Wie sich die Deut­schen ih­re Schu­le wün­schen

In­ter­view Sechs Jah­re ge­mein­sa­mes Ler­nen, ein­heit­li­che Tests und fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung für so­zi­al Schwa­che. Ludger Wöß­mann woll­te wis­sen, was die Bun­des­bür­ger in Sa­chen Bil­dung än­dern wür­den

Mittelschwaebische Nachrichten - - Politik -

Für 80 Pro­zent der Deut­schen ist die Bil­dungs­po­li­tik wich­tig oder sehr wich­tig bei ih­rer Wah­l­ent­schei­dung. Herr Wöß­mann, ha­ben Sie mit die­sem Re­sul­tat ge­rech­net? Ludger Wöß­mann: Das Er­geb­nis über­rascht mich nicht. Ich glau­be, dass das The­ma ge­ra­de bei Land­tags­wah­len ent­schei­dend sein kann. Schließ­lich ist Bil­dung das ho­heit­li­che The­ma der Län­der. Bei der Bun­des­tags­wahl könn­te es des­halb an­ders aus­se­hen.

Chan­cen­gleich­heit und die Durch­läs­sig­keit des Bil­dungs­sys­tems sind seit Jahr­zehn­ten The­ma. Ih­re Stu­die zeigt aber, dass die ab­so­lu­te Mehr­heit der Leu­te mit be­ruf­li­chen Ab­schlüs­sen sich die­se auch für ih­re Kin­der wünscht. Drei Vier­tel der Aka­de­mi­ker hin­ge­gen möch­ten, dass auch der Nach­wuchs Aka­de­mi­ker wird. War­um? Wöß­mann: Das hat si­cher mit Tra­di­tio­nen zu tun, aber mög­li­cher­wei­se auch da­mit, dass man ge­ra­de in nied­ri­gen Bil­dungs­schich­ten nicht so sehr an Al­ter­na­ti­ven denkt, die für die Kin­der spä­ter mehr Op­tio­nen er­öff­nen. Die­se In­for­ma­ti­ons­un­ter­schie­de tra­gen zu un­se­rem Er­geb­nis bei. Durch In­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen könn­te man hier mehr Bil­dungs­ge­rech­tig­keit schaf­fen. Sie ha­ben zum ers­ten Mal ge­zielt auch Leh­rer ge­fragt, ob und in­wie­fern sich am Schul­sys­tem et­was än­dern soll­te. Wie re­form­wil­lig sind die deut­schen Päd­ago­gen? Wöß­mann: In Be­rei­chen, die die Leh­rer selbst be­tref­fen, se­hen wir kei­ne gro­ße Re­form­be­reit­schaft. Sie leh­nen zum Bei­spiel mehr­heit­lich ein Ganz­tags­schul­sys­tem und die In­klu­si­on von Kin­dern mit Lern­schwä­che in Re­gel­schu­len ab. Aber es gibt auch Be­rei­che, in de­nen wir ei­ne recht ho­he Re­form­be­reit­schaft fest­stel­len.

Wel­che sind das? Wöß­mann: Das gilt zum Bei­spiel bei der Fra­ge nach Ver­gleichs­tests für

Auf­trag­ge­ber Das Münch­ner IfoIn­sti­tut ist ein eu­ro­pa­wei­ter For­schungs­ver­bund für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Seit drei Jah­ren er­scheint des­sen Bil­dungs­ba­ro­me­ter.

Da­ten­er­he­bung Von En­de April bis An­fang Ju­ni be­frag­ten So­zi­al­for­scher re­prä­sen­ta­tiv 4015 Deut­sche zu ih­rer Mei­nung zur Bil­dungs­po­li­tik. (AZ) Schü­ler in Deutsch­land. Zwei Drit­tel der Leh­rer wün­schen sich, dass na­tio­na­le Bil­dungs­stan­dards so über­prüft wer­den. In der Ge­samt­be­völ­ke­rung sind es so­gar 83 Pro­zent. Über 60 Pro­zent der Lehr­kräf­te – und noch mehr der Ge­samt­be­völ­ke­rung – be­für­wor­ten, dass die Auf­tei­lung auf die ver­schie­de­nen Schul­for­men erst nach der 6. und nicht nach der 4. Klas­se von­stat­ten­ge­hen soll.

Mehr als zwei Drit­tel der Deut­schen ge­ben dem Schul­sys­tem die No­te drei oder schlech­ter. In­ter­es­sant ist, dass so­wohl Bür­ger als auch Leh­rer die Schu­len bei ih­nen vor Ort deut­lich bes­ser be­wer­ten. Wöß­mann: Man kann an­neh­men, dass hier ge­wis­se Un­ter­schie­de in der Wahr­neh­mung be­ste­hen zwi­schen dem, was tat­säch­lich vor Ort ist, und dem, was wo­an­ders ge­schieht. Die Ge­samt­be­völ­ke­rung und noch mehr die Leh­rer den­ken: „Ins­ge­samt ha­ben wir im Bil­dungs­sys­tem Pro­ble­me, aber bei uns ist ei­gent­lich al­les ei­ni­ger­ma­ßen in Ord­nung.“Das ist na­tür­lich ge­fähr­lich, wenn wir wol­len, dass es ins­ge­samt bes­ser wird.

Über ein­heit­li­che Prü­fun­gen in ganz Deutsch­land wird seit Jahr­zehn­ten dis­ku­tiert. Ver­kennt die Po­li­tik hier, wie ein­fach sie Punk­te ma­chen könn­te? Wöß­mann: Das wird vor al­lem durch die fö­de­ra­le Struk­tur un­se­res Bil­dungs­sys­tems blo­ckiert. Die Län­der wol­len kei­ne Kom­pe­ten­zen ab­ge­ben. Ich glau­be in der Tat, dass da­durch sehr viel Un­mut bei den Men­schen ent­steht. Aber die Po­li­tik be­müht sich ja, auch ein paar Schrit­te vor­an­zu­kom­men. Das geht zwar nur sehr lang­sam, aber im Ide­al­fall führt es doch da­zu, dass wir in nicht all­zu fer­ner Zu­kunft ver­gleich­ba­re Prü­fun­gen be­kom­men.

Kön­nen Sie ein Bei­spiel nen­nen? Wöß­mann: Für das nächste Jahr – das ist noch re­la­tiv we­nig be­kannt – ha­ben sich 14 der 16 Bun­des­län­der dar­auf ge­ei­nigt, dass die Ma­the­ma­tik-Abitur­prü­fun­gen am glei­chen Tag und mit Auf­ga­ben aus dem­sel­ben Pool ge­stellt wer­den.

Ei­ne gro­ße Mehr­heit der Deut­schen spricht sich da­für aus, dass die Aus­ga­ben für Bil­dung stei­gen sol­len. Sie sind für ei­ne Kin­der­gar­ten­pflicht, bei der der Staat die Ge­büh­ren für ein­kom­mens­schwa­che und Flücht­lings­fa­mi­li­en über­nimmt. Selbst wenn die Steu­ern er­höht wer­den müss­ten? Wöß­mann: Zu­min­dest bei der Ki­nal­le der­gar­ten­pflicht für Flücht­lings­kin­der ha­ben wir ex­pli­zit dar­auf hin­ge­wie­sen, dass dies durch Steu­er­gel­der fi­nan­ziert wer­den müss­te. Trotz­dem ha­ben wir ei­ne deut­li­che Zu­stim­mung von ei­ner ab­so­lu­ten Mehr­heit der Be­völ­ke­rung.

Ein­heit­li­che Tests, Kin­der­gar­ten­pflicht: Seh­nen sich die Deut­schen in Sa­chen Bil­dung nach Struk­tur? Wöß­mann: Ja, es gibt Hin­wei­se dar­auf. Beim letz­ten Ifo-Bil­dungs­ba­ro­me­ter ha­ben ge­ra­de die El­tern ge­sagt, dass nach der Grund­schu­le die No­ten über den Schul­weg ent­schei­den soll­ten – und nicht der El­tern­wil­le. Dies deu­tet dar­auf hin, dass sich die Men­schen kla­re Re­geln und ei­ne kla­re Leis­tungs­ori­en­tie­rung wün­schen. In­ter­view: Sarah Rit­schel

Ifo-Bil­dungs­ba­ro­me­ter

Zur Per­son Ludger Wöß­mann ist Pro­fes­sor für Volks­wirt­schafts­leh­re an der Lud­wig-Ma­xi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen und lei­tet das Zen­trum für Bil­dungs­öko­no­mik am Ifo-In­sti­tut. Er er­forscht, wel­che Fak­to­ren schu­li­sche Leis­tun­gen be­ein­flus­sen.

Fo­to: Co­lou­res-pic, Fo­to­lia

Wel­che Art zu ler­nen ist für Kin­der die rich­ti­ge? Bei die­ser Fra­ge ge­hen die Meinungen dras­tisch aus­ein­an­der. Doch in ei­ni­gen Din­gen sind sich die Deut­schen über­ra­schend ei­nig.

Ludger Wöß­mann

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