Ro­bert Mu­sil – Die Ver­wir­run­gen des Zög­lings Tör­leß (41)

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wetter | Roman -

,,WD­rei In­ter­nats­schü­ler er­wi­schen ei­nen jün­ge­ren Ka­me­ra­den beim Dieb­stahl, zei­gen dies aber nicht an, son­dern nut­zen ih­re Zeu­gen­schaft, um den jün­ge­ren Ka­me­ra­den auf un­ter­schied­li­che Wei­se zu quä­len. Je­der der drei trak­tiert ihn auf sei­ne Wei­se – auch der jun­ge Tör­leß aus gu­tem Haus . . . © Gu­ten­berg

ie ge­sagt, ich möch­te mir das für spä­ter auf­spa­ren, vor­der­hand wür­de es mir ge­nü­gen, ihn so­weit zu brin­gen – durch Dro­hun­gen oder Prü­gel – daß er wie­der zu al­lem ja sagt.“

„Wo­zu?“ent­fuhr es Tör­leß. Sie sa­hen sich fest in die Au­gen.

„Ach ver­stell dich nicht; ich weiß sehr wohl, daß du da­von un­ter­rich­tet bist.“Tör­leß schwieg. Hat­te Reit­ing et­was er­fah­ren? Klopf­te er nur auf den Strauch?

„Doch noch von da­mals her; Bein­eberg hat dir doch ge­sagt, wo­zu sich Ba­si­ni her­gibt.“Tör­leß at­me­te er­leich­tert auf. „Na, mach nur nicht so er­staun­te Au­gen. Da­mals hast du sie auch so auf­ge­ris­sen, und es han­delt sich doch um nichts gar so Ar­ges. Üb­ri­gens hat mir Bein­eberg ge­stan­den, daß er das­sel­be mit Ba­si­ni tut.“Da­bei blick­te Reit­ing mit ei­ner iro­ni­schen Gri­mas­se zu Bein­eberg hin­über. Das war so sei­ne Art, ei­nem an­de­ren ganz öf­fent­lich und un­ge­niert ein Bein zu stel­len.

Aber Bein­eberg er­wi­der­te nichts; er blieb in sei­ner nach­denk­li­chen Stel­lung sit­zen und schlug kaum die Au­gen auf.

„Na, möch­test du nicht mit dei­ner Sa­che her­aus­rü­cken?! Er hat näm­lich ei­ne ver­rück­te Idee mit Ba­si­ni vor und will sie durch­aus aus­füh­ren, ehe wir an­de­res un­ter­neh­men. Aber sie ist ganz amü­sant.“

Bein­eberg blieb ernst; er sah Tör­leß mit ei­nem nach­drück­li­chen Bli­cke an und sag­te: „Er­in­nerst du dich, was wir da­mals hin­ter den Män­teln spra­chen?“„Ja.“„Ich bin nie­mals mehr dar­auf zu spre­chen ge­kom­men, denn das blo­ße Re­den hat ja doch kei­nen Zweck. Aber ich ha­be dar­über nach­ge­dacht – du kannst mir glau­ben – oft. Auch das, was Reit­ing dir eben ge­sagt hat, ist wahr. Ich ha­be das­sel­be mit Ba­si­ni ge­tan wie er. Vi­el­leicht noch ei­ni­ges mehr. Des­we­gen, weil ich, wie ich schon da­mals sag­te, des Glau­bens war, daß die Sinn­lich­keit vi­el­leicht das rich­ti­ge Tor sein könn­te. Das war so ein Ver­such. Ich wuß­te kei­nen an­de­ren Weg zu dem, was ich such­te. Aber die­ses Pl­an­lo­se hat kei­nen Sinn. Dar­über ha­be ich nach­ge­dacht – näch­te­lang nach­ge­dacht – wie man et­was Sys­te­ma­ti­sches an sei­ne Stel­le set­zen könn­te.

Jetzt glau­be ich es ge­fun­den zu ha­ben und wir wer­den den Ver­such ma­chen. Jetzt wirst du auch se­hen, wie sehr du da­mals im Un­recht warst. Al­les ist un­si­cher, was von der Welt be­haup­tet wird, al­les geht an­ders zu. Das lern­ten wir da­mals ge­wis­ser­ma­ßen nur von der Kehr­sei­te ken­nen, in­dem wir Punk­te aus­such­ten, bei de­nen die­se gan­ze na­tür­li­che Er­klä­rung über die ei­ge­nen Fü­ße stol­pert, jetzt hof­fe ich aber das Po­si­ti­ve zei­gen zu kön­nen – das an­de­re!“

Reit­ing ver­teil­te die Tee­scha­len; da­bei stieß er ver­gnügt Tör­leß an. „Gib gut acht. Das ist sehr fesch, was er sich aus­getif­telt hat.“

Bein­eberg aber dreh­te mit ei­ner ra­schen Be­we­gung die Lam­pe aus. In dem Dun­kel warf nur die Spi­ri­tus­flam­me des Ko­chers un­ru­hi­ge, bläu­li­che Lich­ter auf die drei Köp­fe.

„Ich lösch­te die Lam­pe aus, Tör­leß, weil es sich so von sol­chen Din­gen bes­ser spricht. Und du, Reit­ing, kannst mei­net­hal­ben schla­fen, wenn du zu dumm bist, um Tie­fe­res zu be­grei­fen.“

Reit­ing lach­te be­lus­tigt.

„Du er­in­nerst dich al­so noch an un­ser Ge­spräch. Du selbst hat­test da­mals je­ne klei­ne Son­der­bar­keit in der Ma­the­ma­tik her­aus ge­fun­den. Die­ses Bei­spiel, daß un­ser Den­ken kei­nen gleich­mä­ßig fes­ten, si­che­ren Bo­den hat, son­dern über Lö­cher hin­weg­geht.

Es schließt die Au­gen, es hört für ei­nen Mo­ment auf zu sein und wird doch si­cher auf die an­de­re Sei­te hin­über­ge­tra­gen. Wir müß­ten ei­gent­lich längst ver­zwei­felt sein, denn un­ser Wis­sen ist auf al­len Ge­bie­ten von sol­chen Ab­grün­den durch­zo­gen, nichts wie Bruch­stü­cke, die in ei­nem un­er­gründ­li­chen Oze­an trei­ben.

Wir ver­zwei­feln aber nicht, wir füh­len uns den­noch so si­cher wie auf fes­tem Bo­den. Wenn wir die­ses si­che­re, ge­wis­se Ge­fühl nicht hät­ten, wür­den wir uns aus Ver­zweif­lung über un­se­ren ar­men Ver­stand tö­ten. Die­ses Ge­fühl be­glei­tet uns be­stän­dig, es hält uns zu­sam­men, es nimmt un­se­ren Ver­stand in je­dem zwei­ten Au­gen­blick schüt­zend in den Arm wie ein klei­nes Kind. So wie wir uns des­sen ein­mal be­wußt ge­wor­den sind, kön­nen wir das Da­sein ei­ner See­le nicht mehr leug­nen. So wie wir un­ser geis­ti­ges Le­ben zer­glie­dern und das Un­zu­rei­chen­de des Ver­stan­des er­ken­nen, füh­len wir es förm­lich.

Füh­len es – ver­stehst du – denn wenn die­ses Ge­fühl nicht wä­re, wür­den wir zu­sam­men­klap­pen wie lee­re Sä­cke. Wir ha­ben nur ver­lernt, auf die­ses Ge­fühl zu ach­ten, aber es ist ei­nes der äl­tes­ten. Vor Tau­sen­den von Jah­ren ha­ben schon Völ­ker, die tau­sen­de Mei­len von­ein­an­der wohn­ten, dar­um ge­wußt. Wie man sich ein­mal da­mit be­faßt, kann man die­se Din­ge gar nicht leug­nen. Doch ich will dich nicht mit Wor­ten über­re­den; ich wer­de dir nur das nö­tigs­te sa­gen, da­mit du nicht ganz un­vor­be­rei­tet bist. Den Be­weis wer­den die Tat­sa­chen er­brin­gen.

Nimm al­so an, die See­le exis­tie­re, dann ist es doch ganz selbst­ver­ständ­lich, daß wir kein hei­ße­res Be­stre­ben ha­ben kön­nen, als den ver­lo­ren ge­gan­ge­nen Kon­takt mit ihr wie­der her­zu­stel­len, mit ihr wie­der ver­traut zu wer­den, ih­re Kräf­te wie­der bes­ser aus­nüt­zen zu ler­nen, Tei­le der über­sinn­li­chen Kräf­te, die in ih­rer Tie­fe schlum­mern, für uns zu ge­win­nen.

Denn das al­les ist mög­lich, es ist schon mehr als ein­mal ge­lun­gen, die Wun­der, die Hei­li­gen, die in­di­schen Got­tes­schau­er sind lau­ter Be­glau­bi­gun­gen für sol­che Ge­scheh­nis­se.“

„Hör ein­mal,“warf Tör­leß ein, „du re­dest dich jetzt ein we­nig in die­sen Glau­ben hin­ein. Du hast da­zu ei­gens die Lam­pe aus­lö­schen müs­sen. Wür­dest du aber auch so spre­chen, wenn wir jetzt un­ten zwi­schen den an­dern sä­ßen, die Geo­gra­phie, Ge­schich­te ler­nen, Brie­fe nach Hau­se schrei­ben, wo die Lam­pen hell bren­nen und vi­el­leicht der Prä­fekt um die Bän­ke geht? Kä­men dir da nicht doch dei­ne Wor­te et­was aben­teu­er­lich vor, et­was an­ma­ßend, als ob wir gar nicht zu de­nen ge­hör­ten, in ei­ner an­de­ren Welt leb­ten, acht­hun­dert Jah­re vor­her?“

„Nein, mein lie­ber Tör­leß, ich wür­de das­sel­be be­haup­ten. Üb­ri­gens ist es ein Feh­ler von dir, daß du im­mer nach den an­dern schielst; du bist zu we­nig selb­stän­dig. Brie­fe nach Hau­se schrei­ben! Bei sol­chen Sa­chen denkst du an dei­ne El­tern! Wer sagt dir, daß sie uns hier über­haupt nur zu fol­gen ver­mö­gen? Wir sind jung, ei­ne Ge­ne­ra­ti­on spä­ter, vi­el­leicht sind uns Din­ge vor­be­hal­ten, die sie nie in ih­rem Le­ben ge­ahnt ha­ben. Ich we­nigs­tens füh­le es in mir.

Doch wo­zu lan­ge re­den; ich wer­de es euch ja be­wei­sen.“

Nach­dem sie ei­ni­ge Zeit ge­schwie­gen hat­ten, sag­te Tör­leß: „Wie willst du es denn ei­gent­lich an­pa­cken, dei­ner See­le hab­haft zu wer­den?“

„Das will ich dir jetzt nicht aus­ein­an­der­set­zen, da ich es oh­ne­dies vor Ba­si­ni wer­de tun müs­sen.“

„Aber bei­läu­fig kannst du es we­nigs­tens sa­gen.“

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