Wenn jun­ge Mäd­chen an die Fal­schen ge­ra­ten

Was treibt Ju­gend­li­che zu ra­di­ka­len Ge­mein­schaf­ten? Ei­ne jun­ge Au­to­rin schreibt dar­über – und er­in­nert an ei­nen bri­san­ten Fall

Mittelschwaebische Nachrichten - - Feuilleton - VON DA­NIE­LA HUNG­BAUR

Was für ein ge­fähr­li­ches Al­ter. 14. Vie­le wer­den sich er­in­nern: An die Un­si­cher­heit im Auf­tre­ten. An die Ängs­te, nicht ge­liebt zu wer­den, nicht gut ge­nug zu sein für die­se Welt da drau­ßen. An die­se zu­wei­len auf­wal­len­de Wut. Evie Boyd ist 14. Was sie will: Auf­merk­sam­keit. Was sie hat: Ge­trennt le­ben­de El­tern, die um sich selbst krei­sen und ei­ne be­rühm­te, to­te Groß­mut­ter, die ein klei­nes Ver­mö­gen hin­ter­las­sen hat. Was ihr fehlt: Lie­be. Was sie macht: Sie flieht. Doch rennt sie nicht et­wa in die weit aus­ge­streck­ten Ar­me ei­nes skru­pel­lo­sen Mäd­chen­ver­füh­rers. Da­zu ist sie zu klug. Evie Boyd, Haupt­fi­gur des Ro­mans „The Girls“von Em­ma Cli­ne, ver­fällt ei­ner jun­gen Frau. Hoff­nungs­los. Mit Fol­gen für ihr gan­zes Le­ben.

Schon der ers­te An­blick Su­zan­nes fas­zi­niert Evie. Die­se hüb­sche, schwarz­haa­ri­ge 19-Jäh­ri­ge durch­streift mit ih­rer Mäd­chen­grup­pe den Park „ge­schmei­dig und ge­dan­ken­los wie durch das Was­ser glei­ten­de Haie“. Sie hat das, was die ein­sa­me Evie so sehr ver­misst: Auf­merk­sam­keit. Freun­din­nen. Sie ist es, die Evie in den Bann schlägt. Zu ihr steigt sie in ei­nen klapp­ri­gen Bus. Ihr folgt sie auf ei­ne völ­lig ver­wahr­los­te Ranch. Mit ihr teilt sie ver­schlis­se­ne, nach Mäu­se­kot stin­ken­de Klei­der, ei­ne mit Un­ge­zie­fer ver­seuch­te Ma­trat­ze. Ihr will sie so na­he wie mög­lich sein. Auch kör­per­lich. Ihr zu­lie­be wird Evie zu die­ser ab­seits ge­le­ge­nen Farm stets zu­rück­keh­ren. Ihr zu­lie­be wird sie sich im­mer wie­der dem teuf­li­schen Sys­tem von Rus­sell un­ter­ord­nen, der es ver­steht, jun­ge Frau­en vor al­lem mit­hil­fe von al­ler­lei Dro­gen zu wil­len­lo­sen, ihm se­xu­ell hö­ri­gen We­sen zu de­gra­die­ren. Und letzt­lich wird Evie mit­an­se­hen müs­sen, wie Su­zan­ne, die Haupt­frau von Rus­sell, nicht nur springt, wenn die­ser mit dem Fin­ger schnippt, son­dern wie er sie zu ei­ner gna­den­lo­sen Mör­de­rin macht.

Über den schmerz­li­chen und bis­wei­len ge­fähr­li­chen Pro­zess des Er­wach­sen­wer­dens wur­de schon oft ge­schrie­ben, oft auch schon sehr gut. Und es wä­re ein Leich­tes, Em­ma Cli­nes her­vor­ra­gend und span­nend ge­schrie­be­nes De­büt in die­se Rei­he ge­lun­ge­ner und le­sens­wer­ter Lek­tü­ren ge­ra­de auch für jun­ge Leu­te ein­zu­ord­nen. Doch wer weiß, dass die 1989 ge­bo­re­ne Au­to­rin ih­re Ge­schich­te im Ka­li­for­ni­en des Jah­res 1969 ver­or­tet hat, kann er­ah­nen, wel­che As­so­zia­ti­on ei­ne Fi­gur wie Rus­sell beim Le­ser her­vor­ruft: Sie er­in­nert an Charles Man­son. An den kri­mi­nel­len An­füh­rer der le­gen­dä­ren Hippie-Kom­mu­ne, an die Mor­de – un­ter an­de­ren der Schau­spie­le­rin Sha­ron Ta­te. Die An­kün­di­gung der ame­ri­ka­ni­schen Au­to­rin, über die Man­son-Fa­mi­ly zu schrei­ben, hat, glaubt man Me­dien­be­rich­ten, ei­nen mil­lio­nen­schwe­ren Bie­ter­wett­be­werb aus­ge­löst. Auch um die Film­rech­te soll ge­kämpft wer­den.

Al­lein, Cli­ne hat kei­nen Man­sonThril­ler ge­schrie­ben. Ihr Man­son, al­so die Fi­gur des Rus­sell, bleibt in dem über­zeu­gend ge­zeich­ne­ten Fi­gu­ren­ka­rusell auf­fal­lend blass. Und wenn Cli­ne all­zu di­rekt auf den his­to­ri­schen Hin­ter­grund an­spielt, sind dies Be­mer­kun­gen, die sie bes­ser weg­ge­las­sen hät­te: „Sämt­li­che Bü­cher stell­ten es so dar, als hät­ten die Män­ner die Mäd­chen zu al­lem ge­zwun­gen. Das stimm­te nicht, je­den­falls nicht durch­weg.“Das klingt an­ma­ßend. Das ver­nich­ten­de Re­gi­ment Rus­sells bil­det auch nicht den Mit­tel­punkt des Ro­mans. Dort steht die Sehn­sucht der jun­gen Evie nach dem Men­schen, den sie liebt. Denn die ge­reif­te Evie, die uns die Ge­schich­te er­zählt, er­klärt: „Ich dach­te, je­man­den zu lie­ben fun­gie­re als ei­ne Art Schutz­me­cha­nis­mus, als be­grei­fe der ge­lieb­te Mensch das Aus­maß und die In­ten­si­tät der ihm ent­ge­gen­ge­brach­ten Ge­füh­le und ver­hiel­te sich ent­spre­chend. Das er­schien mir fair, als wä­re Fair­ness ein Maß­stab, der das Uni­ver­sum auch nur im Ge­rings­ten küm­mert.“

In­dem Cli­ne das ver­zwei­fel­te Su­chen Evies nach Halt zum Haupt­the­ma macht, ist ihr viel mehr ge­lun­gen als ein Buch über die Man­son-Sek­te. Sie leg­te ein pa­cken­des Psy­cho­gramm über die Ver­führ­bar­keit jun­ger Men­schen vor. Ein zeit­lo­ses The­ma. Aber auch ei­nes, das viel­leicht in Zei­ten des Ter­rors, in dem ge­ra­de auch jun­ge Frau­en sich ra­di­ka­li­sie­ren, an Bri­sanz ge­winnt.

Doch ein­fa­che Ant­wor­ten gibt Cli­ne nicht. Sie ver­steht es, genau zu ana­ly­sie­ren, das zwi­schen­mensch­li­che Ge­fü­ge aus Macht, Ab­hän­gig­keit, Lie­be und Hass auch mit über­zeu­gen­den Bil­dern tief aus­zu­leuch­ten – weit über die Ju­gend hin­aus. Ih­re Prot­ago­nis­tin lässt sie zu dem Schluss kom­men: „Wir wol­len al­le ge­se­hen wer­den.“Ge­lingt dies nicht, kann die­ser Man­gel an Auf­merk­sam­keit ei­ne zer­stö­re­ri­sche Kraft ent­fal­ten. So wie bei Evie. Aus dem 14-jäh­ri­gen Mäd­chen ist ei­ne Frau ge­wor­den. Angster­füllt. Oh­ne fes­ten Wohn­sitz. Oh­ne Fa­mi­lie. Mit wech­seln­den Jobs. Ei­ne Frau, die nicht mehr ge­se­hen wer­den will. Ei­ne Frau, die mes­ser­scharf er­kennt, wel­che Ge­fah­ren jun­gen Frau­en dro­hen.

Em­ma Cli­ne: The Girls. Über­tra­gen von Ni­ko­laus Stingl. Han­ser, 352 S., 22 ¤

Fo­to: dpa

The Girls, die Mäd­chen des Charles Man­son: (von links) Les­lie van Hou­ten, Su­san At­kins und Patri­cia Kren­win­kel.

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