Wie vie­le Leh­rer braucht das Land?

Bay­ern star­te­te zum neu­en Schul­jahr ei­ne Ein­stel­lungs­of­fen­si­ve. Grund für die Trend­wen­de in der Bil­dungs­po­li­tik sind nicht nur die Flücht­lings­kin­der

Mittelschwaebische Nachrichten - - Meinung & Dialog - VON JÖRG SIGMUND joes@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

Es ist ein in­ter­es­san­ter Satz, den Bay­erns Bil­dungs­mi­nis­ter Lud­wig Spa­en­le da ge­sagt hat. Wäh­rend an Grund- und Mit­tel­schu­len vor ei­ni­gen Jah­ren nicht al­le Ab­sol­ven­ten ein­ge­stellt wer­den konn­ten, ho­len wir sie heu­te mit „der Ka­pel­le vom Bahn­hof“ab. Das klingt zu­nächst ein­mal gut. Pau­ken und Trom­pe­ten bei der An­kunft der jun­gen Päd­ago­gen im Schul­all­tag – der Baye­ri­sche Leh­rer­und Leh­re­rin­nen­ver­band hät­te wohl nichts da­ge­gen ein­zu­wen­den. Doch die Wahr­heit ist, zu­ge­spitzt aus­drückt: Im Zug sitzt kaum noch ei­ner. Der Markt an Leh­rern, die nach dem Zwei­ten Staats­ex­amen an Grund- und Mit­tel­schu­len un­ter­rich­ten könn­ten, ist leer ge­fegt.

1900 von ih­nen wur­den für das kom­men­de Schul­jahr neu ins Be­am­ten­ver­hält­nis über­nom­men. Das ent­spricht na­he­zu ei­ner Voll­ein­stel­lung. Ähn­lich ist die La­ge an be­ruf­li­chen Schu­len und För­der­schu­len. Der wach­sen­de Be­darf an Päd­ago­gen hat je­doch nicht nur mit der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik zu tun, son­dern auch da­mit, dass die Zahl der Grund­schü­ler – un­ter ih­nen 111 000 Erst­kläss­ler – er­freu­li­cher­wei­se wie­der steigt.

In der Ein­stel­lungs­po­li­tik des Frei­staats voll­zieht sich ge­ra­de ei­ne Trend­wen­de. Nach­dem noch vor nicht all­zu lan­ger Zeit Re­fe­ren­da­re nach ih­rer Aus­bil­dung häu­fig auf der Stra­ße stan­den und so­gar Leh­rer­stel­len ge­stri­chen wer­den soll­ten, hat sich die Si­tua­ti­on heu­te grund­le­gend ge­än­dert. In ei­ni­gen Schul­ar­ten wer­den Leh­rer plötz­lich hän­de­rin­gend ge­sucht – doch es feh­len ge­eig­ne­te Be­wer­ber.

Da­bei sind auch die An­for­de­run­gen er­heb­lich ge­wach­sen: Die In­te­gra­ti­on von Flücht­lings­kin­dern, die In­klu­si­on von be­hin­der­ten Kin­dern oder Schü­lern mit ei­nem son­der­päd­ago­gi­schen För­der­be­darf, der kon­se­quen­te und flä­chen­de­cken­de Aus­bau der Ganz­tags­an­ge­bo­te, der Er­halt auch klei­ne­rer Grund­schu­len auf dem Land er­for­dern mehr Per­so­nal. So hiel­ten sich nach An­ga­ben des So­zi­al­mi­nis­te­ri­ums im Ju­li rund 58 500 Kin­der und Ju­gend­li­che mit Flucht­hin­ter­grund im schul- oder be­rufschul­pflich­ti­gen Al­ter in Bay­ern auf. Zur Be­wäl­ti­gung die­ser Auf­ga­be hat die Staats­re­gie­rung al­lein für den Un­ter­richt 160,7 Mil­lio­nen Eu­ro be­reit­ge­stellt und 1079 Plan­stel­len ge­schaf­fen.

Die Gr­und­ver­sor­gung in den Schu­len ist da­durch erst ein­mal ge­si­chert. Das muss auch der An­spruch der baye­ri­schen Bil­dungs­po­li­tik sein, die im bun­des­wei­ten Ver­gleich weit­aus bes­ser ab­schnei­det als von Kri­ti­kern oft­mals be­haup­tet. Des­halb schon von ei­nem pro­blem­frei­en Start ins neue Schul­jahr zu spre­chen, wä­re je­doch zu weit ge­grif­fen. Schon jetzt müs­sen et­wa an Grund- und Mit­tel­schu­len im­mer häu­fi­ger Mo­bi­le Re­ser­ven ein­ge­setzt wer­den, um Lü­cken zu schlie­ßen und St­un­den­aus­fäl­le zu ver­mei­den.

Ganz an­ders sieht es an den Gym­na­si­en und Re­al­schu­len aus. Noch im­mer hat nur ein klei­ner Pro­zent­satz der Re­fe­ren­da­re Aus­sicht auf ei­ne An­stel­lung – in man­chen Fä­cher­kom­bi­na­tio­nen ge­hen die Chan­cen so­gar ge­gen null. Zwar gibt es in­zwi­schen für Gym­na­si­al- und Re­al­schul­leh­rer in Bay­ern die Mög­lich­keit, durch ei­ne päd­ago­gi­sche Nach­qua­li­fi­zie­rung an Mit­tel- oder Be­rufs­schu­len un­ter­rich­ten zu kön­nen – doch auch hier ist die Zahl be­grenzt.

Zwin­gend er­for­der­lich ist ei­ne ver­läss­li­che Lehr­er­be­darfs­pro­gno­se, die Abitu­ri­en­ten Aus­kunft dar­über gibt, wo es letzt­lich auch die Chan­ce auf ei­ne Ein­stel­lung gibt. Nö­tig ist aber auch ei­ne Re­form der Lehr­er­bil­dung. Mehr Fle­xi­bi­li­tät in den Lehr­amts­stu­di­en­gän­gen, die ei­nen spä­te­ren Wech­sel in ei­ne an­de­re Schul­art er­laubt, wür­de be­reits hel­fen. Es wä­re ein ers­ter Schritt, um die stän­di­gen Ein­stel­lungs­schwan­kun­gen auch lang­fris­tig be­he­ben zu kön­nen.

Ge­rin­ge Chan­cen an Gym­na­si­en und Re­al­schu­len

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