Die Ge­schich­te mit den Schin­ken­nu­deln

Mit dem Ro­man „Au­er­haus“ge­lang Bov Bjerg ein Über­ra­schungs­er­folg. Wie macht man da als Au­tor wei­ter?

Mittelschwaebische Nachrichten - - Feuilleton - VON BIR­GIT MÜL­LER-BARDORFF

Augs­burg Mit sei­nem Ado­les­zen­tro­man „Au­er­haus“sorg­te Bov Bjerg im ver­gan­ge­nen Som­mer für er­heb­li­chen Ge­sprächs­stoff. Hym­ni­sche Be­spre­chun­gen, lei­den­schaft­li­che Emp­feh­lun­gen und be­geis­ter­te Le­ser be­scher­ten dem Au­tor, der bis da­hin auf deut­schen Le­se­büh­nen mit kur­zen, poin­ten­rei­chen Ge­schich­ten zu­hau­se war, ei­nen Über­ra­schungs­er­folg.

Fe­der­leicht und zugleich mit ei­ner Me­lan­cho­lie, die das Un­wi­der­bring­li­che der Ju­gend­zeit zum Aus­druck bringt, schreibt Bjerg in „Au­er­haus“über sechs Ju­gend­li­che, die in den 80er Jah­ren ein Haus ir­gend­wo in der schwä­bi­schen Pro­vinz be­woh­nen, weil sie ei­nen un­ter ih­nen vor ei­nem wei­te­ren Selbst­mord­ver­such be­wah­ren wol­len. So wahr­haf­tig, ein­gän­gig und ko­misch in Spra­che und Ge­halt ist die­se als Re­mi­nis­zenz er­zähl­te Ge­schich­te, dass Ju­gend­li­che wie Er­wach­se­ne sich an­ge­spro­chen fühl­ten – wie schon bei Wolf­gang Her­ren­dorfs Ro­man „Tschick“. Und genau wie die­ser soll auch „Au­er­haus“nun ver­filmt wer­den. In der kom­men­den Spiel­zeit wird es an ei­nem Dut­zend Büh­nen zu­dem Dra­ma­ti­sie­run­gen ge­ben (auch beim Thea­ter Augs­burg), fer­ner ist ei­ne Fas­sung für die Schul­lek­tü­re in Ar­beit.

Wie macht man da als Au­tor wei­ter? Bov Bjerg ent­zieht sich dem Er­folgs­druck, an die Ro­man­über­ra­schung an­schlie­ßen zu müs­sen, in­dem er nun ei­ni­ge sei­ner äl­te­ren Le­se­büh­nen-Ge­schich­ten in dem Band „Die Mo­der­ni­sie­rung mei­ner Mut­ter“ver­öf­fent­licht. Kurz­tex­te, von de­nen die meis­ten schon die­sen spe­zi­el­len Ton aus Bei­läu­fig­keit, Skep­sis und Me­lan­cho­lie in sich tra­gen, den er in „Au­er­haus“zur Voll­en­dung brach­te.

„Die Mo­der­ni­sie­rung mei­ner Mut­ter“, je­ne Ti­tel­ge­schich­te in zwei Tei­len, steckt zugleich ei­nen for­ma­len und in­halt­li­chen Rah­men ab. Denn Mut­ters Fort­schritt ist dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, dass sie den Füh­rer­schein macht und da­durch nicht mehr nur als Haus­häl­te­rin im Dorf ar­bei­ten kann, dass sie sich eman­zi­piert. In den drei Ka­pi­teln Aus­fahrt Mehr­zweck­hal­le“, „Ge­än­der­te Ver­kehrs­füh­rung“und „Al­le Rich­tun­gen“füh­ren die Ge­schich­ten, die in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren ent­stan­den, von der schwä­bi­schen Pro­vinz in die Groß­stadt Ber­lin und von da aus in al­le Welt. Da­mit zeich­net der Band auch den Le­bens­weg von Bov Bjerg nach. 1965 als Rolf Bött­cher in Hei­ni­gen bei Stuttgart ge­bo­ren, zog er nach dem Abitur nach Ber­lin, um dort der Wehr­pflicht zu ent­ge­hen. In Ber­lin und Ams­ter­dam stu­dier­te er Po­li­tik und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft, be­vor er sich in Leip­zig am Li­te­ra­tur­in­sti­tut der Pra­xis des Schrei­bens zu­wand­te. Heu­te lebt er mit sei­ner Fa­mi­lie wie­der in Ber­lin.

Im neu­en Buch er­zählt Bjerg vom Ab­sur­den eben­so wie vom Stink­nor­ma­len. Oft han­geln sich die Tex­te an All­tags­be­ob­ach­tun­gen ent­lang, um dar­aus den Weg ins Exis­ten­zi­el­le zu fin­den. „Wenn man mor­gens, lang nach Mit­ter­nacht, nach Hau­se kommt, mit ei­nem Heiß­hun­ger auf Spa­ghet­ti Nu­del­was­ser auf­setzt, die To­ma­ten­so­ße zu­be­rei­tet..., um, als das Nu­del­was­ser kocht, fest­zu­stel­len, dass kei­ne ein­zi­ge Nu­del mehr im Haus ist.“So be­ginnt „Herz­krank“und mün­det schließ­lich in ei­ne Be­trach­tung über Sinn­kri­sen und To­des­angst.

Im ers­ten Satz der ers­ten Ge„Ers­te schich­te kün­digt sich das Dra­ma schon zu Be­ginn an: „Schin­ken­nu­deln wa­ren im­mer mein Lieb­lings­es­sen, aber ein­mal ha­be ich da­von ge­kotzt.“Sei­ne Leib­spei­se nimmt der Er­zäh­le­rin die­sem Fall bei ei­nem spieß­bür­ger­li­chen Leh­rer ehe­paar zu sich, für das sei­ne Mut­ter den Haus­halt macht. Die ge­lieb­ten Schin­ken­nu­deln wer­den an je­nem denk­wür­di­gen Mit­tag nach ei­nem am­bi­tio­nier­ten Re­zept der Haus­her­rin ge­macht, und pflicht­schul­dig ver­drückt der Jun­ge mehr als er ver­tra­gen kann, um sich der„Mu skat nuss­jo­ghurt soß­enkon­ver­ti­ten schin­ken nu­deln“schließ­lich noch im Ess­zim­mer zu ent­le­di­gen–und mit ih­nen der gan­zen Ver­lo­gen­heit und Schein­hei­lig­keit, die in die­sem Haus­halt herrscht.

Bjergs Ge­schich­ten be­gin­nen oh­ne lan­ge Ein­füh­run­gen und Er­klä­run­gen, sei­ne Fi­gu­ren sind mit gro­ßer Selbst­ver­ständ­lich­keit ein­fach da, hin­ter of­fen­kun­di­ger Si­tua­ti­ons­ko­mik lässt sich oft Tra­gik ver­mu­ten. Das ist die gro­ße Stär­ke Bjergs, die „Au­er­haus“präg­te und die sich in die­sen 22 Ge­schich­ten schon an­kün­digt. Mal mehr, mal we­ni­ger sind sie viel­schich­tig und hin­ter­grün­dig, manch­mal aber auch so ab­sei­tig und be­fremd­lich, dass sie sich schwer durch­schau­en las­sen.

Zum Schluss ko­ket­tiert Bjerg ein we­nig, wenn er schreibt: „Bald dar­auf er­schien ei­ne Samm­lung mei­ner Ge­schich­ten. Die bes­te Ge­schich­te war nicht da­bei.“Was aber ja nur heißt, dass man sich auch aufs nächs­te Buch freu­en kann. Und ei­ni­ge sehr gu­te sind auch in „Die Mo­der­ni­sie­rung mei­ner Mut­ter“schon da­bei.

Bov Bjerg: Die Mo­der­ni­sie­rung mei­ner Mut­ter. Blu­men­bar, 160 S., 16 ¤

Foto: Jens Ka­lae­ne, dpa

Meis­tert nicht nur die lan­ge li­te­ra­ri­sche Stre­cke, son­dern auch die kur­ze: Bov Bjerg.

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