Was­ser­dicht

Mittelschwaebische Nachrichten - - Feuilleton - VON MICHA­EL SCHREI­NER Heu­te nä­her be­trach­tet:

Wir le­ben in ei­ner Zeit, in der das Be­dürf­nis nach Ab­dich­tung und Ab­schot­tung groß ist. Schot­ten dicht ma­chen, da­mit nichts ein­dringt – es ist das ge­sell­schaft­li­che The­ma die­ser Ta­ge. Vie­le Men­schen füh­len sich wie auf der Ti­ta­nic, fürch­ten im vol­len Boot Schlag­sei­te und ir­gend­wie den Un­ter­gang. Lecks sind auch in den Re­gie­rungs­zen­tra­len ein Schre­ckens­sze­na­rio – be­son­ders in Gestalt von Whist­leb­lo­wern wie Ed­ward Snow­den, die In­for­ma­tio­nen ab­zap­fen und in die at­mungs­ak­ti­ve Öf­fent­lich­keit ein­si­ckern las­sen.

Mög­lichst was­ser­dicht wünsch­te man sich frü­her Dä­cher, Go­re­texSchu­he, Ca­bri­os und Ali­bis. Dass die Bö­den mehr und mehr ver­sie­gelt wer­den und wir uns auch auf die­ser Ebe­ne dem Ziel ei­nes im­prä­gnier­ten Deutsch­land nä­hern, wird in Kauf ge­nom­men. Was­ser­dicht wär’ schon schön: Heut­zu­ta­ge sind nun auf der Wun­sch­lis­te Gren­zen, Ge­heim­nis­se und vor al­lem Te­le­fo­ne da­zu­ge­kom­men. Denn das war – Ober­gren­zen hin, Alt­wei­ber­som­mer her – das ei­gent­li­che gro­ße The­ma die­ser Wo­che: Das neue iPho­ne 7 ist was­ser­dicht!

Man kann künf­tig, et­wa als Whist­leb­lo­wer oder Staub­sau­ger­ver­tre­ter, im Stark­re­gen mai­len und un­ter der Du­sche ei­nen Twit­terBei­trag ab­set­zen. Muss man ei­gens be­to­nen, dass die Ei­gen­schaft was­ser­dicht ei­ne sym­bo­li­sche Ant­wort dar­auf ist, dass im­mer mehr Cy­ber­kri­mi­nel­le und Ha­cker in un­se­re Mo­bil­te­le­fo­ne ein­drin­gen, dass der Da­ten­schutz im­mer mehr ver­wäs­sert wird? Tie­fen­psy­cho­lo­gisch ist was­ser­dicht heu­te im­mens viel wich­ti­ger als ein noch stär­ke­rer Pro­zes­sor oder ei­ne Kopf­hö­rerbuch­se. Wo die Apo­ka­lyp­se droht, de­ren ein­dring­lichs­tes Sinn­bild noch im­mer die Sint­flut ist, wird ein was­ser­dich­tes Smart­pho­ne zum Stroh­halm der Hoff­nung.

Was noch kei­ner weiß: Das iPho­ne 8s, das 2017 auf den Markt kommt, wird feu­er­fest bis 1220 Grad Cel­si­us. Es wird al­so mög­lich sein, künf­tig so­gar aus dem Fe­ge­feu­er her­aus als be­gos­se­ner Pu­del noch ei­nen Tweet ab­zu­set­zen: # god, „sor­ry“.

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