See­ho­fer, Mer­kel und der Auf­stieg der AfD

Im Streit um die Flücht­lings­po­li­tik ver­greift sich die CSU ge­le­gent­lich im Ton. Schuld am Ver­trau­ens­ver­lust Mer­kels und der CDU ist sie je­doch nicht

Mittelschwaebische Nachrichten - - Meinung & Dialog - VON WAL­TER ROL­LER ro@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

Ist die CSU schuld am Auf­stieg der „Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land“, wie es SPD, Grü­ne, Link­s­par­tei und CDU-Po­li­ti­ker sug­ge­rie­ren? Be­treibt See­ho­fer das „Ge­schäft der Po­pu­lis­ten“, wie es die Grü­ne Gö­ring-Eck­art be­haup­tet und die Kanz­le­rin an­deu­tet – in­dem er „Angst sät“und die Pa­ro­len der AfD sa­lon­fä­hig macht? Rich­tig ist: See­ho­fer und sei­ne Schild­knap­pen füh­ren ih­re Kam­pa­gne ge­gen die Flücht­lings­po­li­tik Mer­kels mit Wor­ten und Be­grif­fen („Herr­schaft des Un­rechts“), die – wie der jüngs­te For­de­rungs­ka­ta­log auch – das nö­ti­ge Au­gen­maß ver­mis­sen las­sen und ge­le­gent­lich an das Vo­ka­bu­lar der AfD er­in­nern. Rich­tig ist auch: Die stän­di­gen mas­si­ven An­grif­fe auf die Kanz­le­rin scha­den dem Er­schei­nungs­bild der Uni­on und der Gro­ßen Ko­ali­ti­on. Aber der grund­sätz­li­che Vor­wurf, erst See­ho­fer ha­be die AfD groß ge­macht, ist falsch – und zeugt von der an­hal­ten­den Nei­gung ei­ner ganz gro­ßen Bun­des­tags­ko­ali­ti­on, die mit der Mas­sen­ein­wan­de­rung ein­her­ge­hen­den Pro­ble­me klein­zu­re­den.

See­ho­fer ist für den immensen Ver­trau­ens­ver­lust, den Mer­kel und die Uni­on er­lit­ten ha­ben, nicht ver­ant­wort­lich. Der Auf­stieg der Rechts­po­pu­lis­ten hat mit je­ner Po­li­tik der of­fe­nen Gren­zen zu tun, die ei­nem gro­ßen Teil der Be­völ­ke­rung Un­be­ha­gen, ja Furcht be­rei­tet. Und bis heu­te bleibt die Kanz­le­rin ei­ne Ant­wort auf die Fra­ge schul­dig, wo­hin die Rei­se ge­hen soll und wie sich Deutsch­land „ver­än­dern“soll. Im Ge­gen­satz zur SPD, die nun plötz­lich auch ei­ne „Ober­gren­ze“for­dert, hat sich die CSU von An­fang an ge­gen den Kurs Mer­kels ge­stemmt. See­ho­fer be­hielt recht mit sei­ner Pro­gno­se, dass der un­kon­trol­lier­te Flücht­lings­zu­strom ein po­li­ti­sches Erd­be­ben aus­lö­sen wer­de. Es war See­ho­fer, der als ein­zi­ger Spit­zen­po­li­ti­ker die Stim­mung im Volk auf­ge­grif­fen und früh zum Han­deln ge­drängt hat. Wenn Mer­kel nun von „Rück­füh­rung, Rück­füh­rung, Rück­füh­rung“re­det und ei­nen eher re­strik­ti­ven Kurs fährt, so ist das auch dem Druck der um ih­re Macht in Bay­ern ban­gen­den CSU ge­schul­det. Und wo stün­de die AfD heu­te, wenn die Re­gie­rung nicht ver­sucht hät­te, die Kon­trol­le zu­rück­zu­ge­win­nen? Po­pu­lis­ten schü­ren Ängs­te, gau­keln ein­fa­che Lö­sun­gen vor. Aber was ist ver­kehrt dar­an, rea­le Ängs­te und Sor­gen auf­zu­grei­fen und zu ver­su­chen, den Pro­zess der Ein­wan­de­rung bes­ser zu steu­ern und dem wi­der­stre­ben­den Teil der Be­völ­ke­rung – was Mer­kel ver­säumt hat – nicht zu viel zu­zu­mu­ten?

Die AfD ist ei­ne rech­te, teils ra­di­ka­le, Ab­schot­tung pre­di­gen­de Par­tei, die auch vom Un­mut über die po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Eli­ten pro­fi­tiert. Ihr ist we­der durch Aus­gren­zung und Dä­mo­ni­sie­rung noch da­durch bei­zu­kom­men, dass man al­le ih­re Wäh­ler als „so­zi­al ab­ge­hängt“und nicht aus­rei­chend auf­ge­klärt ab­tut. Un­se­re De­mo­kra­tie ist stark ge­nug, die­ser Her­aus­for­de­rung stand­zu­hal­ten. Ge­jam­me­re hilft nicht. Von­nö­ten sind ers­tens ei­ne har­te Aus­ein­an­der­set­zung mit der AfD in der Sa­che und zwei­tens ei­ne Po­li­tik, die – bei al­ler Hilfs­be­reit­schaft – die Gren­zen des Mög­li­chen und Ver­kraft­ba­ren im Au­ge hat. Im Üb­ri­gen stün­de es schlecht um un­se­re De­mo­kra­tie, wenn es in ei­ner so es­sen­zi­el­len Fra­ge kei­nen Rich­tungs­streit gä­be.

See­ho­fer und die CSU füh­ren die­sen Streit mit gro­ßer Här­te und zu dem Zweck, Mer­kel wei­te­re Kurs­kor­rek­tu­ren ab­zu­rin­gen und der AfD das Was­ser ab­zu­gra­ben. Der Macht­kampf um die Mei­nungs­füh­rer­schaft geht wei­ter, oh­ne dass es dar­über zum Bruch kom­men wird. Weil Mer­kel und See­ho­fer letzt­lich auf­ein­an­der an­ge­wie­sen sind und 2017 nur ge­mein­sam be­ste­hen kön­nen, wird man sich bei­zei­ten zu­sam­men­rau­fen und (leid­lich) ver­eint ge­gen den neu­en Haupt­geg­ner der Uni­on, die AfD, in die Schlacht zie­hen.

Die Stim­mung im Volk früh auf­ge­grif­fen

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