Die Fra­ge der Wo­che Gip­fel­kreu­ze ab­schaf­fen?

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wochenend Journal - WOLF­GANG SCHÜTZ MAT­THI­AS ZIM­MER­MANN

Al­so zu­al­ler­erst: Hier schreibt kei­ner, der den Ir­ren recht­fer­tigt, der die Gip­fel­kreu­ze um­hackt – wie ne­ben­an kei­ner schreibt, der mit hei­mat­tü­meln­dem Pa­thos der „Iden­ti­tä­ren“das Kreuz als Leit­kul­tur so­fort wie­der in­stal­lie­ren wür­de. Oder? Nein. Denn wie man in der Flücht­lings­fra­ge die Wahl hat, in blind­wü­ti­gen Re­fle­xen von rechts wie von links mög­lichst laut zu blö­ken oder eben in de­mo­kra­ti­scher Tra­di­ti­on zu dis­ku­tie­ren und Ar­gu­men­te ab­zu­tau­schen – so ist es auch hier und es ist Zwei­te­res. Ob­wohl das bei Re­li­giö­sem im­mer schwie­ri­ger wird.

Und da­mit sind wir ei­gent­lich beim Kern der Fra­ge ge­lan­det. Denn ge­ra­de dem gläu­bi­gen Chris­ten muss es doch dar­um ge­hen, dass das Sym­bol für den er­lö­sen­den Op­fer­tod von Got­tes Sohn nicht als ein ir­gend­wie kul­tu­rel­les Sym­bol halt zur Folk­lo­re ge­hört. Son­dern dass es nur dort und nur so ein­ge­setzt wird, dass es sei­ner Be­deu­tung an­ge­mes­sen ist. Al­so dass das Kreuz eben nicht von sonst ja völ­lig glau­bens­frem­den Pe­gi­da-Ty­pen für ih­ren Ge­sin­nungs­kampf in­stru­men­ta­li­siert wird. Dass es viel­leicht so­gar in Ge­richts­sä­len falsch hängt, wo im Na­men des Vol­kes zum Bei­spiel ver­kün­det wird, dass Kreu­ze in Klas­sen­zim­mern ab­ge­nom­men wer­den müs­sen. Dass das Kreuz in der Öf­fent­lich­keit al­so rich­tig steht an ei­nem re­li­giö­sen Ort. Wo sich Chris­ten in die­sem Zei­chen ver­sam­meln. Weil es eben mehr ist als ir­gend­ein schmu­ckes Kul­tur­sym­bol. In der Kir­che, auf dem Fried­hof… Auf dem Berg? Am Gip­fel, wo al­le rum­ham­peln, Fo­tos ma­chen? Weil die Göt­ter auf den Ber­gen woh­nen? Weil man dem Him­mel so nah ist und da­mit Gott? Ist doch Kin­der­quatsch. Aus re­li­giö­sen Grün­den müss­te das Kreuz dann ganz wo­an­ders ste­hen. Hier steht es höchs­tens als Herr­schafts­zei­chen. Und ge­ra­de das soll­te es nicht. Weg da­mit.

Für stren­ge Lai­zis­ten ist die­se Fra­ge na­tür­lich von höchs­ter Sym­bol­kraft. Was ha­ben re­li­giö­se Sym­bo­le an Or­ten zu su­chen, die al­len ge­hö­ren? So lässt es sich gut vom Berg her­un­ter­don­nern. Aber ab­ge­se­hen da­von, dass die jahr­tau­sen­de­lan­ge christ­li­che Im­prä­gnie­rung un­se­rer Ge­sell­schaft wohl doch nicht ganz so ein­fach ab­zu­strei­fen ist wie ei­ne ab­ge­wetz­te Out­door­ja­cke: Das Gip­fel­kreuz aus­schließ­lich als re­li­giö­ses Sym­bol miss­zu­ver­ste­hen, zeugt wahr­schein­lich von ei­nem viel grö­ße­ren Mis­sio­nie­rungs­ei­fer, als ihn die et­was ver­fet­te­te und mehr mit sich selbst be­schäf­tig­te In­sti­tu­ti­on Kir­che hier­zu­lan­de noch auf­zu­brin­gen im­stan­de ist.

Die höchs­ten Punk­te in der Land­schaft ha­ben die Men­schen schon im­mer leicht in Schnap­pat­mung ver­setzt. Von der Be­trach­tung der Schön­heit und Er­ha­ben­heit der Na­tur ist es nicht mehr weit zu An­be­tung und Un­ter­wer­fung. Die Göt­ter woh­nen auf den Ber­gen oder zu­min­dest fühlt sich der Mensch dem Him­mel dort so na­he wie nir­gends sonst. Wohl­ge­merkt, das war noch die Zeit be­vor Trek­kings­an­da­len er­fun­den und die Al­pen zum Aben­teu­er­spiel­platz aus­ge­baut wur­den. Da konn­te es nicht scha­den, hö­he­ren Bei­stand zu ha­ben, um wie­der heil ins Tal kom­men. Wer heu­te in den Al­pen ein Gip­fel­kreuz auf­stel­len will, muss zu­vor nicht den Pfar­rer fra­gen, son­dern den ört­li­chen Mar­ke­ting-Chef. Es sind bis­her auch kei­ne Be­schwer­den der wach­sen­den Zahl ara­bi­scher Lack­schuh-Al­pi­nis­ten be­kannt ge­wor­den, die zwi­schen Well­ness-Be­hand­lung und Shop­ping-Tour noch ei­nen Ab­ste­cher auf die Zug­spit­ze ma­chen. Dort steht seit 1851 ein Kreuz. Be­vor man das ab­baut, soll­te man viel­leicht eher den Bier­gar­ten am Gip­fel schlie­ßen. Neue Kreu­ze auf­stel­len muss man aber auch nicht. Der Be­darf scheint ganz gut ge­deckt.

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