Wes­halb es so schwer ist, Ver­mö­gen auf­zu­bau­en

„Wohl­stand für al­le“, die­ses Ver­spre­chen der So­zia­len Markt­wirt­schaft gilt nicht mehr, sagt der Öko­nom Mar­cel Fratz­scher. Denn trotz gu­ter Löh­ne neh­me die Un­gleich­heit zu. Er er­klärt da­mit ei­nen Teil der Wut im Land

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wirtschaft -

Herr Fratz­scher, es gibt Fa­mi­li­en, die meh­re­re Mil­li­ar­den Eu­ro be­sit­zen, dar­un­ter die Fa­mi­lie Rei­mann, die mit Rei­ni­gungs­mit­teln und Ja­cobs Kaf­fee reich ge­wor­den ist. Ist es dies, was Sie kri­ti­sie­ren, wenn Sie sa­gen, in Deutsch­land steigt die Un­gleich­heit? Mar­cel Fratz­scher: Per­sön­lich bin ich hier schmerz­frei. Für mich ist egal, ob je­mand 30 Mil­lio­nen Eu­ro, 300 Mil­lio­nen oder 30 Mil­li­ar­den hat. Wir füh­ren zu häu­fig ei­ne Neid­de­bat­te. Re­le­vant ist, was die Fa­mi­li­en mit die­sem Ver­mö­gen ma­chen. Im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich ist das obers­te Pro­zent der Be­völ­ke­rung in Deutsch­land un­ge­wöhn­lich reich. Wenn aber Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men da­mit si­che­re Jobs mit gu­ten Löh­nen schaf­fen, ist es für mich kein Pro­blem. Die Pro­ble­me lie­gen an an­de­rer Stel­le.

Was ist Ih­rer Mei­nung nach faul im Staa­te Deutsch­land? Fratz­scher: Das Dra­ma ist nicht, dass das obers­te Pro­zent viel hat, son­dern dass die un­te­ren 40 Pro­zent der Be­völ­ke­rung nichts ha­ben. Die­ser An­teil der deut­schen Haus­hal­te ver­fügt über prak­tisch kein Net­to­ver­mö­gen.

Aber er­lebt Deutsch­land nicht ge­ra­de ein Be­schäf­ti­gungs­wun­der und gilt als wohl­ha­ben­des Land? Fratz­scher: Es gibt ei­nen Wi­der­spruch. In­ter­na­tio­nal ge­se­hen sind die Ar­beits­ein­kom­men in Deutsch­land mit am höchs­ten. Was die un­te­ren 60 Pro­zent der Be­völ­ke­rung dar­aus aber an Ver­mö­gen auf­bau­en konn­ten, ge­hört mit zum nied­rigs­ten in Eu­ro­pa. Dies hat un­ter an­de­rem his­to­ri­sche Grün­de: Vie­le Men­schen in Ost­deutsch­land muss­ten 1990 neu be­gin­nen. Da­zu kommt aber das gro­ße Pro­blem, dass vie­le Deut­sche schlecht spa­ren. Nur we­ni­ge ha­ben Wohn­ei­gen­tum, Deutsch­land hat kei­ne Ak­ti­en­kul­tur. We­ni­ger als je­der zehn­te Deut­sche hält Ak­ti­en. Wenn ich aber bei dem der­zei­ti­gen Null­zins mein Geld auf ein Spar­kon­to le­ge, ver­lie­re ich Geld. Die In­fla­ti­on ist ein­fach hö­her. Da­mit kann ich kei­ne Vor­sor­ge be­trei­ben. Wir müs­sen klü­ger spa­ren.

Sie schrei­ben in Ih­rem neu­en Buch, die Ver­tei­lung sei un­glei­cher als in den USA. Er­staun­lich. Wie er­klärt sich das? Fratz­scher: Die Un­gleich­heit bei den Ver­mö­gen ist in Deutsch­land ex­trem hoch, bei den Ein­kom­men sieht es nur ein biss­chen bes­ser aus. Ent­schei­dend aber ist, dass wir in Deutsch­land in man­chen Aspek­ten so­gar ei­ne ge­rin­ge­re Chan­cen­gleich­heit ha­ben als in den USA. In Deutsch­land ist es un­ge­wöhn­lich schwie­rig für ein Kind aus so­zi­al schwa­cher Fa­mi­lie, ei­ne gu­te Bil­dung, ei­ne gu­te Aus­bil­dung und da­mit ei­nen gu­ten Job zu be­kom­men. In wel­che Fa­mi­lie man hin­ein ge­bo- ren wird, be­stimmt in Deutsch­land zum Teil stär­ker als in den USA die Le­bens­chan­cen. Es ist aber schäd­lich für ei­ne Volks­wirt­schaft, wenn Men­schen nicht wirk­lich die Mög­lich­keit ha­ben, ih­re Fä­hig­keit und Ta­len­te zu ent­wi­ckeln. Wir ver­lie­ren da­mit wirt­schaft­li­ches Po­ten­zi­al.

Ist die­se Un­gleich­heit ei­ne Ur­sa­che für die Un­zu­frie­den­heit im Land? In Meck­len­burg-Vor­pom­mern ist die AfD kürz­lich zweit­stärks­te Kraft ge­wor­den. Fratz­scher: Die Un­gleich­heit führt zu ei­nem Ver­tei­lungs­kampf und Kon­flik­ten in der Ge­sell­schaft. Zwar gibt es ei­nen Re­kord bei der Be­schäf­ti­gung, trotz­dem sind vie­le Men­schen un­zu­frie­den. Dies liegt dar­an, dass sich die Bür­ger gro­ße Sor­gen über die Zu­kunft ma­chen. Wer­de ich auch dann ei­nen Job ha­ben? Wird er gut be­zahlt sein? Was ist mit mei­ner Al­ters­vor­sor­ge und Ren­te? Wer kein Er­spar­tes hat, macht sich erst recht Sor­gen. Denn in Deutsch­land hän­gen im­mer mehr Men­schen von staat­li­chen Leis­tun­gen ab. In Ost­deutsch­land be­zie­hen 40 Pro­zent der Haus­hal­te die Hälf­te ih­res Ein­kom­mens oder mehr vom Staat. Die So­zia­le Markt­wirt­schaft, auf die wir zu Recht stolz sind in Deutsch­land, exis­tiert für mich nicht mehr. Sie baut näm­lich auf Ei­gen­ver­ant­wor­tung. Dar­auf, dass Men­schen mit ih­rer ei­ge­nen Hän­de Ar­beit für ihr Aus­kom­men sor­gen Dass dies heu­te schwie­ri­ger ist, trägt zur Po­la­ri­sie­rung bei.

Wie be­wer­ten Sie die Agen­da2010-Re­for­men der Re­gie­rung un­ter Ger­hard Schrö­der? Wa­ren sie der Weg zum Auf­schwung oder der An­fang von mehr Un­gleich­heit? Fratz­scher: Die Re­for­men hal­te ich im Gro­ßen und Gan­zen für rich­tig. Es ist ge­lun­gen, die Zahl der Ar­beits­lo­sen von über fünf Mil­lio­nen im Jahr 2005 zu hal­bie­ren. Das ist aber nur ein Schritt, hier darf die Po­li­tik nicht auf­hö­ren.

Was ist dann zu tun? Fratz­scher: Das Wich­tigs­te sind Bil­dung und Qua­li­fi­zie­rung, um Chan­cen­gleich­heit zu schaf­fen. Der Staat muss so vie­len Men­schen wie mög­lich ei­ne or­dent­li­che Bil­dung er­mög­li­chen, so­dass sie spä­ter gu­te Chan­cen auf dem Ar­beits­markt ha­ben. Hier sind mehr In­ves­ti­tio­nen not­wen­dig. Dies be­ginnt bei der früh­kind­li­chen Bil­dung. Zu vie­le Kin­der aus so­zi­al schwa­chen Fa­mi­li­en fal­len hier der­zeit hin­un­ter. Wir brau­chen ei­ne bes­se­re Qua­li­tät der Ki­tas und mehr Durch­läs­sig­keit im Schul­sys­tem. Es geht auch um Fa­mi­li­en­po­li­tik, dar­um, Frau­en ei­nen bes­se­ren Zu­gang zum Ar­beits­markt zu er­mög­li­chen. Auch am Steu­er­sys­tem sind Kor­rek­tu­ren mög­lich.

Wel­che Än­de­run­gen im Steu­er­sys­tem stel­len Sie sich vor? Fratz­scher: Un­ser Steu­er­sys­tem be­las­tet Ein­kom­men auf Ar­beit un­ge­wöhn­lich stark, Ein­kom­men auf Ka­pi­tal da­ge­gen re­la­tiv we­nig. Die Steu­er­po­li­tik ist ein Vor­teil für Ver­mö­gen­de. Da­zu kommt, dass die Erb­schaft­steu­er ex­trem un­ge­recht ist. Je­mand, der 100000 Eu­ro von der Tan­te erbt, muss zum Bei­spiel mehr zah­len als je­mand, der 100 Mil­lio­nen in Form von Be­triebs­ver­mö­gen erbt.

Gleich­zei­tig sind es aber auch die Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men, die in Deutsch­land Jobs schaf­fen. Fratz­scher: Ja, sie dür­fen des­halb nicht so be­steu­ert wer­den, dass sie an Sub­stanz ver­lie­ren. Aber es geht auch um Steu­er­ge­rech­tig­keit. Man kann nicht den so­ge­nann­ten „klei­nen Mann“be­las­ten und die, die viel mehr er­ben, da­von­kom­men las­sen. Die Ent­las­tung von Ar­beit­neh­mern ist zu sehr ver­nach­läs­sigt wor­den.

Vie­le ha­ben be­reits den Ein­druck, dass in Deutsch­land Ab­ga­ben und Steu­ern be­reits sehr hoch sind. War­um wirkt die­se Um­ver­tei­lung nicht so, wie man es er­war­tet? Fratz­scher: Der deut­sche Staat ver­teilt in der Tat viel Geld um. Das Pro­blem ist, dass die Um­ver­tei­lung nicht ziel­ge­nau ist. Es pro­fi­tie­ren nicht die, de­nen man hel­fen will. Den­ken Sie an die Ren­te mit 63. Zu­erst wür­de man sa­gen, dass es fair ist, wenn je­mand, der lan­ge ge­ar­bei­kön­nen. tet hat, frü­her in Ren­te ge­hen darf. Es pro­fi­tie­ren am En­de aber eher die Men­schen in der Mit­tel­schicht. Wer da­ge­gen am un­te­ren En­de ist, hat­te sel­ten die Mög­lich­keit, 45 Jah­re lang zu ar­bei­ten – weil er krank war, be­rufs­un­fä­hig oder ar­beits­los wur­de.

Hat der Min­dest­lohn in Deutsch­land das Pro­blem der Un­gleich­heit ent­schär­fen kön­nen? Fratz­scher: Ich hal­te den Min­dest­lohn für gut und für ver­tret­bar. Er hat knapp vier Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land ein bes­se­res Ein­kom­men ge­bracht. Si­cher, er hat auch Jobs ge­kos­tet. In Tei­len Ost­deutsch­lands ist ein St­un­den­lohn von 8,50 Eu­ro ei­ne Men­ge. Trotz­dem hat die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit pro­fi­tiert. Aber an der gro­ßen Un­gleich­heit wird er nichts än­dern.

„Die Ent­las­tung von Ar­beit­neh­mern ist zu sehr ver­nach­läs­sigt wor­den.“Pro­fes­sor Mar­cel Fratz­scher

Statt die Un­ter­neh­men zu zwin­gen, ei­nen be­stimm­ten Lohn zu zah­len, wä­re es bes­ser, bei der Qua­li­fi­zie­rung an­zu­set­zen. Denn die Leu­te, die 8,50 Eu­ro pro St­un­de ver­die­nen, sind häu­fig Men­schen, die kei­nen Schul­ab­schluss oder kei­nen Be­rufs­ab­schluss ha­ben.

Trägt nicht auch die der­zei­ti­ge Zu­wan­de­rung zu dem von Ih­nen kri­ti­sier­ten Ver­tei­lungs­kampf bei? Fratz­scher: Der Ver­tei­lungs­kampf nimmt durch die Zu­wan­de­rung zu, er müss­te aber nicht zu­neh­men. Dies ist der bil­li­ge Po­pu­lis­mus, den vie­le Tei­le der Po­li­tik ver­brei­ten, nach dem Mot­to „da kom­men jetzt Zu­wan­de­rer, die neh­men euch die Jobs und die staat­li­che Leis­tun­gen weg“. Das ist Quatsch. Deutsch­land stand in den ver­gan­ge­nen 70 Jah­ren nie bes­ser da, um die Her­aus­for­de­rung an­zu­ge­hen. Es gibt rund ei­ne Mil­li­on of­fe­ne Stel­len, die Un­ter­neh­men su­chen hän­de­rin­gend Be­schäf­tig­te. Es gibt ge­nug Ar­beit. Die Zu­wan­de­rung ist kul­tu­rell und or­ga­ni­sa­to­risch ei­ne Her­aus­for­de­rung, wirt­schaft­lich aber wird das Land lang­fris­tig pro­fi­tie­ren.

In­ter­view: Micha­el Ker­ler

Zur Per­son Mar­cel Fratz­scher, 45, ist Prä­si­dent des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung in Ber­lin. Kürz­lich er­schien sein Buch „Ver­tei­lungs­kampf. War­um Deutsch­land im­mer un­glei­cher wird“im Han­serVer­lag. Wir tra­fen ihn auf der Jah­res­ta­gung des Ver­eins für So­ci­al­po­li­tik an der Uni­ver­si­tät Augs­burg.

Fo­to: mi­cha­el­jay­ber­lin, Fo­to­lia

40 Pro­zent der Be­völ­ke­rung kön­nen prak­tisch nichts spa­ren, kri­ti­siert der Wirt­schafts­for­scher Mar­cel Fratz­scher. „Die Un­gleich­heit bei den Ver­mö­gen ist in Deutsch­land ex­trem hoch“, sagt er.

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