Die Hel­den von ne­ben­an

Ge­sell­schaft Bay­erns In­nen­mi­nis­ter hat ge­ra­de 37 Men­schen für ih­re Zi­vil­cou­ra­ge aus­ge­zeich­net. Sie ha­ben Schlä­ger ge­stoppt, so­gar Amok­läu­fer. Kann man das ei­gent­lich ler­nen: Zi­vil­cou­ra­ge? Man kann. So­gar schon als Kind. Ei­ne Ge­schich­te über die Kunst des

Mittelschwaebische Nachrichten - - Die Dritte Seite - VON VE­RE­NA MÖRZL

Augs­burg/Po­ing Plötz­lich prangt ein Ha­ken­kreuz an der Turn­hal­len­fas­sa­de. Aus­ge­rech­net hier. Aus­ge­rech­net im Schul­zen­trum von Po­ing im Os­ten von Mün­chen, ei­nem Kom­plex mit gleich drei Schu­len. Die be­kann­tes­te heißt Do­mi­ni­kBrun­ner-Re­al­schu­le, be­nannt nach dem Mann, der vor sie­ben Jah­ren an ei­ner Münch­ner S-Bahn-Sta­ti­on von zwei Schlä­gern tot­ge­prü­gelt wur­de, weil er vier Ju­gend­li­che vor den An­grei­fern be­schüt­zen woll­te. Sein Mut hat die Schü­ler und Leh­rer in Po­ing da­mals mäch­tig be­ein­druckt. Des­halb die Um­be­nen­nung im Mai 2015. Um nach au­ßen zu zei­gen: Wir sind ge­gen jeg­li­che Aus­gren­zung, wir ste­hen für Zi­vil­cou­ra­ge. Und nun schmiert nur ein paar Mo­na­te spä­ter aus­ge­rech­net hier ein Un­be­kann­ter ein Ha­ken­kreuz und die Wor­te „go ho­me“an die Wand.

Ei­ne ge­schmack­lo­se Dumm­heit? Ei­ne be­wuss­te Pro­vo­ka­ti­on? Schnell wird klar: Es ist Frem­den­hass. Das Ha­ken­kreuz gilt den Flücht­lin­gen, die man vor­über­ge­hend in ei­ner der Turn­hal­len des Schul­zen­trums un­ter­ge­bracht hat. Schul­lei­ter Mat­thi­as Wab­ner er­in­nert sich noch gut dar­an, wie ver­un­si­chert, ja teil­wei­se ver­ängs­tigt man­che Schü­ler wa­ren, als sie an sei­ne Bü­ro­tür ge­klopft und die Schmie­re­rei ge­mel­det ha­ben. So­fort trom­mel­te er das gan­ze Haus zu­sam­men, um ei­ne kla­re Bot­schaft los­zu­wer­den: Da­von las­sen wir uns erst recht nicht un­ter­krie­gen.

Die­se Art von Trotz kann man auch an­ders nen­nen: Zi­vil­cou­ra­ge. Der Ein­satz für an­de­re, im Klei­nen wie im Gro­ßen. Bis hin zu mu­ti­gen Men­schen, die sich Ein­bre­chern und Die­ben in den Weg stel­len. Die Amok­läu­fer stop­pen, ob­wohl sie ihr ei­ge­nes Le­ben ris­kie­ren. An­fang der Woche hat Bay­erns In­nen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann 37 sol­cher Men­schen für ih­re Ver­diens­te um die in­ne­re Si­cher­heit aus­ge­zeich­net, dar­un­ter acht Män­ner aus un­se­rer Re­gi­on. Hel­den von ne­ben­an.

Steckt ein sol­cher Mut in je­dem von uns? Ja, sa­gen Ex­per­ten. Zi­vil­cou­ra­ge lässt sich ler­nen. Nun ha­ben Leu­te wie Do­mi­nik Brun­ner und die acht Män­ner aus der Re­gi­on be­son­ders viel Mut be­wie­sen. Was auch nicht je­den Tag vor­kommt. Des­halb zählt je­de Form von Zi­vil­cou­ra­ge, ist sie noch so klein. Auch Schul­lei­ter Wab­ner weiß, dass sei­ne Schü­ler künf­tig „nicht je­den Tag zu Ret­tern wer­den“. Zi­vil­cou­ra­ge, sa­gen Ex­per­ten, ist im­mer dann von­nö­ten, wenn ein Mensch phy­sisch oder psy­chisch an­ge­grif­fen wird. Ve­ro­ni­ka Brand­stät­ter nennt sich Mo­ti­va­ti­ons­psy­cho­lo­gin und ar­bei­tet an der Uni­ver­si­tät Zü­rich. Am Te­le­fon zählt sie ty­pi­sche All­tags­si­tua­tio­nen auf, wo Mut ge­fragt ist: Mob­bing im Bü­ro oder in der Schu­le, frem­den­feind­li­che Stamm­tisch­pa­ro­len, häus­li­che Ge­walt, Pö­be­lei­en, kör­per­li­che An­grif­fe in der Öf­fent­lich­keit. „Zi­vil­cou­ra­ge führt da­zu, dass die Wür­de der Per­son ge­wahrt wird“, sagt sie. Wenn das in der Pra­xis im­mer so ein­fach wä­re …

Zi­vil­cou­ra­ge, dies lässt sich aus ih­ren Er­klä­run­gen fol­gern, teilt die Men­schen in Hin­se­her, Weg­se­her und die­je­ni­gen, die hel­fen wol­len, aber nicht kön­nen. Ist ja auch kein Wun­der. Zi­vil­cou­ra­ge sei nie ri­si­ko­frei, sagt Brand­stät­ter. Genau des­halb fürch­ten sich vie­le da­vor, in heik­len Si­tua­tio­nen ein­zu­grei­fen. Cou­ra­giert zu han­deln, glaubt sie, ist ei­ne Fra­ge der Per­sön­lich­keit. Ei­ne ge­wis­se Stress­re­sis­tenz so­wie Uner­schro­cken­heit sei nö­tig, um in sol­chen Ex­trem­fäl­len zu han­deln. Meist gin­gen da­mit auch an­de­re we­sent­li­che Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten ein­her: Ver­ant­wor­tung, Hilfs­be­reit­schaft, To­le­ranz, ein Han­deln zum Wohl der Ge­sell­schaft. Na­tür­lich sei Selbst­ver­trau­en wich­tig. Doch reicht das manch­mal nicht aus. Vie­le Men­schen füh­len sich in heik­len Si­tua­tio­nen wie ver­stei­nert, wenn sie hel­fen wol­len, aber nicht han­deln kön­nen. Wis­sen­schaft­lern zu­fol­ge liegt das oft dar­an, dass sie sel­ten mit dem Hel­fen kon­fron­tiert wer­den. In der Do­mi­nik-Brun­ner-Re­al­schu­le setzt man genau dort an.

Dort im hel­len Atri­um hän­gen brei­te Ban­ner, auf de­nen je­weils auf der lin­ken Sei­te ein Spruch ab­ge­druckt ist und rechts da­von ein Fo­to. „Wir schau­en hin und grei­fen ein“, heißt ei­ner die­ser Slo­gans. Rechts da­ne­ben si­gna­li­siert ei­ne dun­kel­haa­ri­ge Frau mit der fla­chen Hand nach vorn ge­rich­tet ein Stopp­zei­chen. Genau hier, soll das hei­ßen, be­ginnt Zi­vil­cou­ra­ge. Sie zeigt sich dann, wenn man zum Bei­spiel Par­tei für je­man­den er­greift, der schi­ka­niert wird, sagt Brand­stät­ter. „Es ist wich­tig, Stel­lung zu be­zie­hen und nicht zu schwei­gen. Denn Schwei­gen wird oft als Zu­stim­mung miss­in­ter­pre­tiert.“Klappt das Ein­grei­fen nicht, weil sich et­wa zwei Män­ner prü­geln, spre­chen Wis­sen­schaft­ler von der Ver­hal­tens­kluft. „Wir wol­len et­was, tun es aber nicht“, so Brand­stät­ter.

Es gibt noch ein wei­te­res Phä­no­men, wel­ches das Nicht­hel­fen be­grün­det: der „By­stan­der Ef­fect“, zu Deutsch Zu­schauer­ef­fekt. Die­ser be­sagt, dass Men­schen ein­grei­fen wür­den, soll­te je­mand in Ge­fahr sein. So­bald aber wei­te­re Men­schen an­we­send sind, schä­men sie sich. In ei­ner Si­tua­ti­on, in der Hil­fe ge­fragt ist, müs­sen sie zu­dem ab­wä­gen: Droht Ge­walt oder bin ich si­cher? Blo­cka­den las­sen sich Brand­stät­ter zu­fol­ge mit Ver­hal­tens-Trai­nings über­win­den. Doch in vie­len Fäl­len, sagt sie, liegt die Hel­fer-Men­ta­li­tät in der Er­zie­hung oder im Um­gang. Sie­he Do­mi­nik-Brun­ner-Schu­le. Dort ler­nen die Schü­ler das Hel­fen im All­tag und neh­men die­se Ein­stel­lung mit nach Hau­se.

Zi­vil­cou­ra­ge ist ein Dau­er­the­ma, in die­ser un­ru­hi­gen Zeit aber be­son­ders bri­sant. Im­mer mehr Men­schen füh­len sich un­si­cher. Das zeigt die stei­gen­de Nach­fra­ge nach Selbst­ver­tei­di­gungs­kur­sen. Oder: Im Dro­ge­rie­markt wird heu­te gleich ne­ben Son­nen­milch und Haar­sham­poo Pfef­fer­spray ver­kauft. Die Nach­fra­ge sei um das Zwölf­fa­che ge­stie­gen, sagt der Ge­schäfts­füh­rer ei­nes der größ­ten Pro­du­zen­ten des Reiz­stof­fes. Seit ei­nem Jahr, be­rich­tet Kai Pra­se von der Fir­ma Def­tec, lässt er deut­lich mehr Pfef­fer­spray pro­du­zie­ren. Seit Er­eig­nis­sen wie der Sil­ves­ter­nacht von Köln, den An­schlä­gen von Würz­burg und Ans­bach, dem Amok­lauf in Mün­chen. Pas­siert so et­was, steigt die Nach­fra­ge um­ge­hend: „Da kann man die Uhr da­nach stel­len. Am nächs­ten Wo­chen­tag geht es dann los.“

In der deut­schen Kri­mi­nal­sta­tis­tik für 2015 sind mehr als 181000 Ge­walt­de­lik­te do­ku­men­tiert, gut tau­send mehr als im Vor­jahr. Da­von sind über 127 000 Fäl­le ge­fähr­li­cher und schwe­rer Kör­per­ver­let­zung, fast 45 000 Men­schen wur­den Op­fer ei­nes Raubs. Wie vie­le Ta­ten hät­ten ver­hin­dert wer­den kön­nen, hät­ten mehr Men­schen hin­ge­schaut und ein­ge­grif­fen? Men­schen, die in der Schu­le in­ten­si­ver als bis­lang üb­lich Zi­vil­cou­ra­ge ge­lernt hät­ten. Zu­ge­ge­ben ei­ne sehr spe­ku­la­ti­ve Fra­ge.

Da­mals nach der Ha­ken­kreu­zGe­schich­te nutzt Mat­thi­as Wab­ner die Schul­ver­samm­lung für ei­ne Ab­stim­mung: Soll sich die Do­mi­ni­kBrun­ner-Re­al­schu­le für die Aus­zeich­nung „Schu­le mit Cou­ra­ge – Schu­le oh­ne Ras­sis­mus“be­wer­ben? Schü­ler und Leh­rer ap­plau­die­ren stür­misch. Die Ant­wort ist klar. We­nig spä­ter er­hal­ten sie die Zu­sa­ge. Mehr als 2000 Schu­len in Deutsch­land tra­gen schon die­sen Ti­tel. Zi­vil­cou­ra­ge in der Schu­le ist al­ler­dings nicht ge­nug. Psy­cho­lo­gin Brand­stät­ter fin­det, dass vor al­lem öf­fent­li­che Kam­pa­gnen wie „Mut tut gut“oder „Ge­sicht zei­gen“hel­fen, das The­ma Zi­vil­cou­ra­ge in der Ge­sell­schaft tie­fer zu ver­an­kern.

Es wä­re na­iv zu glau­ben, dass da­mit al­le Pro­ble­me be­sei­tigt sind. Ei­ne Prü­ge­lei un­ter Bu­ben, zan­ken­de Mä­dels und auch Mob­bing wird es an Schu­len wei­ter­hin ge­ben. Das ist in der von Mat­thi­as Wab­ner nicht an­ders. „Kon­flik­te und wo­mög­lich auch Aus­gren­zung sind Teil des Er­wach­sen­wer­dens und Rea­li­tät“, sagt Wab­ner ganz of­fen. Al­ler­dings ver­langt er von sei­nen Schü­lern, dass sie ein­schrei­ten, wenn es zu grö­ße­ren Kon­flik­ten kommt. Dem Schul­lei­ter ist wich­tig, dass sie ein Bauch­ge­fühl für un­ge­rech­te und pre­kä­re Si­tua­tio­nen be­kom­men. Au­ßer­dem sol­len sie wis­sen, dass Hil­fe ho­len nicht be­deu­tet zu pet­zen.

Jetzt in den ers­ten Ta­gen des Schul­jah­res neh­men die Fünft­kläss­ler an ei­nem Selbst­ver­tei­di­gungs­kurs teil. Sie sol­len vor al­lem ler­nen, Nein zu sa­gen. Wer in schwie­ri­gen Si­tua­tio­nen auf­recht ste­hen kön­ne, der ma­che sich auch für an­de­re stark, glaubt der Schul­lei­ter.

Ei­ne Sicht­wei­se, die Pe­ter Voit teilt. Der Ju­gend­trai­ner im Baye­ri­schen Ka­rate­bund und Lei­ter der Ka­ra­te­ab­tei­lung des Po­li­zei­sport­ver­eins Augs­burg hat in den Som­mer­fe­ri­en Kin­dern bei­ge­bracht, sich selbst zu ver­tei­di­gen und in heik­len Mo­men­ten rich­tig zu re­agie­ren. Wenn bei­spiels­wei­se zwei frem­de Hän­de am ei­ge­nen Hals ei­nen Wür­ge­griff ver­su­chen, so wie ge­ra­de beim klei­nen To­bi­as. Al­les zu Übungs­zwe­cken na­tür­lich. Vor ihm steht der gro­ße, kräf­ti­ge Trai­ner in der Hal­le, die nach PVC-Bo­den riecht. Der Jun­ge reißt sei­nen lin­ken Arm nach oben und dreht sich mit dem gan­zen Kör­per mit ei­nem Ruck nach rechts. Die Hän­de lö­sen sich von To­bi­as’ Keh­le. Gut ge­macht. Der Bub läuft grin­send da­von.

Auch hier muss man die Kir­che im Dorf las­sen. Die Kin­der wer­den sen­si­bi­li­siert, das schon. Aber Rou­ti­ne in Selbst­ver­tei­di­gung wer­den sie so schnell nicht er­lan­gen. Um auf An­grif­fe re­agie­ren zu kön­nen, sind Voit zu­fol­ge meh­re­re Jah­re Trai­ning nö­tig. Er sieht den Kurs vor al­lem als Mög­lich­keit, den Kin­dern zu zei­gen, wie wich­tig das Hil­fe­ho­len und das Ge­spräch mit Er­wach­se­nen ist, soll­te ih­nen et­was zu­sto­ßen. Voit sagt: „Selbst­ver­tei­di­gung ist das letz­te Mit­tel, um mich aus schlim­men Si­tua­tio­nen zu be­frei­en. Bes­ser, ich kom­me da erst gar nicht rein.“

An der Do­mi­nik-Brun­ner-Re­al­schu­le ist das Ha­ken­kreuz üb­ri­gens gleich am nächs­ten Tag ver­schwun­den. Der Haus­meis­ter hat es ent­fernt. Das The­ma Frem­den­feind­lich­keit war da­mit aber nicht er­le­digt. Al­le Leh­rer und Schü­ler des Schul­zen­trums ha­ben ge­mein­sam ge­gen Rechts de­mons­triert. Auch ei­ne Form von Zi­vil­cou­ra­ge.

Schwei­gen wird oft als Zu­stim­mung ge­deu­tet Da­mit sind noch lan­ge nicht al­le Pro­ble­me be­sei­tigt

Fo­tos: Chris­toph Sche­den­s­ack, Baye­ri­sches In­nen­mi­nis­te­ri­um

Die­se vier Män­ner ha­ben vor dem Jah­res­wech­sel ei­nen geis­tig ver­wirr­ten Amok­läu­fer in ei­nem Ein­kaufs­zen­trum in Kemp­ten ge­stoppt, der zu­vor sei­nen Mit­be­woh­ner mit ei­nem Beil ge­tö­tet und da­nach ei­nen Stu­den­ten mit ei­nem Mes­ser an­ge­grif­fen hat­te. Von links nach rechts: Ha­rald Heu­buch, 57; Paul Hör­mann, 64; Wil­helm Schö­ler, 58, und Her­mann Kon­rad, 52. Sie wur­den jetzt in Mün­chen da­für aus­ge­zeich­net. Ein wei­te­rer Hel­fer ist zur Ehrung nicht er­schie­nen.

Ewald Ma­thi­as, 41, aus Un­ter­max­feld im Kreis Neu­burg-Schro­ben­hau­sen stell­te in Strau­bing ei­nen ra­bia­ten Schuh­dieb.

Mat­thi­as Kas­ten­hu­ber, 27, aus In­gol­stadt gab den ent­schei­den­den Hin­weis da­für, dass ein Se­ri­en-Ein­bre­cher ge­fasst wur­de.

Rai­ner Mar­tin, 55, aus Neu­burg an der Do­nau ret­te­te ei­nen Mann, der von ei­nem Brü­der­paar mit Schlä­gen trak­tiert wur­de.

Tho­mas Roh­rer, 44, aus Al­tus­ried im Ober­all­gäu hat 2014 in Augs­burg ei­nen Hand­ta­schen­räu­ber ge­stellt.

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