Der Typ hin­term Tre­sen

Wie aus dem baye­ri­schen Bau­ern­bu­ben Ka­re der le­gen­dä­re Münch­ner Bar­kee­per Charles Schu­mann wur­de

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wirtschaft - VON JO­SEF KARG

Augs­burg Bars und Kn­ei­pen gibt es auf der Welt in­zwi­schen wie Sand am Meer. Aber dem Schu­mann’s könn­te man im­mer noch, oh­ne rot zu wer­den, das Prä­di­kat ein­zig­ar­tig ver­lei­hen. Es ist Hei­mat und Ar­beits­platz des Na­mens­ge­bers Charles Schu­mann. Und der ist nicht nur in Mün­chen ei­ne Bar­kee­per-Le­gen­de. Sein Lo­kal am Hof­gar­ten ge­nießt dank ge­schick­ter Ver­mark­tung Welt­ruf. Hier ver­keh­ren Wich­ti­ge der Stadt und Ad­a­beis, hier wer­den Ge­schäf­te an­ge­bahnt, Sor­gen aus­ge­tauscht, oder es wird ein­fach nur so das Le­ben ge­fei­ert.

Wahr­schein­lich, weil er in sei­nem Le­ben schon so vie­le Fes­te aus­ge­rich­tet hat, hat­te Charles Schu­mann heute an sei­nem 75. Ge­burts­tag kei­ne Lust auf Ju­bel­re­den. Er flog für ein paar Wo­chen nach Ja­pan, ein Land, des­sen Kul­tur er sehr schätzt.

Wenn ei­ner heut­zu­ta­ge 75 Jah­re alt wird, dann ist das nichts Un­ge­wöhn­li­ches mehr. Na ja, bei Gast­wir­ten viel­leicht schon, denn de­ren Le­bens­er­war­tung liegt un­term Durch­schnitt. Doch was heißt das schon bei Schu­mann. Die Wo­chen­zei­tung Die Zeit schrieb zu sei­nem 70. Ge­burts­tag, er sei ein Al­ters­lo­ser.

Das sil­ber­ne Haar im­mer läs­sig nach hin­ten ge­kämmt, ein Typ, im­mer im auf­rech­ten Gang. Schu­mann hat auch schon als Mo­del für Boss und Cam­pa­ri ge­ar­bei­tet und schmück­te welt­weit rie­si­ge Pla­kat­wän­de. Er sieht aus wie der Typ Mann, der vie­le Zeit­ge­nos­sen ger­ne wä­ren. Kein Lul­li, son­dern cha­ris­ma­tisch, kan­tig, hin­ter­grün­dig.

Da­bei war nicht von vor­ne­her­ein klar, dass aus ihm ein­mal ein Sehn­sucht­s­typ und Be­trei­ber ei­ner Bar mit Welt­ruf wer­den wür­de. Die Spu­ren­su­che nach sei­nem Er­folg be­ginnt in der Ober­pfalz, ge­nau­er ge­sagt in Dorf Kir­chen­thum­bach, Land­kreis Neu­stadt a. d. Wald­na­ab. Dort, wo sich Fuchs und Ha­se gu­te Nacht sa­gen, wur­de Schu­mann als Sohn ei­nes Land­wirts ge­bo­ren. Vor­na­me: Karl Ge­org, ge­ru­fen wur­de er da­heim Ka­re. Das Gym­na­si­um brach er kurz vor dem Abitur ab.

Nach ei­ner Zwi­schen­etap­pe beim Grenz­schutz lan­de­te er im Aus­land. Die Ober­pfalz war ihm zu klein ge­wor­den. Es zog ihn nach Süd­frank­reich, wo man die Schö­nen und Rei­chen ver­mu­tet. Schu­mann ar­bei­te­te dort in Dis­ko­the­ken und Nacht­lo­ka­len, in Mont­pel­lier, Tou­lon, Per­pi­gnan. Es gibt so­gar Ge­rüch­te, er ha­be in grau­er Vor­zeit ein­mal ein Ero­ti­kE­ta­blis­se­ment ge­lei­tet.

In Frank­reich hol­te er sich wohl den Schliff fürs Hand­werk. Dort wur­de aus dem Ka­re der Charles mit der welt­läu­fi­gen Au­ra. 1982 er­öff­ne­te Schu­mann mit­hil­fe ei­nes Teil­ha­bers dann sei­ne ers­te ei­ge­ne Bar: Mün­chen, Ma­xi­mi­li­an­stra­ße 36, ers­te Adres­se. Bin­nen kür­zes­ter Zeit war das Schu­mann’s der Sze­ne­tipp schlecht­hin. Film­grö­ßen wie Bernd Eichin­ger und sei­ne En­tou­ra­ge wa­ren Stamm­gäs­te, für ihn und sei­ne Freun­din­nen sei im­mer ein Tisch re­ser­viert ge­we­sen, heißt es. Und es zeugt durch­aus von Selbst­be­wusst­sein oder kul­ti­vier­ter Ar­ro­ganz, dass die Gast­stät­te am Sams­tag, wo al­le an­de­ren auf das gro­ße Ge­schäft hof­fen, ih­ren Ru­he­tag in die Wo­che streu­te. Trotz­dem oder ge­ra­de des­we­gen boom­te der La­den.

Schu­mann, das hat er oft be­tont, mag das Sams­tag­abend­pu­bli­kum nicht: zu laut, ner­vig. An­sons­ten lau­tet sein Cre­do: „Ein gu­ter Bar­kee­per ist da und doch nicht da. Und er muss et­was von Drinks ver­ste­hen.“Doch da­mit al­lei­ne lässt sich der in die­ser Bran­che sel­ten so lang an­hal­ten­de Er­folg nicht er­klä­ren. Es ist Schu­manns sorg­fäl­tig ge­pfleg­tem Ruf und sei­nem Cha­ris­ma zu ver­dan­ken, dass der La­den brummt. Kein Wun­der, dass er nicht auf­hö­ren kann.

Al­les hät­te da­mals so wei­ter­ge­hen kön­nen, doch Pro­ble­me mit dem Ver­mie­ter führ­ten da­zu, dass das Schu­mann’s, zu dem sich in­zwi­schen noch ein Ta­geskaf­fee ge­sell­te, vor acht Jah­ren um­zie­hen muss­te: an den Ode­ons­platz. Von so man­chem BarTra­di­tio­na­lis­ten schwer be­dau­ert, wahr­schein­lich auch von Schu­mann selbst, ging die Rech­nung über­ra­schend wie­der auf. Das neue Schu­mann’s ist nach wie vor die an­ge­sag­tes­te Bar in der Lan­des­haupt­stadt, wo sich auch ger­ne mal die Pro­mi­nenz des FC Bay­ern trifft.

Wie lan­ge sich der Bar­mann das har­te Ge­schäft, das für ihn sein Le­ben ist, an­tun will, lässt er of­fen. Er ha­be noch kei­nen ge­eig­ne­ten Nach­fol­ger ge­fun­den, ver­riet er. Nicht nur die Stamm­gäs­te wer­den sich freu­en, wenn Schu­mann noch lan­ge hin­term Tre­sen bleibt. Die Ge­ne da­zu hät­te er. Sein Va­ter wur­de 96.

Fo­to: Ar­no Bur­gi, dpa

Der le­gen­dä­re Münch­ner Bar­kee­per Charles Schu­mann.

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