Ro­bert Mu­sil – Die Ver­wir­run­gen des Zög­lings Tör­leß (40)

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wetter | Roman -

Aber et­was von ihr blieb für im­mer zu­rück: je­ne klei­ne Men­ge Gif­tes, die nö­tig ist, um der See­le die all­zu si­che­re und be­ru­hig­te Ge­sund­heit zu neh­men und ihr da­für ei­ne fei­ne­re, zu­ge­schärf­te, ver­ste­hen­de zu ge­ben.

Woll­ten Sie üb­ri­gens die St­un­den der Er­nied­ri­gung zäh­len, die über­haupt von je­der gro­ßen Lei­den­schaft der See­le ein­ge­brannt wer­den? Den­ken Sie nur an die St­un­den der ab­sicht­li­chen De­mü­ti­gung in der Lie­be! Die­se ent­rück­ten St­un­den, zu de­nen sich Lie­ben­de über ge­wis­se tie­fe Brun­nen nei­gen oder ein­an­der das Ohr ans Herz le­gen, ob sie nicht drin­nen die Kral­len der gro­ßen, un­ru­hi­gen Kat­zen un­ge­dul­dig an den Ker­ker­wän­den hö­ren? Nur um sich zit­tern zu füh­len! Nur um über ihr Al­lein­sein ober­halb die­ser dunk­len, brand­mar­ken­den Tie­fen zu er­schre­cken! Nur um jäh – in der Angst der Ein­sam­keit mit die­sen düs­te­ren Kräf­ten – sich ganz in­ein­an­der zu flüch­ten!

Se­hen Sie doch nur jun­gen Ehe­paa­ren

in die Au­gen. Du glaubst’ steht dar­in, aber du ahnst ja gar nicht, wie tief wir ver­sin­ken kön­nen! In die­sen Au­gen liegt ein hei­te­rer Spott ge­gen den, der von so vie­lem nichts weiß, und der zärt­li­che Stolz de­rer, die mit­ein­an­der durch al­le Höl­len ge­gan­gen sind.

Und wie die­se Lie­ben­den mit­ein­an­der, so bin ich da­mals mit mir selbst durch all dies hin­durch­ge­gan­gen.“

Den­noch, wenn Tör­leß auch spä­ter so ur­teil­te, da­mals, als er sich in dem Stur­me ein­sa­mer, be­gehr­li­cher Emp­fin­dun­gen be­fand, war die­se des gu­ten En­des über­zeug­te Zu­ver­sicht durch­aus nicht im­mer in ihm. Von den Rät­seln, die ihn erst vor kur­zem ge­quält hat­ten, war noch ei­ne un­be­stimm­te Nach­wir­kung ge­blie­ben, die wie ein dunk­ler fer­ner Ton am Grun­de sei­ner Er­leb­nis­se klang. Ge­ra­de dar­an moch­te er jetzt nicht den­ken.

Aber zeit­wei­lig muß­te er es. Und dann be­fiel ihn tiefs­te Hoff­nungs­lo­sig­keit, und ei­ne ganz an­de­re, ei­ne mü­de, zu­kunfts­lo­se Be­schä­mung konn­te ihn bei die­sen Er­in­ne­run­gen er­grei­fen.

Trotz­dem ver­moch­te er aber auch über die­se nicht sich Re­chen­schaft zu ge­ben.

Dies be­wirk­ten die be­son­de­ren Ver­hält­nis­se im In­sti­tu­te. Dort, wo die jun­gen auf­drän­gen­den Kräf­te hin­ter grau­en Mau­ern fest­ge­hal­ten wur­den, stau­ten sie die Phan­ta­sie voll wahl­los wohl­lüs­ti­ger Bil­der, die man­chem die Be­sin­nung raub­ten.

Ein ge­wis­ser Grad von Aus­schwei­fung galt so­gar als männ­lich, als ver­we­gen, als küh­nes In­be­sitz­neh­men vor­ent­hal­te­ner Ver­gnü­gun­gen. Zu­mal wenn man sich mit der ehr­bar ver­küm­mer­ten Er­schei­nung der meis­ten Leh­rer ver­glich. Denn dann ge­wann das Mahn­wort Moral ei­nen lä­cher­li­chen Zu­sam­men­hang mit schma­len Schul­tern, mit spit­zen Bäu­chen auf dün­nen Bei­nen und Au­gen, die hin­ter ih­ren Bril­len harm­los wie Schäf­chen wei­de­ten, als sei das Le­ben nichts als ein Feld voll Blu­men erns­ter Er­bau­lich­keit.

Im In­sti­tu­te end­lich hat­te man noch kei­ne Kennt­nis vom Le­ben und kei­ne Ah­nung von al­len je­nen Ab­stu­fun­gen von Ge­mein­heit und Wüst­heit bis zu Krank­heit und Lä­cher­lich­keit, die den Er­wach­se­nen in ers­ter Li­nie mit Wi­der­wil­len er­fül­len, wenn er von sol­chen Din­gen hört.

Al­le die­se Hemm­nis­se, de­ren Wirk­sam­keit wir gar nicht ab­zu­schät­zen ver­mö­gen, fehl­ten ihm. Er war förm­lich na­iv in sei­ne Ver­ge­hen hin­ein­ge­ra­ten.

Denn auch die ethi­sche Wi­der­stands­kraft, die­ses emp­find­li­che Fühl­ver­mö­gen des Geis­tes, das er spä­ter so hoch schätz­te, fehl­te da­mals noch. Aber doch kün­dig­te es sich schon an. Tör­leß irr­te, er sah erst die Schat­ten, die et­was noch Un­er­kann­tes in ihm in sein Be­wußt­sein warf, und er hielt sie fälsch­lich für Wirk­lich­keit: aber er hat­te ei­ne Auf­ga­be an sich selbst zu er­fül­len, ei­ne Auf­ga­be der See­le – wenn er ihr auch noch nicht ge­wach­sen war.

Er wuß­te nur, daß er et­was noch Un­deut­li­chem auf ei­nem We­ge ge­folgt war, der tief in sein In­ne­res führ­te; und er war da­bei er­mü­det. Er hat­te sich ge­wöhnt, auf au­ßer­or­dent­li­che, ver­bor­ge­ne Ent­de­ckun­gen zu hof­fen, und war da­bei in die en­gen, wink­li­gen Ge­mä­cher der Sinn­lich­keit ge­langt. Nicht aus Per­ver­si­tät, son­dern in­fol­ge ei­ner au­gen­blick­lich ziel­lo­sen geis­ti­gen Si­tua­ti­on.

Und ge­ra­de die­se Un­treue ge­gen et­was Erns­tes, Er­streb­tes in sich er­füll­te ihn mit ei­nem un­kla­ren Be­wußt­sein von Schuld; ein un­be­stimm­ter, ver­steck­ter Ekel ver­ließ ihn nie­mals ganz und ei­ne un­ge­wis­se Angst ver­folg­te ihn, wie ei­nen, der im Dun­kel nicht mehr weiß, ob er noch sei­nen Weg un­ter den Fü­ßen hat oder wo er ihn ver­lor.

Er be­müh­te sich dann über­haupt nichts zu den­ken. Stumm und be­täubt und al­ler frü­he­ren Fra­gen ver­ges­send, leb­te er da­hin. Der fei­ne Genuß an sei­nen De­mü­ti­gun­gen wur­de im­mer sel­te­ner.

Noch ließ er ihn nicht, aber doch setz­te Tör­leß am En­de die­ser Zeit kei­nen Wi­der­stand mehr ent­ge­gen, als über Ba­si­nis Schick­sal wei­ter be­schlos­sen wur­de.

Dies ge­schah ei­ni­ge Ta­ge spä­ter, als sie zu dritt in der Kam­mer bei­sam­men wa­ren. Bein­eberg war sehr ernst.

Reit­ing fing zu spre­chen an: „Bein­eberg und ich glau­ben, daß es auf die bis­he­ri­ge Wei­se mit Ba­si­ni nicht mehr wei­ter geht. Er hat sich mit dem Ge­hor­sam, den er uns schul­det, ab­ge­fun­den und lei­det nicht mehr dar­un­ter; er ist von ei­ner fre­chen Ver­trau­lich­keit wie ein Be­dien­ter. Es ist al­so an der Zeit, mit ihm ei­nen Schritt wei­ter zu ge­hen. Bist du ein­ver­stan­den?“

„Ich weiß doch noch gar nicht, was ihr mit ihm tun wollt.“

„Das ist auch schwer zu­recht ge­legt. Wir müs­sen ihn noch wei­ter de­mü­ti­gen und her­un­ter­drü­cken. Ich möch­te se­hen, wie weit das geht. Auf wel­che Wei­se, ist frei­lich ei­ne an­de­re Fra­ge. Ich ha­be al­ler­dings auch hier­über ei­ni­ge net­te Ein­fäl­le. Wir könn­ten ihn zum Bei­spiel durch­peit­schen und er müß­te Dankpsal­men da­zu sin­gen; den Aus­druck die­ses Ge­s­an­ges an­zu­hö­ren wä­re nicht übel – je­der Ton ge­wis­ser­ma­ßen von ei­ner Gän­se­haut über­lau­fen. Wir könn­ten ihn die un­sau­bers­ten Sa­chen ap­por­tie­ren las­sen.

Wir könn­ten ihn zu Boe­na mit­neh­men, dort die Brie­fe sei­ner Mut­ter vor­le­sen las­sen, und Boe­na möch­te schon den nö­ti­gen Spaß da­zu lie­fern. Doch das al­les läuft uns nicht da­von. Wir kön­nen es uns ru­hig aus­den­ken, aus­fei­len und Neu­es da­zu­fin­den. Oh­ne die ent­spre­chen­den De­tails ist es vor­der­hand noch lang­wei­lig. Viel­leicht lie­fern wir ihn über­haupt der Klas­se aus. Das wä­re das ge­schei­tes­te. Wenn von so vie­len je­der nur ein we­nig bei­steu­ert, so ge­nügt es, um ihn in Stü­cke zu zer­rei­ßen.

Über­haupt ha­be ich die­se Mas­sen­be­we­gun­gen gern. Kei­ner will Be­son­de­res da­zu tun, und doch ge­hen die Wel­len im­mer hö­her, bis sie über al­len Köp­fen zu­sam­men­schla­gen. Ihr wer­det se­hen, kei­ner wird sich rüh­ren, und es wird doch ei­nen Rie­sen­sturm ge­ben. So et­was in Sze­ne zu set­zen, ist für mich ein au­ßer­or­dent­li­ches Ver­gnü­gen.“

„Was wollt ihr aber zu­nächst tun?“

Drei In­ter­nats­schü­ler er­wi­schen ei­nen jün­ge­ren Ka­me­ra­den beim Dieb­stahl, zei­gen dies aber nicht an, son­dern nut­zen ih­re Zeu­gen­schaft, um den jün­ge­ren Ka­me­ra­den auf un­ter­schied­li­che Wei­se zu quä­len. Je­der der drei trak­tiert ihn auf sei­ne Wei­se – auch der jun­ge Tör­leß aus gu­tem Haus . . . © Gu­ten­berg

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