So mach­te Ma­ja Kar­rie­re

Vor vier­zig Jah­ren wur­de die „klei­ne, fre­che, schlaue Bie­ne“zum Fern­seh-Star. Auch we­gen des Lie­des von Ka­rel Gott. Vor al­lem aber dank des Re­dak­teurs Jo­sef Göh­len. Der är­gert sich dar­über, was aus sei­ner Kin­der­se­rie ge­wor­den ist

Mittelschwaebische Nachrichten - - Medien - VON TIL­MANN P. GANG­LOFF

Ein Fern­seh­haus­halt kann heu­te im Schnitt 80 Pro­gram­me emp­fan­gen. Vor der Ein­füh­rung des Pri­vat­fern­se­hens war das ganz an­ders. ARD, ZDF, ein „Drit­tes“, viel­leicht noch ein oder zwei Aus­lands­sen­der: Das war’s. Des­halb fin­den über Vier­zig­jäh­ri­ge auch mü­he­los ge­mein­sa­me Kind­heits­er­leb­nis­se – weil sie in der Re­gel das­sel­be Kin­der­pro­gramm ge­se­hen ha­ben. Et­wa die ZDF-Zei­chen­trick­se­rie „Wi­ckie und die star­ken Män­ner“. Oder, eben­falls im „Zwei­ten“, „Die Bie­ne Ma­ja“. Bei­de Se­ri­en wur­den in den 70er Jah­ren erst­mals ge­zeigt.

Die lie­bens­wer­te Ho­nig­bie­ne und ih­re Freun­de, Bie­nen­jun­ge Wil­li oder Gras­hüp­fer Flip, hin­ter­lie­ßen bei vie­len Kin­dern ei­nen blei­ben­den Ein­druck; das Ti­tel­lied von Ka­rel Gott ge­hört zum kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis der meis­ten – west­deut­schen – Er­wach­se­nen: „In ei­nem un­be­kann­ten Land / Vor gar nicht all­zu lan­ger Zeit / War ei­ne Bie­ne sehr be­kannt / Von der sprach al­les weit und breit / Und die­se Bie­ne, die ich mei­ne, nennt sich Ma­ja / Klei­ne, fre­che, schlaue Bie­ne Ma­ja“… Ab dem 9. Sep­tem­ber 1976 flog die­se Bie­ne im­mer don­ners­tags, 52 Fol­gen lang, über die Bild­schir­me. Die Se­rie war so be­liebt, dass das ZDF die ers­te Staf­fel so­gar sonn­tags wie- und ei­ne zwei­te Staf­fel in Auf­trag gab.

Tat­säch­lich war Ma­ja schon Jahr­zehn­te zu­vor be­kannt und be­liebt. 1912 ver­öf­fent­lich­te Wal­de­mar Bon­sels sein Buch „Die Bie­ne Ma­ja und ih­re Aben­teu­er“. Bis­her ist es in vier­zig Spra­chen über­setzt wor­den.

Mit der in Ja­pan pro­du­zier­ten ZDF-Se­rie ha­ben Bon­sels’ Vor­la­gen (1915 er­schien die Fort­set­zung „Him­mels­volk“) au­ßer der Haupt­fi­gur al­ler­dings kaum et­was ge­mein. Der In­halt von „Die Bie­ne Ma­ja und ih­re Aben­teu­er“: Bei ih­rem Aus­flug in die Welt lernt die frisch ge­schlüpf­te Ho­nig­bie­ne vie­le In­sek­ten ken­nen, von de­nen sie aus­führ­lich über ih­re Le­bens­um­stän­de in­for­miert wird. Heu­ti­ge El­tern wür­den al­ler­dings über die ge­schil­der­ten Grau­sam­kei­ten stol­pern: Mehr­fach wer­den Ma­jas Ge­sprächs­part­ner un­ver­mit­telt und mit­ten im Ge­plau­der von Fress­fein­den zer­malmt.

Zum Best­sel­ler wur­de Bon­sels’ Buch, in dem Ma­ja ihr Volk vorm An­griff der Hor­nis­sen be­wahrt, denn auch vor al­lem dank sei­ner er­wach­se­nen Le­ser: Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs avan­cier­te es zur Lieb­lings­lek­tü­re deut­scher Sol­da­ten. Kein Wun­der: Bei der Be­schrei­bung ei­nes auf­op­fe­rungs­vol­len Kampfs ge­gen Ein­dring­lin­ge schwärmt Bon­sels vom „küh­nen Sol­da­ten­tod“und der „wil­den Se­lig­keit der ho­hen To­des­be­reit­schaft“.

Sol­che Durch­hal­te­pa­ro­len sind in der TV-Se­rie selbst­ver­ständ­lich nicht ent­hal­ten. Sie ent­stand, weil der da­ma­li­ge Lei­ter des ZDF-Kin­der­fern­se­hens, Jo­sef Göh­len, als Kind „Die Bie­ne Ma­ja und ih­re Aben­teu­er“ge­le­sen hat­te. Nach dem Er­folg der Se­rie „Wi­ckie und die star­ken Män­ner“von 1974, zu der er die Idee hat­te, such­te er nach ei­nem Stoff für ei­ne neue Se­rie.

Bon­sels sei da­mals längst ver­ges­sen ge­we­sen, er­in­nert sich der 1931 ge­bo­re­ne Göh­len, „und das wä­re er auch heu­te noch, wenn wir die Se­rie nicht ge­macht hät­ten“. Göh­len sagt je­doch auch, dass er sich be­wusst ge­we­sen sei, dass Bon­sels in der Zeit des Na­zi-Re­gimes wohl mehr als nur ein Op­por­tu­nist war. „Aber da soll­te man den Ball flach hal­ten. Es han­delt sich doch nur um Fik­ti­on. Der Au­tor war mir völ­lig egal, mich hat im­mer nur die Fi­gur in­ter­es­siert.“Bon­sels ist um­strit­ten ge­blie­ben, die Zei­tung Die Welt be­zeich­ne­te ihn ein­mal als „Na­zi-Dan­dy“.

Göh­len je­den­falls ha­be mit sei­ner Kin­der­se­rie Kurz­weil bie­ten wol­len, „mit An­spruch, aber oh­ne je­de Be­leh­rung“. Dass sie nach wie vor so be­liebt sei, liegt sei­ner An­sicht nach „auch dar­an, dass wir mit der Ge­der­hol­te schich­te exis­ten­zi­el­le Wer­te ver­mit­teln woll­ten“. Ire­ne Wel­lers­hoff, beim ZDF stell­ver­tre­ten­de Lei­te­rin des Kin­der­fern­se­hens und zu­stän­dig für fik­tio­na­le Stof­fe, er­klärt die un­ge­bro­che­ne Be­geis­te­rung für die Fi­gur „Bie­ne Ma­ja“da­mit, „dass Kin­der ein­fach von klei­nen We­sen fas­zi­niert sind“. Kin­dern ge­fal­le auch der Frei­heits­drang von Ma­ja und de­ren lus­ti­ger Freund Wil­li. Dass die et­was ecki­ge und stei­fe Mach­art der viel­fach wie­der­hol­ten 70er-Jah­re-Se­rie ei­nem Ver­gleich mit mo­der­nen Ani­ma­ti­ons­pro­duk­tio­nen nicht stand­hält, sei für die Ziel­grup­pe kein The­ma, meint Wel­lers­hoff. „Für Kin­der ist die Ge­schich­te wich­ti­ger als der Look.“Den­noch war man beim ZDF der Mei­nung, dass Stil und Er­zähl­wei­se des Ori­gi­nals aus dem Rah­men des Pro­gramm­um­felds fie­len, wes­halb vor ei­ni­gen Jah­ren drei neue Staf­feln mit ins­ge­samt 77 Fol­gen als com­pu­ter­ani­mier­te Trick­se­rie in Auf­trag ge­ge­ben wor­den sind. Die Bie­ne Ma­ja ist dar­in deut­lich schlan­ker, das Ti­tel­lied singt Schla­ger-Star He­le­ne Fi­scher. Die­se „Bie­ne Ma­ja“läuft der­zeit sonn­tags um 6.30 Uhr im ZDF. Fans der ers­ten St­un­de kön­nen mit ihr we­nig an­fan­gen. Wie Göh­len. Der är­gert sich über die Neu­auf­la­ge und spricht von ei­ner „Ve­r­un­stal­tung“.

Sei­ne Kri­tik reicht „von der Bunt­heit der Sets bis hin zur Neu­auf­nah­me ei­nes kul­ti­schen und hoch­mu­si­ka­li­schen Ohr­wurms durch ei­ne ge­schmei­di­ge kom­mer­zi­ell er­prob­te Künst­le­rin. Und das al­les nur des­halb, um neue Rech­te zu kre­ieren, die wie­der­um neu ver­kauft wer­den kön­nen.“

Den „vor­sich­ti­gen Pin­sel­strich“des Ori­gi­nals „hat das laut­star­ke bun­te Pi­xel er­setzt, die nor­ma­le au­then­ti­sche Spra­che wur­de ge­gen ei­ne kind­lich-kin­di­sche aus­ge­tauscht“, schimpft er. Und wo Ge­füh­le im Ori­gi­nal durch die Cha­rak­te­re ver­mit­telt wor­den sei­en, wer­de nun al­les in Wor­te ge­fasst. Der Tief­gang der Fi­gu­ren ha­be ei­ner glat­ten Ober­flä­che wei­chen müs­sen, „Charme und Poe­sie sind durch sicht­bar tech­ni­sche Ef­fek­te er­le­digt wor­den“. Es ist ei­ne Abrech­nung.

Göh­lens bit­te­res Fa­zit: „Die lie­bens­wer­ten Merk­ma­le der Bie­ne sind auf der ef­fekt­ha­sche­ri­schen kal­ten 3-D-Stre­cke ge­blie­ben.“

Göh­lens „Bie­ne Ma­ja“ist nicht mehr ge­zeigt wor­den, seit es die neue Ani­ma­ti­ons­se­rie gibt. Seit 2013 al­so. Selbst an­läss­lich ih­res Jah­res­ta­ges ist kei­ne Wie­der­ho­lung der 70er-Jah­re-Ma­ja ge­plant. Das soll je­doch laut Ire­ne Wel­lers­hoff vom ZDF nächs­tes Jahr nach­ge­holt wer­den. Heu­te um 19.25 Uhr gibt es ei­nen Be­richt in der Kin­der­nach­rich­ten­sen­dung „lo­go!“im KiKA.

Ar­chiv­fo­to: ZDF/Uta Claus

Jo­sef Göh­len lei­te­te die Re­dak­ti­on „Kin­der und Ju­gend“im ZDF. Er hat­te in den 70ern die Idee zur Zei­chen­trick-Se­rie „Bie­ne Ma­ja“.

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