Völ­lig ver­fah­ren, die­ses Ver­fah­ren

Ried­ber­ger Horn Am Sonn­tag stim­men die Bür­ger in zwei All­gäu­er Ge­mein­den über ei­nen ge­plan­ten Ski­lift ab. Es geht um Ja oder Nein. Doch die Ge­schich­te ist viel kom­pli­zier­ter

Mittelschwaebische Nachrichten - - Bayern - VON ULI HAGEMEIER

Bal­der­schwang/Ober­maisel­stein Wenn die Men­schen in Bal­der­schwang und Ober­maisel­stein die­sen Text le­sen, ha­ben sie viel­leicht kei­ne Lust mehr, am Sonn­tag wäh­len zu ge­hen. In den zwei All­gäu­er Ge­mein­den wird über die Fra­ge ab­ge­stimmt, ob am Ried­ber­ger Horn ein Lift ge­baut wer­den darf, der zwei Ski­ge­bie­te ver­bin­det. Zu die­sem The­ma ha­ben schon vie­le Men­schen et­was ge­sagt. Für die ei­nen geht es um das wirt­schaft­li­che Über­le­ben ih­rer Dör­fer, für die an­de­ren um das Über­le­ben un­se­rer Na­tur. Und das sind nicht die ein­zi­gen Aus­sa­gen, die in die­ser De­bat­te frag­wür­dig sind.

Hin­ter dem Plan, die Ver­bin­dung zu bau­en, ste­cken die bis­he­ri­gen Lift­be­trei­ber – ein Fa­mi­li­en­be­trieb in Bal­der­schwang – und 28 Bür­ger, de­nen zu glei­chen Tei­len die Gras­geh­ren­lif­te ge­hö­ren. Das Pro­blem: Die neue Ver­bin­dung be­rührt die Al­pen­schutz­zo­ne C. Für die Pis­te, ei­ne Fa­mi­li­en­ab­fahrt, wür­den 2,15 Hekt­ar Flä­che ge­braucht, die Seil­bahn wür­de 6,7 Hekt­ar über­span­nen und un­ter­halb des Gip­fels en­den. Ins­ge­samt lie­gen am Ried­ber­ger Horn 1140 Hekt­ar in der Al­pen­zo­ne C, die durch na­tio­na­le Ge­set­ze und in­ter­na­tio­na­le Ab­kom­men streng ge­schützt ist. Nor­ma­ler­wei­se darf dort nicht ge­baut wer­den.

Die Ge­mein­de­rä­te in Ober­maisel­stein und Bal­der­schwang ha­ben trotz­dem ein­stim­mig die Lift­ver­bin­dung be­schlos­sen. Un­ter­stützt wer­den sie da­bei von CSU-Po­li­ti­kern bis hin zu Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer. Die Lift­be­trei­ber plan­ten mo­na­te­lang ei­nen An­trag auf „Ziel­ab­wei­chung“. Was sich an­hört wie ein Feh­ler im Na­vi­ga­ti­ons­ge­rät, ist im Lan­des­pla­nungs­ge­setz be­schrie­ben: „Die obers­te Lan­des­pla­nungs­be­hör­de kann im Ein­zel­fall in ei­nem be­son­de­ren Ver­fah­ren die Ab­wei­chung von ei­nem Ziel der Raum­ord­nung zu­las­sen, wenn die Ab­wei­chung un­ter raum­ord­ne­ri­schen Ge­sichts­punk­ten ver­tret­bar ist und die Gr­und­zü­ge der Pla­nung nicht be­rührt wer­den.“Über­setzt: Die Lift­be­trei­ber sa­gen, ihr ge­plan­ter Bau sei ei­ne räum­lich eng be­grenz­te Aus­nah­me, grund­sätz­lich blie­ben die Alpen wei­ter ge­schützt.

Doch es gibt noch ein Pro­blem: „Die Zu­las­sung er­folgt im Ein­ver­neh­men mit den fach­lich be­rühr­ten Staats­mi­nis­te­ri­en“, heißt es im Ge­setz. Und die Mi­nis­ter im Ka­bi­nett sind sich nicht ei­nig. Um­welt­mi­nis­te­rin Ulrike Scharf hat ih­re Kol­le­gen mit ei­nem „Nein“zum Bau über­rascht. In München wur­den vie­le An­stren­gun­gen un­ter­nom­men, um die Si­tua­ti­on zu ret­ten. See­ho­fer war so­gar zwei St­un­den lang am Ried­ber­ger Horn, um sich al­les aus­führ­lich er­klä­ren zu las­sen. Auch Scharf war dort, und Hei­mat­mi­nis­ter Mar­kus Sö­der auf sei­ner Wahl­kampf­tour so­wie­so. Nach lan­gen Dis­kus­sio­nen stand fest: Die Ziel­ab­wei­chung ist recht­lich nicht durch­setz­bar.

See­ho­fer hat­te je­doch ei­nen neu­en Plan pa­rat: In ei­nem Bür­ger­ent­scheid sol­len die Ober­maisel­stei­ner und Bal­der­schwan­ger zei­gen, dass sie hin­ter dem Pro­jekt ste­hen. An­schlie­ßend wer­de das Ka­bi­nett ei­ne Lo­cke­rung des Al­pen­schutz­plans be­schlie­ßen. Das wür­de dann al­ler­dings für ganz Bay­ern gel­ten, und die Geg­ner des Lifts hät­ten wo­mög­lich recht: Ein Ja zum Bau wä­re ein Prä­ze­denz­fall und er­mög­lich­te an­de­re Pro­jek­te in den Alpen.

An zwei Stel­len hakt die Vor­ga­be, die Bür­ger ab­stim­men zu las­sen: Ers­tens ver­langt München ein „deut­li­ches Er­geb­nis“. De­mo­kra­ti­e­theo­re­tisch ist das Un­fug – auch 51:49 Pro­zent sind ei­ne Mehr­heit. Und: Das Vo­tum der Bür­ger zeigt nur die Stim­mungs­la­ge. Ei­ne recht­li­che

Wäh­len zu ge­hen ist trotz­dem wich­tig

Bin­dung ent­fal­tet das Er­geb­nis nicht. Auch bei 100 Pro­zent Zu­stim­mung wür­de nicht so­fort ge­baut.

Ei­ne Wo­che vor der Ab­stim­mung hat des­halb auch die Lan­des-SPD die Recht­mä­ßig­keit des Bür­ger­ent­scheids an­ge­zwei­felt. Es blieb al­ler­dings bei mar­ki­gen Wor­ten – die Ge­nos­sen trau­ten sich nicht zu kla­gen, ob­wohl da­zu ge­nü­gend Zeit ge­we­sen wä­re.

Die La­ge ist al­so ver­fah­ren. Klar ist vor al­lem ei­nes: Je wei­ter man vom Ried­ber­ger Horn ent­fernt ist, des­to stär­ker ist die Ab­leh­nung des Pro­jek­tes. Des­halb soll­ten am Sonn­tag je­ne zur Wahl ge­hen, die der Lift vor ih­rer Haus­tür di­rekt be­trifft. Ab Mon­tag re­den dann auch die­je­ni­gen wie­der mit, die die­sen ei­gent­lich un­be­deu­ten­den Berg noch nie ge­se­hen ha­ben. Denn zu En­de ist die­se Ge­schich­te noch nicht. Aber mit ei­nem kla­ren Er­geb­nis wä­re zu­min­dest die Fra­ge be­ant­wor­tet, was die Bür­ger der zwei Ge­mein­den wol­len.

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