Wer zahlt un­se­re Stra­ßen? Was ist ge­recht?

Land­auf, land­ab gibt es Är­ger in den Ge­mein­den. Jetzt ist der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof am Zug

Mittelschwaebische Nachrichten - - Bayern - VON ULI BACH­MEI­ER

Mün­chen Der ei­ne muss für den Stra­ßen­aus­bau zah­len, der an­de­re nicht. Vie­le Haus­ei­gen­tü­mer fin­den das un­ge­recht und Bür­ger­meis­ter stöh­nen seit Jah­ren über den Zwist, der dar­aus ent­steht, dass rei­che Ge­mein­den ih­re Bür­ger ver­scho­nen (kön­nen), är­me­re Kom­mu­nen ih­re Bür­ger zur Kas­se bit­ten (müs­sen).

Dar­an hat sich auch mit den Neu­re­ge­lun­gen nichts ge­än­dert, die der Land­tag im Früh­jahr ein­stim­mig be­schlos­sen hat. Land­auf, land­ab gibt es Är­ger. Nun ist der Baye­ri­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof mit der Sa­che be­fasst. Da­bei könn­te sich zei­gen, dass die Fra­ge, was ge­recht ist und was nicht, noch weit­aus kom­pli­zier­ter ist. Es gibt näm­lich nicht nur den Streit zwi­schen Reich und Arm.

Ge­rech­tig­keits­pro­blem Num­mer eins: Schon in­ner­halb ei­ner Ge­mein­de wer­den Grund­stücks­ei­gen­tü­mer un­ter­schied­lich be­las­tet, wenn die Stra­ße vor ih­rer Haus­tür grund­er­neu­ert wird. Wer in ei­nem rei­nen Wohn­ge­biet lebt, zahlt in al­ler Re­gel deut­lich mehr als der An­woh­ner ei­ner Kreis-, Staats- oder Bun­des­stra­ße. Der Un­ter­schied wird da­mit be­grün­det, dass Wohn­stra­ßen halt nun mal nur für die An­woh­ner da sind.

Ge­rech­tig­keits­pro­blem Num­mer zwei: Nur 1492 oder knapp 73 Pro­zent der baye­ri­schen Ge­mein­den (Stand: März 2015) ha­ben ei­ne Sat­zung, in der die Er­he­bung von Stra­ßen­aus­bau­bei­trä­gen ge­re­gelt ist. Und es ist an­geb­lich so­gar so, dass längst nicht al­le Ge­mein­den die­se Sat­zung auch voll­zie­hen und ih­re Bür­ger zur Kas­se bit­ten. 564 oder rund 27 Pro­zent der Kom­mu­nen ha­ben gar kei­ne Sat­zung, schi­cken ih­ren Bür­gern al­so aus Prin­zip kei­ne Rech­nung.

Ge­rech­tig­keits­pro­blem Num­mer drei: Die Hö­he der Bei­trä­ge rich­tet sich nach der Grö­ße des Grund­stücks, nimmt aber auf die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer kei­ne Rück­sicht. Im Ex­trem­fall al­so wer­den Rent­ner mit ei­nem al­ten Häu­schen in ei­ner länd­li­chen Ge­mein­de un­gleich hö­her be­las­tet als der Ei­gen­tü­mer ei­nes Miets­hau­ses in ei­ner Stadt.

Nur die­ses drit­te Pro­blem hat der Land­tag zu mil­dern ver­sucht. Es wur­den Bei­trags­ober­gren­zen ein­ge­führt, um un­nö­ti­ge Här­ten zu ver­mei­den. Da­zu wur­de den Kom­mu­nen die Mög­lich­keit ge­ge­ben, Bei­trä­ge zu er­las­sen, die 40 Pro­zent des Ver­kehrs­werts ei­ner Im­mo­bi­lie über­stei­gen. Au­ßer­dem kön­nen Kom­mu­nen jetzt „wie­der­keh­ren­de Bei­trä­ge“er­he­ben. Das Prin­zip da- hin­ter: In ei­nem be­stimm­ten Ge­biet zah­len al­le Haus- und Grund­ei­gen­tü­mer ei­nen Jah­res­bei­trag für den Aus­bau ih­rer Wohn­stra­ßen. Da­mit soll die Be­las­tung nicht auf ei­nen Schlag an­fal­len, son­dern über die Jah­re auf al­le ver­teilt wer­den.

Am ge­setz­li­chen Grund­satz, dass es sich bei Stra­ßen­aus­bau­bei­trä­gen um ei­ne Soll-Re­ge­lung han­delt, än­der­te der Land­tag nichts. Die­se Re­ge­lung be­sagt, dass grund­sätz­lich al­le Kom­mu­nen ver­pflich­tet sind, die Bei­trä­ge zu er­he­ben. Aus­ge­nom­men von die­ser Ver­pflich­tung sind le­dig­lich Städ­te und Ge­mein­den mit ei­ner „be­son­ders güns­ti­gen Haus­halts­la­ge“. Was das genau be­deu­tet, leg­te der Land­tag nicht fest. So wur­de es mit den Stim­men al­ler Frak­tio­nen be­schlos­sen. Der Grund liegt auf der Hand: Es hät­te wei­te­re Pro­ble­me und neu­en Är­ger ge­ge­ben.

Das wä­re dann Ge­rech­tig­keits­pro­blem Num­mer vier: Schafft ei­ne Kom­mu­ne die Stra­ßen­aus­bau­bei­trä­ge ab, dann sind die Bür­ger, die frü­her wel­che ge­zahlt ha­ben, die Dum­men. Führt ei­ne Kom­mu­ne die Bei­trä­ge ein, sind es die Bür­ger, die ab jetzt zah­len müs­sen.

Die­sem Pro­blem woll­te der Land­tag aus dem Weg ge­hen. Er hät­te die Soll-Reg­lung durch ei­ne Muss-Re­ge­lung er­set­zen kön­nen, die al­len Kom­mu­nen oh­ne je­de Aus­nah­me vor­schreibt, Bei­trä­ge zu er­he­ben. Rei­che Kom­mu­nen wie die Stadt Mün­chen wä­ren da­ge­gen ver­mut­lich mit Rü­cken­de­ckung ih­rer Bür­ger auf die Bar­ri­ka­den ge­gan­gen. Der Land­tag hät­te die Soll-Re­ge­lung aber auch durch ei­ne Kann-Re­ge­lung er­set­zen kön­nen, die den Ge­mein­den fast je­de Frei­heit lässt. Da­zu aber hät­te er tief in die ei­ge­ne Kas­se grei­fen müs­sen, weil ge­ra­de in den nächs­ten Jah­ren vie­le ma­ro­de Stra­ßen sa­niert wer­den müs­sen und vie­len Ge­mein­den schlicht die Mit­tel da­für feh­len. An­dern­falls hät­ten Bür­ger­meis­ter, die jetzt schon kei­nen Cent zu viel in der Ge­mein­de­kas­se ha­ben, gleich ab­dan­ken kön­nen. Nicht oh­ne Grund kam der Ruf nach ei­ner Muss-Re­ge­lung aus Fran­ken und der Ober­pfalz, der Ruf nach ei­ner Kann-Re­ge­lung aus Schwa­ben und Ober­bay­ern.

In Ober­bay­ern spielt auch der Streit, der nun vor dem Ver­wal­tungs­ge­richts­hof aus­ge­foch­ten wird. Die Ge­mein­de Ho­hen­brunn (Land­kreis Mün­chen) will sich nicht da­zu zwin­gen las­sen, in ei­nem Orts­teil die An­woh­ner zwei­er Stra­ßen zur Kas­se zu bit­ten, weil sie in der Ver­gan­gen­heit auch die um­lie­gen­den Stra­ßen auf Ge­mein­de­kos­ten sa­niert hat­te. Das woll­te die Rechts­auf­sichts­be­hör­de nicht zu­las­sen, weil Ho­hen­brunn mitt­ler­wei­le ei­ne Sat­zung hat.

Das birgt je­de Men­ge po­li­ti­schen Zünd­stoff, weil die Münch­ner Speck­gür­tel­ge­mein­de fi­nan­zi­ell bes­ser da­steht als vie­le der 564 an­de­ren Kom­mu­nen Bay­erns, die kei­ne Sat­zung ha­ben. Der Münch­ner Land­rat Chris­toph Gö­bel (CSU) – üb­ri­gens er­klär­ter Be­für­wor­ter „ei­ner mög­lichst li­be­ra­len Re­ge­lung“– sah sich aus recht­li­chen Grün­den ge­zwun­gen, ge­gen den Be­schluss des Ho­hen­brun­ner Ge­mein­de­rats vor­zu­ge­hen. Bür­ger­meis­ter Ste­fan Straß­mair (CSU) da­ge­gen sieht sich bei den Bür­gern im Wort. Die Fra­ge, was ge­recht ist, liegt nun bei Ge­richt. Und es ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass die De­bat­te im Land­tag da­nach wie­der von vor­ne be­ginnt.

Fo­to: Alex­an­der Ka­ya

Schlag­lö­cher auf der Stra­ße durch ein be­lie­bi­ges Wohn­ge­biet: Dass sie be­ho­ben wer­den müs­sen, dar­in sind sich die An­woh­ner ei­nig. Aber wenn es ums Geld geht, gibt es Streit.

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