Not­arzt­fahr­zeug ta­ge­lang nicht be­setzt

Die Pro­ble­me am Stand­ort Günz­burg sind im Au­gust be­son­ders groß ge­we­sen. Auch im Sep­tem­ber gibt es noch vie­le freie Schich­ten. Die Schwie­rig­kei­ten sol­len mög­lichst bald vor­bei sein. Ein In­si­der zwei­felt al­ler­dings da­ran

Mittelschwaebische Nachrichten - - Landkreis - VON CHRIS­TI­AN KIRSTGES Foto: Bernhard Weiz­enegger

Günz­burg An zehn Ta­gen im Au­gust sind Not­arzt-Di­ens­te in Günz­burg nicht be­setzt ge­we­sen. Teils nur für ein paar St­un­den, teils aber auch für (mehr als) ei­nen hal­ben Tag, ein­mal so­gar für fast drei Ta­ge hin­ter­ein­an­der. Das er­klärt die zu­stän­di­ge Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung (KV) auf An­fra­ge un­se­rer Zei­tung. Ins­ge­samt konn­ten knapp 83 Pro­zent der Schich­ten be­setzt wer­den. Für die­sen Mo­nat ist das bis­lang erst bei gut 78 Pro­zent der Di­ens­te ge­lun­gen, es wür­den aber wei­te­re Ge­sprä­che ge­führt, so­dass sich wohl noch et­was än­de­re. Das Baye­ri­sche Ro­te Kreuz, das den Fah­rer und das Ein­satz­fahr­zeug stellt, spricht von 16 of­fe­nen Zwölf-St­un­den-Schich­ten, und das teil­wei­se über meh­re­re Ta­ge. Die Pro­ble­me am Stand­ort Günz­burg ge­hen al­so wohl wei­ter. Al­ler­dings soll es am Mon­tag, 26. Sep­tem­ber, das schon län­ger ge­plan­te Ge­spräch zwi­schen der KV und der Kreis­kli­nik ge­ben, um für die Zu­kunft ei­ne Lö­sung zu fin­den. Ob das ge­lingt, wird sich wohl schon am ers­ten Ver­hand­lungs­tag ab­zeich­nen.

Es könn­te da­bei auf den­sel­ben Ver­trag hin­aus­lau­fen, der be­reits in Krum­bach mit dem Kran­ken­haus ge­schlos­sen wur­de – wo­mit tat­säch­lich die dor­ti­gen Schwie­rig­kei­ten beim Be­set­zen der Di­ens­te be­ho­ben wur­den. Das wä­re für die KV die letz­te Mög­lich­keit, sagt ihr Not­dienst-Lei­ter Gök­han Ka­ti­pog­lu. Oder wie er es auch aus­drückt: Es wä­re das „Worst-Ca­se-Sze­na­rio“, al­so der schlimms­te Fall. Et­was an­de­res wür­de dann nicht mehr hel­fen. Er be­tont aber, dass die Si­tua­ti­on in Günz­burg an sich sta­bil sei, „vor al­lem die Ur­laubs­zei­ten sind das Pro­blem“.

Im ver­gan­ge­nen Jahr sind nach An­ga­ben der KV-Pres­se­stel­le dem­nach 99,21 Pro­zent der Di­ens­te be­setzt ge­we­sen. Al­ler­dings be­rich­ten so­wohl das Ro­te Kreuz als auch die Kli­nik schon seit Län­ge­rem von ekla­tan­ten Lü­cken und dass die Di­ens­te eben kaum noch zu be­set­zen sei­en. So oder so be­tont die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung: Auch wenn der Günz­bur­ger Stand­ort un­be­setzt ist, sei die Ver­sor­gung der Bür­ger si­cher­ge­stellt – durch den Nach­bar-Not­arzt oder den Hub­schrau­ber. Dass dann dort Lü­cken ent­ste­hen, er­wähnt die KV wie schon in der Ver­gan­gen­heit eben­so we­nig wie die Tat­sa­che, dass sich die An­fahrts­we­ge nun ein­mal ver­län­gern. Nach In­for­ma­tio­nen un­se­rer gab es bei­spiels­wei­se am 23. Au­gust bei dem Un­fall auf der Au­to­bahn, als zwi­schen Günz­burg und Leip­heim ei­ne Mo­tor­rad­fah­re­rin schwerst ver­letzt wur­de, kei­nen bo­den­ge­bun­de­nen Not­arzt. Der ers­te Me­di­zi­ner kam mit dem Ret­tungs­hub­schrau­ber aus Ulm an die Un­fall­stel­le auf der A 8.

Ein Ken­ner des baye­ri­schen Not­arzt­we­sens er­klärt der­weil im Ge­spräch mit un­se­rer Zei­tung, dass es kurz grei­fe, nur der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung die Schuld an den Pro­ble­men zu ge­ben. Letzt­lich müs­se sie mit den Rah­men­be­din­gun­gen ar­bei­ten, die von der Po­li­tik vor­ge­ge­ben wer­den – und die ha­be eben ver­säumt, recht­zei­tig Lö­sun­gen für die Zu­kunft zu fin­den. Zwar sei das Not­arzt­sys­tem in Bay­ern ei­ne ho­heit­li­che Auf­ga­be, doch be­zahlt wer­de es von den Kas­sen und or­ga­ni­siert von der KV. Auch der Re­tZei­tung tungs­dienst an sich müs­se zwar vom Staat ge­währ­leis­tet wer­den, doch es ge­be hier ei­nen Wett­be­werb un­ter Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und pri­va­ten An­bie­tern, der für die Qua­li­tät der Ver­sor­gung nicht hilf­reich sei.

Pro­ble­ma­tisch beim Not­arzt­dienst sei, dass es fast nur noch Anäs­the­sis­ten da­für ge­be. Aber im­mer we­ni­ger jun­ge Me­di­zi­ner ent­schie­den sich für die­se Fach­rich­tung, da die Ver­dienst­mög­lich­kei­ten im Ver­zu gleich schlech­ter sei­en, die Ar­beits­zei­ten län­ger und auch das An­se­hen ge­ring. Zu­dem sei die Anäs­the­sie für die Kli­ni­ken ein Kos­ten­fak­tor, bei dem ge­spart wer­de. Die Aus­bil­dung zum Not­arzt sei teu­er und zeit­in­ten­siv, die An­rei­ze, hier tä­tig zu sein, sei­en al­so ge­ring. Der In­si­der, der nicht in der Öf­fent­lich­keit er­kannt wer­den will, sagt auch, dass in­zwi­schen nur noch die gro­ßen Kli­ni­ken vor al­lem in den Bal­lungs­zen­tren die Aus­bil­dung über­neh­men, klei­ne­re könn­ten sich das nicht mehr leis­ten. Auch sei es ge­ra­de für ein klei­nes Kran­ken­haus nur tags­über at­trak­tiv, ei­nen Not­arzt vor­zu­hal­ten, weil er noch an­de­re Auf­ga­ben über­neh­men kann, bis ein Ein­satz kommt. In der Nacht sei das so nicht mög­lich, wes­halb es vor al­lem zu die­ser Zeit Lü­cken ge­be. „Wer als Not­arzt fährt, macht es de­fi­ni­tiv auch nicht we­gen des Gel­des, son­dern der Auf­ga­be we­gen“, sagt der Ken­ner – an­ge­sichts ei­ner Pau­scha­le von 20 Eu­ro pro St­un­de für die Be­reit­schafts­zeit sei das auch nicht ver­wun­der­lich.

„Vor al­lem die Ur­laubs­zei­ten sind am Not­arzt­stand­ort Günz­burg das Pro­blem.“ „Wer will sich das bei wei­ter stei­gen­den An­for­de­run­gen ei­gent­lich noch an­tun?“

Bei ei­nem Ein­satz, für den es 75 Eu­ro gibt, müs­se die­se Pau­scha­le auch wie­der ab­ge­zo­gen wer­den. Die Fahrt zum Di­enst und die Klei­dung müss­ten meist selbst be­zahlt wer­den, ge­nau­so wie Fort­bil­dun­gen mit Kos­ten von gut 1000 Eu­ro im Jahr und die Ver­si­che­rung. Der Ärzt­li­che Be­reit­schafts­dienst be­kom­me mehr Geld. Da­her „ist das für vie­le eher ein Hob­by“.

Es gibt zwar noch No­t­ärz­te, die selbst von zu Hau­se aus fah­ren. Doch Günz­burg sei da­für vom Ein­satz­auf­kom­men her zu groß, ei­ne dau­er­haf­te Prä­senz auf der Wa­che sei un­ab­ding­bar. Wie­der­um ge­be es zu we­ni­ge Fol­ge­ein­sät­ze, um den Di­enst auf die­se Wei­se lu­kra­tiv zu ma­chen. Es fehl­ten für No­t­ärz­te auch be­ruf­li­che Per­spek­ti­ven und Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten, auch ge­be es meist nicht ein­mal ein Dan­ke­schön für die Ar­beit. „Wer will sich das bei im­mer wei­ter stei­gen­den An­for­de­run­gen ei­gent­lich noch an­tun?“fragt der In­si­der.

Klar sei, dass die Po­li­tik ver­sagt ha­be und auch im Fall Günz­burg zu spät re­agie­re. Bay­ern­weit ge­be es ge­ra­de im länd­li­chen Raum gro­ße Lü­cken, an den Struk­tu­ren än­de­re sich aber nichts. Ob die Ver­hand­lun­gen zwi­schen der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung und der Kli­nik zum Er­folg füh­ren, hält der Bran­chen­ken­ner für zwei­fel­haft. Denn wo­her soll­ten über­haupt die Ärz­te kom­men, die für den Di­enst be­nö­tigt wer­den?

Das Not­arz­t­ein­satz­fahr­zeug am Stand­ort Günz­burg kann oft nicht mit ei­nem Me­di­zi­ner be­setzt wer­den.

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