz IV. Sie ha­be sich sel­ber um ei­ne Be­treue­rin be­müht, die ihr bei der Ver­wal­tung ih­res we­ni­gen Gel­des zur Sei­te steht, be­rich­te­te ein Zeu­ge, des­sen Ver­ein der 27-Jäh­ri­gen im­mer mal wie­der bei An­schaf­fun­gen für die Kin­der un­ter die Ar­me greift. Die Frau le­be „in sehr ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen“, sag­te er.

Nach der gut ein­stün­di­gen Ver­hand­lung er­ging der Be­schluss: Je­weils 300 Eu­ro Geld­auf­la­ge, auf­ge­teilt auf sechs Ra­ten, müs­sen die bei­den An­ge­klag­ten je­weils an die ka­tho­li­sche Ju­gend­für­sor­ge über­wei­sen, dann wird das Straf­ver­fah­ren ge­gen sie end­gül­tig ein­ge­stellt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.