Was vom Hor­ror üb­rig blieb

Aus­ge­rech­net an der be­rühm­ten Strand­pro­me­na­de von Niz­za star­ben vor zwei Mo­na­ten 86 Men­schen bei ei­nem An­schlag. Mehr denn je wird die Ter­rorge­fahr den Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf prä­gen. Zu­mal nun ein Vor­fall in Paris den nächs­ten Schock aus­löst

Mittelschwaebische Nachrichten - - Die Dritte Seite - VON BIRGIT HOL­ZER

Niz­za Und plötz­lich kom­men sol­che Fra­gen: „Du fährst nach Niz­za in den Ur­laub? Hast du kei­ne Angst?“Wer in die­sen Ta­gen in die süd­fran­zö­si­sche Küs­ten­me­tro­po­le reist, muss sich fast da­für recht­fer­ti­gen. Was bis­her als ei­ner der schöns­ten Fle­cken Frank­reichs galt, hat für Au­ßen­ste­hen­de ei­nen bit­te­ren Bei­ge­schmack be­kom­men. Und auch die Ein­woh­ner von Niz­za bli­cken seit knapp zwei Mo­na­ten mit an­de­ren Au­gen auf die Pro­me­na­de des An­g­lais, ih­re mit Pal­men ge­säum­te Strand­pro­me­na­de.

Da­bei ist das Am­bi­en­te strah­lend wie eh und je. Die Son­ne zeich­net klei­ne Stern­chen ins Meer. Es leuch­tet in die­sem tie­fen Blau, das der Küs­te den Na­men ge­ge­ben hat: Cô­te d’Azur. Und auch am En­de des Hoch­som­mers ver­strömt die Fla­nier­mei­le je­ne Leich­tig­keit, die Süd­frank­reich so an­zie­hend für Rei­sen­de aus der gan­zen Welt macht.

Dass die Stim­mung nicht mehr un­ge­trübt ist, lässt sich erst auf den zwei­ten Blick er­ken­nen. Ent­lang der Pro­me­na­de ha­ben Men­schen klei­ne Ge­denk­stät­ten auf­ge­baut, an de­nen sich Plüsch­tie­re, Ker­zen, be­schrie­be­ne und be­mal­te Kar­ten häu­fen. Ein run­des Me­tall­ge­rüst et­was ab­seits der Stra­ße wur­de zu ei­nem Ge­denk­ort um­funk­tio­niert und ist über und über ge­schmückt mit Blu­men, Pla­ka­ten und Fo­tos. Sie er­in­nern an die Op­fer des At­ten­tats vom 14. Ju­li. 86 Men­schen, dar­un­ter vie­le Kin­der, wur­den ge­tö­tet, mehr als 400 ver­letzt. Noch im­mer lie­gen 15 Pa­ti­en­ten im Kran­ken­haus.

So ent­steht ein er­schüt­tern­der Kon­trast zwi­schen dem pracht­vol­len Küs­ten­flair und dem Hor­ror, der sich am Abend des fran­zö­si­schen Na­tio­nal­fei­er­tags aus­ge­rech­net hier er­eig­net hat. Rund 30 000 Men­schen be­fan­den sich auf der Pro­me­na­de, um das tra­di­tio­nel­le Feu­er­werk zu be­stau­nen, als der 31-jäh­ri­ge Tu­ne­si­er Mo­ha­med Lahouaiej Bo­uh­lel ei­nen ge­mie­te­ten, 19 Ton­nen schwe­ren Last­wa­gen auf die Fla­nier­mei­le lenk­te, die an die­sem Abend ei­gent­lich für den Ver­kehr ge­sperrt war. Er ras­te in die Men­ge und über­fuhr auf ei­ner Stre­cke von fast zwei Ki­lo­me­tern hun­der­te Men­schen, bis ihn Po­li­zis­ten er­schie­ßen konn­ten. Spä­ter be­kann­te sich die Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) zu der Blut­tat. Der At­ten­tä­ter war den Be­hör­den zwar als ge­walt­tä­tig auf­ge­fal­len, aber nicht als re­li­giö­ser Fa­na­ti­ker.

Trotz­dem ent­stand schnell ein hef­ti­ger po­li­ti­scher Streit über mög­li­che Ver­säum­nis­se bei den Si­cher­heits­vor­keh­run­gen: Gab es ge­nü­gend Po­li­zis­ten, wa­ren sie vor­be­rei­tet? Un­mit­tel­bar vor dem An­schlag hat­te Prä­si­dent François Hol­lan­de an­ge­kün­digt, den Aus­nah­me­zu­stand, der seit den Pa­ri­ser At­ten­ta­ten vom 13. No­vem­ber 2015 galt, auf­zu­he­ben. Prompt mach­te er die rück­gän­gig. Doch was nut­zen die aus­ge­wei­te­ten Mög­lich­kei­ten für Er­mitt­ler, oh­ne rich­ter­li­chen Be­schluss Woh­nungs­durch­su­chun­gen durch­füh­ren und Com­pu­ter be­schlag­nah­men zu dür­fen, wenn sie Ter­ro­ris­ten nicht vom Mor­den ab­hal­ten kön­nen?

Nach der Hor­ror­nacht des 14. Ju­li war die Stim­mung so auf­ge­heizt, dass nicht mal Zeit blieb zum In­ne­hal­ten oder für ein Be­kennt­nis zum Zu­sam­men­halt, wie das nach den Pa­ri­ser An­schlä­gen mög­lich war. Und sie ist es noch im­mer. Zu­mal je­der neue Vor­fall die wei­ter­hin be­ste­hen­de Ge­fahr auf­zeigt. „Es wird neue At­ten­ta­te ge­ben“, warn­te Pre­mier­mi­nis­ter Ma­nu­el Valls nach Niz­za. Das ge­sam­te Staats­ge­biet sei im Vi­sier von Ter­ro­ris­ten, nicht nur die Haupt­stadt. Tat­säch­lich er­mor­de­ten kei­ne zwei Wo­chen spä­ter zwei jun­ge Män­ner in ei­ner Kir­che bei Rou­en ei­nen ka­tho­li­schen Pries­ter wäh­rend ei­ner Mes­se.

Und nun ein neu­er Schock. Und ein Wett­lauf mit der Zeit. Dies­mal ist es wie­der Paris. Er­mitt­ler ent­hül­len, ei­nen un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den Ter­ror­an­schlag ver­hin­dert zu ha­ben. Und mel­den die Fest­nah­me drei­er Frau­en – 19, 23 und 39 Jah­re alt. Auf die Spur kom­men ih­nen die Be­hör­den, als am Sonn­tag­abend ein ver­däch­ti­ges Au­to mit ein­ge­schal­te­ter Warn­blink­an­la­ge in der Nä­he der Ka­the­dra­le Not­re-Da­me ent­deckt wird. Im Kof­fer­raum be­fin­den sich fünf ge­füll­te Gas­fla­schen, und ei­ne kaum ab­ge­brann­te Zi­ga­ret­te ne­ben ei­ner mit Ben­zin ge­tränk­ten De­cke. Staats­an­walt François Mo­lins spricht von ei­nem miss­lun­ge­nen An­schlags­ver­such. Wenn das Au­to Feu­er ge­fan­gen hät­te, hät­te das die Ex­plo­si­on min­des­tens ei­ner Glas­fla­sche nach sich ge­zo­gen. Ge­mel­det ist das Fahr­zeug auf den Va­ter der 19-jäh­ri­gen Inès M., der selbst schon als re­li­giö­ser Ei­fe­rer auf­ge­fal­len ist, nach ei­ner Be­fra­gung al­ler­dings wie­der frei­ge­las­sen wur­de. Er hat am Wo­che­n­en­de das Ver­schwin­den sei­ner Toch­ter ge­mel­det und sie auf dem Weg nach Sy­ri­en ver­mu­tet.

Tat­säch­lich be­fin­det sie sich in Frank­reich – und hat wohl ein Blut­bad im Sinn. Aus ab­ge­hör­ten Te­leEnt­schei­dung fo­na­ten geht her­vor, dass sie mit ih­ren Kom­pli­zin­nen nun of­fen­bar ei­nen An­schlag auf den Bahn­hof Ga­re de Lyon im Süd­os­ten von Paris und wo­mög­lich auf wei­te­re Bahn­hö­fe plant. „Es han­delt sich um ein Ter­ror-Kom­man­do“, sagt Staats­an­walt Mo­lins. Die Er­mitt­ler re­agie­ren. Bei der Ver­haf­tung vor dem Wohn­haus der 39-Jäh­ri­gen ver­letzt die 19-Jäh­ri­ge ei­nen Po­li­zis­ten mit ei­nem Mes­ser an der Schul­ter, be­vor ein wei­te­rer Be­am­ter ihr ins Bein schießt, um sie zu über­wäl­ti­gen.

Die jun­ge Frau ist den Be­hör­den be­reits we­gen ih­rer re­li­giö­sen Ra­di­ka­li­sie­rung be­kannt, soll die An­stif­te­rin ge­we­sen sein und hat ei­nen Brief bei sich, in dem sie dem IS Treue schwört. Sie soll Auf­trä­ge eiBen­zin­spu­ren ner Per­son aus der ira­kisch-sy­ri­schen Grenz­re­gi­on er­hal­ten ha­ben; auf ih­rem Com­pu­ter wird Pro­pa­gan­da-Ma­te­ri­al des IS ge­fun­den.

Die 23-jäh­ri­ge Sa­rah S. wie­der­um soll ei­ne Ver­lob­te gleich zwei­er Ter­ro­ris­ten ge­we­sen sein, de­ren Ta­ten zu­letzt Frank­reich er­schüt­ter­ten: La­ros­si Ab­bal­la hat am 13. Ju­ni ein Po­li­zis­ten­paar er­mor­det, Adel Ker­mi­che war ei­ner der Tä­ter von Rou­en. Bei­de sind tot. Seit dem Au­to­fund sit­zen au­ßer­dem zwei Paa­re in Un­ter­su­chungs­haft – zwei Brü­der und ih­re Part­ne­rin­nen.

Auch durch Nach­rich­ten wie die­se wer­den die The­men Si­cher­heit und Ter­ror­be­kämp­fung den be­gin­nen­den Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf be­stim­men. In ei­ner Um­fra­ge sa­gen 67 Pro­zent der Fran­zo­sen, die Vor­schlä­ge zum Kampf ge­gen ge­walt­be­rei­te Ex­tre­mis­ten wer­den ihr Vo­tum im Mai stark be­ein­flus­sen. Für 91 Pro­zent stellt er so­gar das wahl­ent­schei­den­de The­ma dar. Dem pas­sen sich die po­ten­zi­el­len Be­wer­ber an, die sich al­ler­dings noch par­tei­in­ter­nen Ab­stim­mun­gen stel­len müs­sen – im No­vem­ber kü­ren die Re­pu­bli­ka­ner ih­ren Kan­di­da­ten, im Ja­nu­ar die So­zia­lis­ten.

Prä­si­dent Hol­lan­de, der selbst im ei­ge­nen La­ger stark um­strit­ten ist, bringt sich letz­ten Don­ners­tag mit ei­ner pro­gram­ma­ti­schen Re­de zur „De­mo­kra­tie ge­gen­über dem Ter­ro­ris­mus“in Po­si­ti­on. In­dem er auf die Be­wah­rung des Rechts­staa­tes be­harrt und vor pau­scha­ler Stig­ma­ti­sie­rung al­ler Mus­li­me warnt, ant­wor­tet er auf Vor­schlä­ge der Kon­ser­va­ti­ven, die weit ge­hen und teil­wei­se nicht ver­fas­sungs­kon­form sind. So for­dert Ex-Prä­si­dent Ni­co­las Sar­ko­zy, Ter­ror­ver­däch­ti­ge auch oh­ne Ur­teil weg­zu­sper­ren; sei­ne Ver­trau­ten spre­chen gar von ei­nem „fran­zö­si­schen Guan­ta­na­mo“. Un­ter Druck bringt ihn nicht nur sein in­ner­par­tei­li­cher Ri­va­le, der po­pu­lä­re Ex-Pre­mier­mi­nis­ter Alain Jup­pé, son­dern auch der rechts­ex­tre­me Front Na­tio­nal, der von der Angst der Men­schen pro­fi­tiert. Par­tei­che­fin Ma­ri­ne Le Pen mag zwar vor al­lem Ver­säum­nis­se der Re­gie­ren­den be­kla­gen, oh­ne ech­te Lö­sun­gen pa­rat zu ha­ben – im ak­tu­el­len Kli­ma der Ve­r­un­si­che­rung trifft sie aber ei­nen Nerv.

Das gilt ge­ra­de für die süd­fran­zö­si­sche Re­gi­on um Niz­za, ei­ne der tra­di­tio­nel­len Hoch­bur­gen des Front Na­tio­nal. Da­bei ist vie­len Men­schen in der Mit­tel­meer-Me­tro­po­le nicht nach Po­le­mik zu­mu­te. Sie sind ein­fach nur er­schüt­tert. „Bis heu­te ver­mei­de ich es, die Strand­pro­me­na­de ent­lang­zu­fah­ren, da­bei ist es ei­ne der Haupt-Ver­kehrs­ach­sen. Ich neh­me lie­ber ei­nen Um­weg“, sagt die 60-jäh­ri­ge Do­mi­ni­que. „Niz­za ist klein: Je­der kennt je­man­den, der ge­tö­tet oder ver­letzt wor­den ist. Zum Teil wur­den gan­ze Fa­mi­li­en aus­ge­löscht.“Un­ter den Op­fern be­fan­den sich auch zahl­rei­che Aus­län­der, dar­un­ter drei Deut­sche, für die das Pa­ra­dies zur Höl­le wur­de. Das At­ten­tat er­eig­ne­te sich zu Be­ginn der Fe­ri­en­zeit. Vie­le Ur­lau­ber reis­ten dar­auf­hin ab; an­de­re ka­men gar nicht erst.

Zwar ha­ben Son­nen­hung­ri­ge die Strän­de trotz­dem be­la­gert. Doch es

Wur­de ge­schlampt bei der Ter­ror­be­kämp­fung? Die Tou­ris­mus­zah­len sind ein­ge­bro­chen

wa­ren we­ni­ger als sonst. Wie die An­schlä­ge vom 13. No­vem­ber in Paris ver­setz­te auch das At­ten­tat von Niz­za der Tou­ris­mus-Bran­che ei­nen Schlag. Im Ver­gleich zum Vor­jahr ver­zeich­ne­ten die Ho­tels in der Re­gi­on ei­nen Rück­gang der Bet­ten­be­le­gung um zehn Pro­zent und 20 Pro­zent we­ni­ger Um­satz. Die Zahl der in­ter­na­tio­na­len Gäs­te, die sonst mehr als zwei Drit­tel aus­ma­chen, ist laut Tou­ris­mus­amt ein­ge­bro­chen. Vor al­lem Ame­ri­ka­ner und Asia­ten blei­ben aus.

Die al­lei­ni­ge Ver­ant­wor­tung da­für se­hen die im Tou­ris­mus Be­schäf­tig­ten al­ler­dings nicht bei den An­schlä­gen und der Ter­rorge­fahr. Sie ver­wei­sen auf die so­zia­len Un­ru­hen und die Streiks in der ers­ten Jah­res­hälf­te, wo es zu Aus­stän­den bei Air Fran­ce und an den Flug­hä­fen, bei den öf­fent­li­chen Ver­kehrs­be­trie­ben und der Müll­ab­fuhr kam. „Wir weh­ren uns da­ge­gen, Niz­za künf­tig mit Ter­ror gleich­zu­set­zen“, sa­gen sie. „Es bleibt ei­ne Stadt mit sehr ho­her Le­bens­qua­li­tät.“

Wie um das zu un­ter­mau­ern, strahlt die Son­ne und wo­gen die Pal­men an der Pro­me­na­de. Fast so, als sei nichts ge­we­sen.

Fo­to: Patrick Aven­tu­ri­er, Get­ty Images

Ein Meer aus Plüsch­tie­ren, Ker­zen und Kar­ten in Er­in­ne­rung an die 86 To­ten – und gleich da­hin­ter der Ur­laubs­strand am Mit­tel­meer: die Pro­me­na­de des An­g­lais im fran­zö­si­schen Niz­za.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.