In­ter­na­tio­na­les Lob für deut­sches Bil­dungs­sys­tem

In kaum ei­nem an­de­ren Land schützt Aus­bil­dung bes­ser vor Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit. Ab­schlüs­se ent­schei­den über Ein­kom­mens­hö­he

Mittelschwaebische Nachrichten - - Erste Seite - VON MAR­TIN FER­BER

Ber­lin 15 Jah­re nach dem „Pi­saSchock“stel­len in­ter­na­tio­na­le Bil­dungs­for­scher der deut­schen Bil­dungs­po­li­tik ein gu­tes Zeug­nis aus. Die Or­ga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung, OECD, wür­digt vor al­lem das dua­le Sys­tem der Be­rufs­aus­bil­dung: Der rei­bungs­lo­se Über­gang von der Aus­bil­dung in den Be­ruf sei die „im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich her­aus­ra­gends­te Stär­ke des deut­schen Bil­dungs­sys­tems“, sag­te OECD-Bil­dungs­di­rek­tor Andre­as Schlei­cher bei der Vor­stel­lung der Stu­die „Bil­dung auf ei­nen Blick“.

In Deutsch­land sei die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit auf ei­nem in­ter­na­tio­na­len Tief­stand – le­dig­lich 8,6 Pro­zent der 15- bis 29-Jäh­ri­gen sei­en we­der in Aus­bil­dung noch er­werbs­tä­tig. Nur in Is­land und in den Nie­der­lan­den sind es un­ter den welt­wei­ten In­dus­trie­staa­ten noch we­ni­ger. Dem so­ge­nann­ten dua­len Sys­tem – der ge­kop­pel­ten Aus­bil­dung in Be­trieb und der Be­rufs­schu­le – sei es zu ver­dan­ken, dass ein Groß­teil der Be­völ­ke­rung über ei­nen mitt­le­ren Bil­dungs­ab­schluss ver­fü­ge.

Die OECD wür­dig­te auch, dass in Deutsch­land die Zahl der Men­schen mit ei­nem hö­he­ren Ab­schluss, wie Hand­werks­meis­ter oder Hoch­schul­ab­schluss, von 22 Pro­zent im Jahr 2005 auf 30 Pro­zent im Jahr 2015 ge­stie­gen sei. Al­ler­dings hin­ke Deutsch­land im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich im­mer noch hin­ter­her. Im OECD-Durch­schnitt stieg der An­teil im glei­chen Zei­t­raum von 32 auf 42 Pro­zent an. Ein hö­he­rer Ab­schluss loh­ne sich auch fi­nan­zi­ell, rech­ne­te OECD-Ex­per­te Schlei­cher vor. So ver­die­ne ein Hand­werks­meis­ter im Schnitt 26 Pro­zent mehr als ein Kol­le­ge oh­ne ent­spre­chen­de Qua­li­fi­ka­ti­on. Wer sein Stu­di­um mit ei­nem Mas­ter oder ei­nem Staats­ex­amen ab­schlie­ße, ver­die­ne so­gar 80 Pro­zent mehr. „Es gibt kei­ne An­zei­chen da­für, dass der Ar­beits­markt für hö­he­re Qua­li­fi­ka­tio­nen ge­sät­tigt ist“, sag­te der Ex­per­te.

Im glei­chen Atem­zug kri­ti­sier­te die OECD al­ler­dings, dass Deutsch­land im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich im­mer noch zu we­nig für Bil­dung aus­ge­be. So lie­gen die In­ves­ti­tio­nen mit 4,2 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts „recht deut­lich“un­ter dem OECD-Mit­tel­wert von 4,8 Pro­zent. Zwar stie­gen die Aus­ga­ben für den Hoch­schul­be­reich, doch nicht im glei­chen Um­fang wie die Zahl der Stu­die­ren­den und der Aus­bil­dungs­plät­ze, so­dass Deutsch­land 2015 pro Kopf we­ni­ger aus­gab als vor der Fi­nanz- und Wirt­schafts­kri­se im Jah­re 2008. Zu­dem be­män­gel­te Schlei­cher, dass in Deutsch­land die El­tern zu ei­nem Vier­tel die Kos­ten der früh­kind­li­chen Bil­dung tra­gen

OECD hält Bil­dungs­aus­ga­ben im Ver­gleich für zu nied­rig

müss­ten, dies lie­ge weit über dem Schnitt, wäh­rend die Hoch­schul­bil­dung fast aus­schließ­lich vom Staat ge­tra­gen wer­de.

Aus­drück­lich be­män­gel­te die OECD den kon­stan­ten An­teil an jun­gen Men­schen, die oh­ne Schul­ab­schluss und be­ruf­li­che Aus­bil­dung da­ste­hen. Er lie­ge bei den 25bis 34-Jäh­ri­gen bei 13 Pro­zent und ha­be sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten kaum ver­än­dert, wäh­rend an­ders­wo der An­teil ver­rin­gert wer­den konn­te, et­wa in Ös­ter­reich bin­nen drei Jahr­zehn­ten von 23 auf zehn Pro­zent oder in Ko­rea von 43 auf zwei Pro­zent. „Die­se ge­rin­ge Dy­na­mik bei der Ab­si­che­rung grund­le­gen­der Qua­li­fi­ka­tio­nen ist auch des­halb un­be­frie­di­gend, weil der Bil­dungs­auf­stieg aus bil­dungs­fer­nen Mi­lieus wei­ter­hin nur schwer ge­lingt“, kri­ti­sier­te Schlei­cher.

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