Kei­ne Fra­ge des Al­ters

Mittelschwaebische Nachrichten - - Landkreis - VON REBEKKA JA­KOB re­dak­ti­on@mit­tel­schwa­ebi­sche-nach­rich­ten.de

Re­spekt­lo­sig­keit

Nein, frü­her war nicht al­les bes­ser. Und die heu­ti­gen Ju­gend­li­chen sind auch nicht an­ders als je­ne, die sich selbst schon drü­ber auf­re­gen durf­ten, mit miss­bil­li­gen­dem Kopf­schüt­teln als „die Ju­gend von heu­te“be­zeich­net zu wer­den. Wer ein we­nig ehr­lich zu sich selbst ist, wird ins­ge­heim zu­ge­ben müs­sen, dass er da­mals auch nicht nur da­heim im stil­len Käm­mer­lein mit der Cli­que rum­hing, son­dern auch mal laut­stark die Stra­ßen und Plät­ze sei­nes Hei­mat­or­tes un­si­cher mach­te. Dass er sich das Fei­ern auch von Ver­tre­tern der Ob­rig­keit nicht ver­bie­ten las­sen woll­te. Und be­stimmt auch, dass er heu­te, als Er­wach­se­ner, viel­leicht an­de­ren nicht im­mer mit aus­ge­such­ter Höf­lich­keit und Freund­lich­keit be­geg­net – sei es auf der Stra­ße, am Te­le­fon oder in den Wei­ten des In­ter­nets.

Er­schre­cken darf man sich trotz­dem dar­über, was Ichen­hau­sens Zwei­tem Bür­ger­meis­ter Franz Zen­ker die­se Wo­che pas­siert ist. Er woll­te an ei­nem öf­fent­li­chen Platz sei­ner Stadt für Ru­he sor­gen und wur­de da­für be­droht, be­schimpft, be­lei­digt und auch kör­per­lich at­ta­ckiert. Er­schre­cken darf man dar­über auch mit dem Wis­sen, dass Zen­kers Bür­ger­meis­ter Ro­bert Stro­bel schon vor dem ei­ge­nen Haus ei­nen weit hef­ti­ge­ren An­griff er­le­ben muss­te, der ihn ins Kran­ken­haus be­för­der­te.

Po­li­zei­be­am­te, aber auch Feu­er­wehr­leu­te und Ret­tungs­kräf­te be­kla­gen, dass ih­nen im Ein­satz häu­fi­ger Ge­walt und Re­spekt­lo­sig­keit be­geg­nen. Dass sie bei ih­rer oh­ne­hin nicht ein­fa­chen Ar­beit be­schimpft und be­hin­dert wer­den. So­gar Beißat­ta­cken ge­gen Po­li­zis­ten häu­fen sich (mehr da­zu auf Bay­ern, Sei­te 11). Al­ler­dings sind es nicht an vor­ders­ter Front Ju­gend­li­che, die sich da­ne­ben be­neh­men. All­zu oft be­geg­nen sie der Re­spekt­lo­sig­keit von Men­schen, die ih­re Ju­gend­zeit be­reits hin­ter sich ge­las­sen ha­ben, de­nen man die Pha­se von Sturm und Drang nicht mehr wirk­lich als Ent­schul­di­gung für ihr Han­deln an­rech­nen kann. Um­so wich­ti­ger ist es für Ein­satz­kräf­te, aber auch für Amts­trä­ger, sich die­ser Re­spekt­lo­sig­keit ent­ge­gen­zu­stel­len. Franz Zen­ker hat die­se Wo­che gro­ßen Mut be­wie­sen. Nach sei­ner Be­geg­nung mit den Ju­gend­li­chen, die ihn in Aus­übung sei­nes Amts so ag­gres­siv an­ge­gan­gen ha­ben, hat er wei­ter sei­nen Job ge­macht. Und sie­he da: Ei­ne deut­lich grö­ße­re Grup­pe Ju­gend­li­cher, die er nur kur­ze Zeit nach dem Vor­fall auf­for­der­te, ih­re Pri­vat­par­ty in der Ichen­hau­ser Tief­ga­ra­ge zu be­en­den, weil der Lärm die An­woh­ner stört, ver­ließ an­stands­los den Platz. Weil der Bür­ger­meis­ter dar­um ge­be­ten hat­te. Re­spekt ist kei­ne Fra­ge des Al­ters, son­dern der Ein­stel­lung. Ju­gend­li­ches Al­ter ist nicht Qu­el­le des Übels. Rück­sichts­lo­sig­keit da­ge­gen schon. Wer über den An­griff auf den Zwei­ten Bür­ger­meis­ter er­schro­cken ist, kann – egal wel­ches Al­ter er hat – dar­auf re­agie­ren: In­dem er sei­ne ei­ge­ne Ein­stel­lung auf den Prüf­stand stellt. In­dem er an­de­ren vor­lebt, wie es bes­ser geht. Und in­dem er Zi­vil­cou­ra­ge zeigt, wie es Franz Zen­ker ge­tan hat. Denn wer Re­spekt ern­ten möch­te, muss Re­spekt sä­en.

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