Als das Mor­den sei­nen Hö­he­punkt er­reich­te

Zeit­ge­schich­te Vor 100 Jah­ren tob­ten in Frank­reich zwei der ver­lust­reichs­ten Schlach­ten der Welt­ge­schich­te. Wie in der Hei­mat die Not im­mer grö­ßer wur­de

Mittelschwaebische Nachrichten - - Mittelschwäbische Geschichten - VON HANS BOSCH

Krum­bach Es liegt ge­nau 100 Jah­re zu­rück: Im nord­ost­fran­zö­si­schen Ver­dun tobt seit Fe­bru­ar 1916 ei­ne der größ­ten Schlach­ten des Ers­ten Welt­kriegs und an der Som­me na­he der fran­zö­sisch-bel­gi­schen Gren­ze hat am 1. Ju­li das noch blu­ti­ge­re Mor­den erst be­gon­nen, das im Ver­lauf von vier­ein­halb Mo­na­ten als „Schlacht an der Som­me“zu den ver­lust­reichs­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit über ei­ner Mil­li­on Ver­wun­de­ten, Ver­miss­ten und To­ten in die Ge­schich­te ein­ge­hen soll­te. Bei­de wa­ren für das Kriegs­ge­sche­hen be­deu­tungs­los, denn es gab we­der Sie­ger noch Be­sieg­te und nicht ein­mal ei­ne nen­nens­wer­te Front­ver­än­de­rung. Bei der Schlacht um Ver­dun, die am 21. Fe­bru­ar be­gann und am 19. De­zem­ber 1916 en­de­te, wa­ren auf deut­scher Sei­te 50 Di­vi­sio­nen im Ein­satz und bei den Fran­zo­sen 75. Die ver­lust­reichs­ten Kämp­fe im Ver­lauf der in­zwi­schen zwei Jah­re an­dau­ern­den krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem heu­ti­gen Nach­bar­land for­der­ten nach mehr oder we­ni­ger of­fi­zi­el­len An­ga­ben auf deut­scher Sei­te 337 000 To­te, da­von 150000 ge­fal­le­ne Sol­da­ten und auf der Ge­gen­sei­te 377000 To­te, dar­un­ter 167000 Ge­fal­le­ne. Es han­del­te sich um ei­ne rei­ne Ma­te­ri­al­schlacht, bei der es kaum Ge­län­de­ge­win­ne gab und sich der Front­ver­lauf nur um we­ni­ge Ki­lo­me­ter ve­rän­der­te. Mar­kan­tes Bei­spiel ist das na­he Ver­dun ge­le­ge­ne Fort Douau­mont, das am 25. Fe­bru­ar von den Deut­schen ein­ge­nom­men, je­doch am 24. Ok­to­ber von Frank­reich zu­rück­er­obert wur­de. Heu­te lie­gen dort die Ge­bei­ne von 130000 nicht iden­ti­fi­zier­ten fran­zö­si­schen und deut­schen Sol­da­ten und ist Mit­tel­punkt ei­nes fran­zö­si­schen Sol­da­ten­fried­hofs mit 16 000 Grä­bern.

Ähn­lich war die Si­tua­ti­on an der Som­me. Hier stan­den den 50 deut­schen Di­vi­sio­nen in der Haupt­sa­che Trup­pen des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs Groß­bri­tan­ni­en ge­gen­über, die aus dem ge­sam­ten Em­pi­re von Neu­fund­land bis Süd­afri­ka, In­di­en und Neu­see­land stamm­ten. Hin­zu ka­men die fran­zö­si­schen Trup­pen­ver­bän­de, ins­ge­samt geht die Ge­schich­te von 2,5 Mil­lio­nen Sol­da­ten aus, von de­nen 420 000 En­g­län­der, 204000 Fran­zo­sen und ver­mut­lich 465000 Deut­sche bis zum En­de der Schlacht am 18. No­vem­ber ihr Le­ben las­sen muss­ten.

In der Hei­mat wird da­von nur we­nig be­kannt. Im „Krum­ba­cher Bo­ten“ist am 1. Au­gust, dem zwei­ten Jah­res­tag des Kriegs­be­ginns, un­ter dem Ti­tel „Neue gro­ße eng­lisch-fran­zö­si­sche An­grif­fe blu­tig ab­ge­wie­sen“zu le­sen: „Zum zwei­ten Ma­le jährt sich der Tag, dass Deutsch­lands Fein­de und Nei­der Eu­ro­pa mit der Kriegs­fa­ckel in Brand setz­ten. Und wo­hin man auch bli­cken mag, über­all starrt die Welt in Waf­fen und an al­len Fron­ten ist ein Zu­sam­men­pral­len der Völ­ker, hef­ti­ger, er­bit­ter­ter, blu­ti­ger denn je zu­vor in die­sem größ­ten al­ler Krie­ge.“

Die nicht en­den wol­len­den Phra­sen der Pro­pa­gan­da

Und trotz­dem: „Macht­voll, ru­hig und fest, im vol­len Be­wusst­sein sei­ner Kraft und ge­tra­gen von dem Ver­trau­en auf die Ge­rech­tig­keit sei­ner Sa­che, steht das deut­sche Volk in­mit­ten die­ser Bran­dung. Uner­schüt­tert und un­er­schüt­ter­lich wie von An­fang an. Sein blan­kes Schwert hat die Schär­fe sei­ner Schnei­de nicht ver­lo­ren. In wuch­ti­gen Schlä­gen hat es auch in die­sem zwei­ten Kriegs­jahr aus­ge­holt und die Fein­de bis aufs Mark ge­trof­fen“, heißt es wei­ter. Da­mit nicht ge­nug. So ist zu le­sen, dass „kei­ne Macht der Er­de im Stan­de sein wird, uns den Weg zur Hö­he zu ver­le­gen“. Oder: „Ein Volk, das von so star­ken und sitt­li­chen Kräf­ten ge­tra­gen wird wie das deut­sche, kann nicht un­ter­lie­gen.“

Trotz die­ser „gro­ßen“Wor­te sieht aber auch in der Hei­mat in­zwi­schen die Welt an­ders. Da sind sei­ten­wei­se To­des­an­zei­gen zu le­sen, die im­mer wie­der zur Kennt­nis ge­ben, dass jun­ge Män­ner im Al­ter zwi­schen 20 und 30 Jah­ren im „Kampf fürs Va­ter­land“, im „grim­mi­gen Völ­ker­rin­gen“oder in „treu­er Pflicht­er­fül­lung den Hel­den­tod“ge­fun­den ha­ben. Ge­klagt wird auch, dass im­mer mehr Frem­de aus den Städ­ten das Land „über­schwem­men“, die dem Mar­kenzwang noch nicht un­ter­lie­gen­de Le­bens­mit­tel wie Eier, Gries, Ha­fer­flo­cken, Scho­ko­la­de, Mar­me­la­de und Dörr­obst zum Höchst­preis auf­kau­fen und nach Hau­se schi­cken. Po­li­zei und Kauf­leu­te sol­len die­sem „Un­fug“ein En­de be­rei­ten, sei­en die­se doch „nur für den Ver­brauch an Ort und Stel­le“be­stimmt.

Schon fast ma­ka­ber liest sich ei­ne vom „Kö­nig­li­chen Be­zirks­amt Krum­bach“ver­öf­fent­lich­te Be­kannt­ma­chung; „Der Auf­wand der bei den in den länd­li­chen Ge­gen­den ein­ge­bür­ger­ten Brauch des Lei­chen­trunks, be­son­ders auch bei den Lei­chen­fei­er­lich­kei­ten für ge­fal­le­ne Krie­ger ge­trie­ben wird, steht oft in gar kei­nem Ver­hält­nis zu den Mit­teln der Be­tei­lig­ten. Gleich­wohl wa­gen es die An­ge­hö­ri­gen, viel­fach le­dig­lich des­halb nicht von ei­ner Ein­la­dung zum Lei­chen­trunk ab­zu­se­hen, weil sie be­fürch­ten, in den Ruf des Gei­zes zu kom­men.“Des­halb sol­len be­son­ders die „Her­ren Bür­ger­meis­ter“dar­auf hin­wir­ken, dass in ih­rem Dorf der „Lei­chen­trunk dem Erns­te der Zeit ent­spre­chend un­ter­bleibt“.

Fo­to: Bosch

Fast täg­lich er­schie­nen im Krum­ba­cher Bo­ten im Sommer 1916 To­des­an­zei­gen von für das Va­ter­land ge­fal­le­nen Sol­da­ten. Oft füll­ten sie gan­ze Sei­ten.

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