Jagd­sze­nen in Baut­zen

Rechts­ra­di­ka­le und Flücht­lin­ge ge­hen auf­ein­an­der los. Dann flie­gen St­ei­ne ge­gen Po­li­zis­ten. Der Kon­flikt hat ei­ne Vor­ge­schich­te

Mittelschwaebische Nachrichten - - Politik -

Baut­zen Es flie­gen St­ei­ne und Fla­schen, die Stim­mung ist auf­ge­heizt: Auf dem Korn­markt in Baut­zen gibt es am Mitt­woch­abend hef­ti­ge Kra­wal­le zwi­schen Rechts­ex­tre­men und Asyl­be­wer­bern. Ju­gend­li­che Flücht­lin­ge ge­hen mit Holz­lat­ten auf die Po­li­zei los. Rechts­ex­tre­me ja­gen Flücht­lin­ge durch die Stadt, Pa­ro­len wie „Wir sind das Volk“sind zu hö­ren. Spä­ter wird ein Kran­ken­wa­gen mit St­ei­nen be­wor­fen. Die Po­li­zei wehrt sich mit Pfef­fer­spray und Schlag­stö­cken.

Als „be­droh­lich und an­ge­spannt“be­schreibt ein Be­ob­ach­ter die Stim­mung auf dem zen­tra­len Platz, der hier nur „die Plat­te“ge­nannt wird. Au­gen­zeu­gen ver­glei­chen die Si­tua­ti­on mit der in Hei­denau, wo sich Neo­na­zis im Som­mer 2015 vor ei­ner Asyl­un­ter­kunft Stra­ßen­schlach­ten mit der Po­li­zei lie­fer­ten.

Am Tag da­nach folgt die Ur­sa­chen­for­schung – und der Blick auf das Ge­sche­hen fällt dif­fe­ren­zier­ter aus. Der Baut­zener Po­li­zei­chef Uwe Kilz be­rich­tet, dass die Ge­walt von jun­gen Flücht­lin­gen aus­ge­gan­gen sei, von so­ge­nann­ten un­be­glei­te­ten, min­der­jäh­ri­gen Asyl­be­wer­bern – in Sach­sen wer­den sie kurz „Uma“ge­nannt. Kilz macht aber auch deut­lich, dass sich die Rech­ten zu­vor im Netz ver­ab­re­det hät­ten, um dann Flücht­lin­ge an­zu­grei­fen.

In Baut­zen sind die „Umas“seit län­ge­rem ein Streit­the­ma. Der Korn­markt, auf dem laut Kilz „Le­ben pul­siert und der Punk ab­geht“, zieht ge­ra­de bei schö­nem Wet­ter auch Flücht­lin­ge an. Vie­len Ein­hei­mi­schen sind sie ein Dorn im Au­ge. Tat­säch­lich gab es im­mer wie­der Pö­be­lei­en und Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Seit April wur­de die Po­li­zei zu mehr als 70 Ein­sät­zen ge­ru­fen.

Der Platz hat sich zu ei­nem „Pul­ver­fass“ent­wi­ckelt. Die Stim­mung ist ag­gres­siv – auf bei­den Sei­ten. Die Po­li­zei spricht von wech­sel­sei­ti­gen Pro­vo­ka­tio­nen. „Al­ko­hol spielt da ei­ne gro­ße Rol­le“, sagt Po­li­zei­spre­cher Tho­mas Knaup. Ju­gend­li­che aus Baut­zen, die ört­li­che „Trin­ker­sze­ne“und Asyl­be­wer­ber wür­den ei­ne bri­san­te Mi­schung er­ge­ben.

Ober­bür­ger­meis­ter Alex­an­der Ah­rens sieht in dem Ge­walt­aus­bruch ei­ne neue Qua­li­tät. Um die Si­tua­ti­on in den Griff zu be­kom­men, sol­len sich Street­wor­ker um die Flücht­lin­ge küm­mern, Ord­nungs­amt und Po­li­zei ver­stärkt auf Strei­fe ge­hen. Ah­rens will of­fen­siv mit dem The­ma um­ge­hen. Wie zu Be­ginn des Jah­res, als die 40000-Ein­woh­ner-Stadt nach ei­nem Brand­an­schlag auf ei­ne noch un­be­wohn­te Asyl­un­ter­kunft in die Schlag­zei­len ge­riet. Schau­lus­ti­ge be­klatsch­ten die Flam­men und be­hin­der­ten die Feu­er­wehr beim Lö­schen.

Die auf­ge­heiz­te Stim­mung Baut­zener Bür­ger ist auch Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck schon ent­ge­gen­ge­schla­gen: Als er knapp drei Wo­chen nach dem Brand­an­schlag auf den „Husa­ren­hof“die Stadt im März be­sucht, wird er von Schau­lus­ti­gen mit „Gauck soll raus“, „Gauck ver­schwin­de“und Volks­ver­rä­terRu­fen emp­fan­gen. Bei der Land­tags­wahl 2014 ging in der Stadt je­de vier­te Stim­me an die NPD (10,8 Pro­zent) oder AfD (14,3 Pro­zent).

Im Kreis Baut­zen liegt Hoy­ers­wer­da, das vor fast genau 25 Jah­ren nach Aus­schrei­tun­gen ge­gen Asyl­be­wer­ber und über­wie­gend afri­ka­ni­sche Ver­trags­ar­bei­ter zum Syn­onym für Aus­län­der­feind­lich­keit wur­de. We­gen der rech­ten Sze­ne steht es bis heu­te im be­son­de­ren Blick der Ver­fas­sungs­schüt­zer. Jörg Schu­rig und Chris­tia­ne Raatz, dpa

Die Ge­walt ging von den jun­gen Asyl­be­wer­bern aus

Fo­to: dpa

Po­li­zei­be­am­te neh­men ei­nen der jun­gen Flücht­lin­ge fest.

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