Sie wol­len ih­re Schu­le ret­ten

In ei­ner Pri­vat­schu­le am Am­mer­see ent­schei­den Kin­der selbst, was sie ler­nen wol­len und was nicht. Jetzt gibt es da­für kei­ne Ge­neh­mi­gung mehr. Aber wo­hin mit den Schü­lern?

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wirtschaft - VON REGINA MIL­LER UND SARAH RIT­SCHEL

Lu­den­hau­sen „Vor­sicht Schul­kin­der“steht auf ei­nem Ban­ner an der Haupt­stra­ße von Lu­den­hau­sen (Kreis Lands­berg am Lech). Und: „Schul­an­fän­ger – Ver­kehrs­an­fän­ger“. Nur: In der Schu­le von Lu­den­hau­sen lernt ge­ra­de nie­mand. Die al­ter­na­ti­ve Sud­bu­ry-Schu­le dort hat kei­ne Ge­neh­mi­gung mehr.

Das wol­len Kin­der, El­tern und Mit­ar­bei­ter nicht hin­neh­men. Sie tref­fen sich täg­lich im Schul­gar­ten, um sich ge­gen die Ar­gu­men­te der Be­hör­den zu wapp­nen. Auch an die­sem Abend dis­ku­tie­ren sie wie­der am La­ger­feu­er. Mit­ar­bei­te­rin Mo­ni­ka Wernz ist ei­ne der emo­tio­nals­ten. Sie ges­ti­ku­liert mit den Hän­den, ih­re Wan­gen sind im Licht des Feu­ers ge­rö­tet. „Un­se­re Ge­mein­schaft wird zu­sam­men­blei­ben, ganz klar.“Auf­ge­ben, das kommt hier für kei­nen in­fra­ge. Schließ­lich hät­ten sie neun Jah­re lang um die Ge­neh­mi­gung ih­rer Schu­le ge­kämpft.

Vor zwei Jah­ren dann hat­te die Re­gie­rung von Ober­bay­ern als Schul­auf­sichts­be­hör­de die Sud­bu­ryEin­rich­tung als „pri­va­te Er­satz­schu­le“(Grund- und Mit­tel­schu­le) zu­ge­las­sen – al­ler­dings nur be­fris­tet zwei Jah­re. In die­ser Pi­lot­pha­se soll­te die Schu­le nach­wei­sen, dass sie die Lehr­zie­le und Lern­in­hal­te ei­ner öf­fent­li­chen Grund- und Mit­tel­schu­le ein­hält. Die­ses Ziel, so die Re­gie­rung von Ober­bay­ern, sei aber nicht er­reicht wor­den. Die staat­li­che Schul­auf­sicht ha­be kei­ne oder nur un­ge­nü­gen­de Er­kennt­nis­se zum Aus­bil­dungs­stand der Sud­bu­rySchü­ler er­hal­ten. Zu­dem ha­be sich die Schul­ver­samm­lung ge­wei­gert, an ei­ner schrift­li­chen Leis­tungs­prü­fung teil­zu­neh­men. Es folg­ten Be­su­che vor Ort und vie­le Kri­sen­ge­sprä­che. Nach und nach wur­de der Ton schär­fer, was bei­de Sei­ten be­stä­ti­gen.

Und so lief die Be­triebs­ge­neh­mi­gung für die Sud­bu­ry-Schu­le in Lu­den­hau­sen am 31. Ju­li 2016 aus. Ver­län­gert wird nicht. Doch die Ver­tre­ter der Schu­le ge­ben sich nicht ge­schla­gen: Ge­gen den Be­scheid der Re­gie­rung von Ober­bay­ern hat der Schul­trä­ger Kla­ge beim Ver­wal­tungs­ge­richt Mün­chen ein­ge­reicht, das Ver­fah­ren läuft. Vor dem Kul­tus­mi­nis­te­ri­um de­mons­trier­te die Schul­ge­mein­schaft für den Er­halt ih­rer Ein­rich­tung.

Mo­ni­ka Wernz wür­de man in ei­ner Re­gel­schu­le wohl ein­fach als Leh­re­rin be­zeich­nen. Sie selbst nennt sich „Mit­ar­bei­te­rin“, man­che Sud­bu­ry-Schü­ler sa­gen „Lern­be­glei­te­rin“. Die ehe­ma­li­ge Kin­der­gar­ten-Er­zie­he­rin kommt wie so vie­le an­de­re je­den Abend ans La­ger­feu­er. Dies­mal klinkt sie sich kurz aus der Dis­kus­si­on aus, zeigt das Schul­haus. Im Kunst­raum lie­gen noch die Far­ben, mit de­nen die Schü­ler Pla­ka­te für die De­mons­tra­ti­on vor ein paar Ta­gen ge­malt ha­ben. Wernz ist über­zeugt: Lässt man die Schü­ler spre­chen, ver­steht man am bes­ten, war­um es die Su­dauf

Die ers­te Sud­bu­ry-Schu­le wur­de 1968 im US-Bun­des­staat Mas­sa­chu­setts er­rich­tet. Welt­weit gibt es rund 35 die­ser Schu­len.

Das Ler­nen soll selbst­be­stimmt oh­ne Angst und Druck er­fol­gen. Je­des Kind ent­schei­det selbst, wo­mit es sei­ne Zeit ver­bringt.

Schü­ler und Mit­ar­bei­ter bil­den ei­ne de­mo­kra­ti­sche Ge­mein­schaft, al­le ha­ben glei­che Rech­te und Pflich­ten.

Staat­lich an­er­kann­te Ab­schlüs­se müs­sen die Schü­ler den­noch an der Re­gel­schu­le ab­le­gen. (AZ) bu­ry-Schu­le wei­ter ge­ben muss. Chi­a­ra et­wa war bis vor zwei Jah­ren auf ei­ner Re­gel­schu­le. „Dort war ich im­mer schüch­tern“, sagt die Zwölf­jäh­ri­ge. „Ich ha­be den Druck ge­spürt und konn­te nicht mehr rich­tig rech­nen und le­sen.“Ei­nen Tag vor Schul­be­ginn hat Chi­a­ra er­fah­ren, dass sie jetzt wie­der an ei­ne Re­gel­schu­le soll. „Das ist das Här­tes­te, was ich mir vor­stel­len kann.“

Doch die rund 45 Kin­der und Ju­gend­li­chen zwi­schen sechs und 18 Jah­ren, die bis­lang die Sud­bu­rySchu­le be­such­ten, müs­sen sich auf die Um­stel­lung ge­fasst ma­chen. Wie die Re­gie­rung von Ober­bay­ern mit­teilt, müs­sen die Er­zie­hungs­be­rech­tig­ten ih­re Kin­der in den je­wei­li­gen Schul­spren­geln oder an Pri­vat­schu­len an­mel­den. Die be­tref­fen­den Schu­len sei­en in­for­miert. Die Schü­ler ver­tei­len sich auf ver­schie­de­ne Schul­ar­ten und die Jahr­gangs­stu­fen eins bis neun. Ih­re Ver­tei­lung sei da­her kein Pro­blem, so die Auf­sichts­be­hör­de.

Chi­a­ra ver­steht die Auf­re­gung um Leis­tungs­nach­wei­se nicht: „Lau­fen und Spre­chen ha­ben wir ja auch ein­fach so ge­lernt, war­um soll­te es mit Ma­the an­ders sein? In der Re­gel­schu­le wird al­les so kom­pli­ziert ge­macht.“

Das Sud­bu­ry-Kon­zept

Fo­to: Ju­li­an Lei­ten­stor­fer

Je­den Abend tref­fen sich die 45 Schü­ler, ih­re El­tern und die Mit­ar­bei­ter im Gar­ten der Sud­bu­ry-Schu­le. „Am La­ger­feu­er soll un­se­re Ge­mein­schaft zu­sam­men­kom­men. Die Kin­der kön­nen ih­re Freun­de tref­fen. Das stärkt uns“, sagt Mo­ni­ka Wernz, die die Schü­ler beim Ler­nen be­glei­tet.

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