Der Po­li­zist und die Bak­te­ri­en

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wissen - HIS­TO­RI­SCHE STREIFZÜGE MIT RAI­NER BONHORST

Ein Lon­do­ner Po­li­zist war 1941 der ers­te Mensch, der mit dem neu­en Wun­der­mit­tel na­mens Pe­ni­cil­lin be­han­delt wur­de. Durch ei­ne Wun­de wa­ren Bak­te­ri­en in sei­nen Kör­per ein­ge­drun­gen, er lag im Ster­ben. Dann ver­such­te man es mit ei­ner Do­sis des neu­en Me­di­ka­ments und tat­säch­lich er­hol­te sich der Ster­ben­de. Die Tra­gik: Es gab ein­fach nicht ge­nug von dem An­ti­bio­ti­kum. Die Bak­te­ri­en sieg­ten. Die Me­di­zin un­ter­lag. Vor­erst: Bald dar­auf gab es die ers­ten Er­fol­ge und schließ­lich ret­te­ten An­ti­bio­ti­ka Mil­lio­nen Men­schen­le­ben.

Dass es das neue Mit­tel gab, war ei­nem Zu­fall und der Auf­merk­sam­keit des schot­ti­schen Bak­te­rio­lo­gen Alex­an­der Fle­ming zu ver­dan­ken. Ein Ex­pe­ri­ment war ihm durch ei­nen Be­fall mit Schim­mel­pil­zen „ver­dor­ben“wor­den. Ver­dor­ben? Mo­ment mal. Der For­scher ent­deck­te, dass dort, wo sich die Pil­ze des Typs Pe­ni­cil­li­um no­tatum aus­ge­brei­tet hat­ten, sämt­li­che Bak­te­ri­en ver­schwun­den wa­ren. Die Pil­ze tö­te­ten die Krank­heits­er­re­ger ab, die so vie­le Men­schen das Le­ben kos­te­ten. Dass die­se groß­ar­ti­ge Ent­de­ckung von den wis­sen­schaft­li­chen Kol­le­gen jah­re­lang igno­riert wur­de, kann man als bran­chen­üb­lich be­zeich­nen. Vie­len Klu­gen ging es ähn­lich.

Zum Bei­spiel dem fran­zö­si­schen Mi­li­tär­arzt Er­nest Du­ches­ne. Der hat­te schon 30 Jah­re vor Fle­ming ent­deckt, dass Schim­mel­pil­ze Bak­te­ri­en tö­te­ten. Sein Aha-Er­leb­nis hat­te er dank sei­ner ara­bi­schen Stall­bur­schen. Die wuss­ten aus Er­fah­rung, dass Schim­mel­pil­ze an Sät­teln und Pfer­de­rü­cken bei den wund­ge­rie­be­nen Tie­ren ei­ne hei­len­de Wir­kung hat­ten. Du­ches­ne un­ter­such­te die Sa­che und schrieb ei­ne weit­hin un­be­ach­te­te Dok­tor­ar­beit über sei­ne Ent­de­ckung in den Pfer­de­stäl­len. Of­fi­zi­el­le An­er­ken­nung er­fuhr er erst post­hum. Da hat­te Alex­an­der Fle­ming be­reits den No­bel­preis er­hal­ten, ge­mein­sam mit dem Pa­tho­lo­gen Flo­rey und dem Bio­che­mi­ker Chain. Ernst Bo­ris Chain, ein Ber­li­ner Ju­de, den die Na­zis um­ge­bracht hät­ten, wenn er nicht nach Ame­ri­ka ent­kom­men wä­re, leis­te­te ei­nen ent­schei­den­den Bei­trag da­zu, dass Pe­ni­cil­lin zum Le­bens­ret­ter für Mil­lio­nen Men­schen wur­de. Zwei wei­te­re Deut­sche, Paul Ehr­lich und Ger­hard Do­magh, ent­wi­ckel­ten eben­falls An­ti­bio­ti­ka. Heu­te gibt es tau­sen­de Prä­pa­ra­te. Doch die Bak­te­ri­en weh­ren sich und er­wei­sen sich im­mer öf­ter als re­sis­tent: ei­ne neue Pha­se im Wett­lauf zwi­schen Me­di­zin und Krank­heits­er­re­gern.

Foto: afp

Alex­an­der Fle­ming

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