„Wir kön­nen grund­sätz­lich je­den schla­gen“

Oli­vier Kru­sch­in­ski kennt sich aus mit Schal­ke und ver­sucht zu er­klä­ren, was an die­sem Ver­ein so be­son­ders ist

Mittelschwaebische Nachrichten - - Sport -

Herr Kru­sch­in­ski, wo wa­ren Sie am 19. Mai 2001? Kru­sch­in­ski: Da wo ich hin­ge­hör­te, im Block I im Park­sta­di­on.

Für 4 Mi­nu­ten und 38 Se­kun­den war S04 da­mals Meis­ter, da die Par­tie ge­gen Un­ter­ha­ching 5:3 ge­won­nen wur­de und der FC Bay­ern in Ham­burg 0:1 zu­rück­lag. Schal­ke ju­bel­te, weil ein Re­por­ter mel­de­te, dass die Par­tie in Ham­burg vor­bei sei. War sie aber nicht. An­ders­son er­ziel­te noch den Aus­gleich für die Münch­ner und ent­riss Kö­nigs­blau den Ti­tel. Wie er­in­nern Sie sich 15 Jah­re da­nach an den Tag? Kru­sch­in­ski: Was ich nicht da­mit ver­bin­de sind die Bay­ern. Eher die­ses The­ma „Fuß­ball­gott“. Po­si­tiv ge­se­hen er­in­ne­re ich mich an die­se un­fass­ba­re Emo­tio­na­li­tät, die wir auf Schal­ke ha­ben. Wir hat­ten ja das kom­plet­te Spek­trum der Emo­tio­nen in die­sen 4:38 Mi­nu­ten ab­ge­deckt, von him­mel­hoch jauch­zend bis zu To­de be­trübt. Das wa­ren auch kom­pri­mier­te 100 Jah­re Ver­eins­ge­schich­te. Na­tür­lich war ich auch trau­rig. Aber, auch das muss man sa­gen, wir wa­ren ja selbst schuld, schließ­lich hät­ten wir den Ti­tel­ge­winn an den Spiel­ta­gen zu­vor klar­ma­chen kön­nen. Aber als po­si­tiv den­ken­der Mensch blei­ben mir die­se fan­tas­ti­schen vier Mi­nu­ten in Er­in­ne­rung, wo hier al­les ex­plo­diert ist. Seit­her kann man sich vor­stel­len, was hier los wä­re, wenn es ei­nes Ta­ges mit dem Ti­tel­ge­winn klap­pen wür­de. Das ist dann auch der Un­ter­schied zu den Bay­ern: Wenn die zum 30. Mal Deut­scher Meis­ter wer­den, in­ter­es­siert das doch kaum ei­nen. Hier wür­de die gan­ze Re­gi­on aus­ein­an­der­bre­chen.

Ist die­se ver­pass­te Meis­ter­schaft bis heu­te ein Trau­ma? Kru­sch­in­ski: Für mich nicht. Ich wer­de ja im­mer mal wie­der mit der Fra­ge ge­neckt, wann wir zum letz­ten Mal deut­scher Meis­ter wa­ren. Das ist ja fast schon 60 Jah­re her. Ich ant­wor­te dann stets mit ei­ner Ge­gen­fra­ge: War­um hat die­ser Ver­ein, ob­wohl er so lan­ge kei­ne Meis­ter­schaft mehr ge­won­nen hat, über 150 000 Mit­glie­der? Wie kann so ein Club der viert­größ­te Ver­ein der Welt sein?

Ja, war­um ist das so? Kru­sch­in­ski: Erst mal ist Schal­ke ein Orts­teil und in die­sem Orts­teil gibt es ei­nen Ver­ein, der ein Zu­sam­men­schluss von Men­schen ist. Die­se Men­schen ha­ben et­was ge­mein­sam, ei­ne Ge­schich­te, die gleich­zei­tig die Ge­schich­te die­ses Ver­eins ist und die Ge­schich­te des Berg­baus. Das ist ei­ne gro­ße Lei­den­schaft, die da­hin­ter steckt, be­kloppt und fas­zi­nie­rend zugleich. Klar, das kön­nen auch an­de­re Ver­ei­ne für sich in An­spruch neh­men. Aber Schal­ke ist et­was Be­son­de­res.

War­um? Kru­sch­in­ski: We­gen die­ser at­mo­sphä­ri­schen und geo­gra­fi­schen Kom­pakt­heit. Der Stadt­teil ist we­sent­lich be­kann­ter als die Stadt Gel­sen­kir­chen selbst. Und auf we­ni­gen 100 Me­tern hat sich die­se Ver­eins­ge­schich­te ab­ge­spielt. Da­zu kommt die­ses per­ma­nen­te Auf und Ab, die Ver­mi­schung von Ge­schich­te und Ge­schich­ten. Nor­mal ist hier nichts.

Zu­rück zur Ge­gen­wart. 53 Heim­spie­le be­stritt Schal­ke in der Bun­des­li­ga ge­gen die Bay­ern. Es gab nur 13 Sie­ge. Wie op­ti­mis­tisch sind die Schal­ker, dass es heu­te den 14. Sieg gibt? Kru­sch­in­ski: Op­ti­mis­mus ist im­mer da. Egal, ge­gen wen wir spie­len, ist sich der Schal­ker si­cher, dass sein Klub Meis­ter wird. Rea­lis­tisch ge­se­hen glau­be ich nicht, dass wir 4:0 ge­win­nen wer­den. Aber im Fuß­ball ist ja nichts un­mög­lich. Mit ei­ner Por­ti­on Op­ti­mis­mus sa­ge ich, dass da was für uns drin ist. Wir sind Schal­ke 04, nicht Ki­ckers Ücken­dorf. Wir kön­nen grund­sätz­lich je­den schla­gen.

Was un­ter­schei­det Schal­ke und Bay­ern, was eint bei­de Klubs? Kru­sch­in­ski: Ach du mei­ne Gü­te! Ich den­ke, bei­den ist ge­mein, dass sie Fuß­ball spie­len. Mehr ist da nicht. Was Ge­schich­te, Struk­tur der Fan­sze­ne, Ver­eins­form – Bay­ern ist ja ei­ne Ak­ti­en­ge­sell­schaft, wir sind ein Fuß­ball­ver­ein – an­geht, gibt es ei­gent­lich nur tren­nen­de Ele­men­te.

Mit Mar­kus Wein­zierl hat Schal­ke ei­nen neu­en Trai­ner. Der Auf­takt in Frank­furt (0:1) war nicht op­ti­mal. Droht ein Über­gangs­jahr? Kru­sch­in­ski: Das mit dem Über­gangs­jahr will hier kei­ner mehr hö­ren, das hat­ten wir zu oft in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Der Fuß­ball ist im­mer in Be­we­gung, Über­gangs­jah­re zäh­len nicht. Die Eu­pho­rie hat auch kei­nen Dämp­fer be­kom­men. Man wird nicht nach dem ers­ten Spiel­tag deut­scher Meis­ter und steigt nicht nach dem ers­ten Spiel­tag ab. Heu­te geht die Sai­son erst rich­tig los. Al­les was da­vor war, zählt nicht. Das In­ter­view führ­te Dirk Salz­mann

Fo­to: dpa

Der neue Trai­ner: Mar­kus Wein­zierl.

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