Der Bay­ern-Ita­lie­ner

Gio­van­ni Tra­pat­to­ni hat nicht nur als Trai­ner in Mün­chen Spu­ren hin­ter­las­sen, er hat auch das deut­sche Sprach­gut er­wei­tert. Nun ist er mit sei­ner Bio­gra­fie zu­rück­ge­kehrt

Mittelschwaebische Nachrichten - - Panorama - VON AN­TON SCHWANKHART

Mün­chen Was macht der Fuß­ball­trai­ner, der im Herbst sei­nes Le­bens zu­rück­schaut und da­für reich­lich Zeit hat, weil er nicht Golf spielt, in kei­ner TV-Ex­per­ten­run­de sitzt und auch kei­nen Klub mehr trai­niert: Er schreibt ein Buch. Bes­ser noch: Er lässt es schrei­ben. Am bes­ten von ei­nem Jour­na­lis­ten­freund, der ein we­nig an­schiebt, wenn die Lust auf das Zu­rück­bli­cken nach­lässt.

Ein Ge­dan­ke, dem auch Gio­van­ni Tra­pat­to­ni nicht ent­kom­men ist. Al­so kehrt der 77-Jäh­ri­ge ges­tern nach Mün­chen zu­rück, um im Baye­ri­schen Hof sein Werk vor­zu­stel­len. Tra­pat­to­ni ist der fei­ne Si­gno­re ge­blie­ben, der als Trai­ner des FC Bay­ern den hell­brau­nen Le­der­schuh zum dun­kel­blau­en An­zug am Spiel­feld­rand ein­ge­führt hat, als Ot­to Reh­ha­gel noch Bal­lon­sei­de trug. Ges­tern knüpf­te er mit ei­nem rot­weiß ge­streif­ten Hemd, das un­ter dem blau­en Sak­ko über den schlan­ken Ho­sen­bund hing, an die läs­si­ge­le­gan­ten Auf­trit­te an.

Mag auch er in al­lem äl­ter ge­wor­den sein, so ist das doch auf je­ne äs­the­ti­sche Wei­se ge­sche­hen, in der die Si­gno­ri auf ita­lie­ni­schen Park­bän­ken da­hin­wel­ken. Von der deut­schen Spra­che, mit der er in sei­nen drei Münch­ner Jah­ren schwer ge­run­gen hat, ist noch ei­ni­ges ge­blie­ben. Trotz­dem über­setzt ei­ne Dol­met­sche­rin. Die Jour­na­lis­ten, die Tra­pat­to­nis Pres­se­kon­fe­ren­zen in den 90er Jah­ren er­lebt ha­ben, sind froh. War­um sein Buch ins Deut­sche über­set­zen las­sen und war­um es in Mün­chen vor­stel­len? War­um nicht in der ent­spre­chen­den Spra­che in Mai­land, Tu­rin, Cagli­a­ri, Flo­renz, Lis­s­a­bon, Salz­burg, wo Tra­pat­to­ni eben­falls Trai­ner war. Auch Stutt­gart hät­te sich an­ge­bo­ten, ob­wohl der VfB rück­bli­ckend ein bei­der­sei­ti­ges Miss­ver­ständ­nis war. Er hät­te auch ei­ne Stadt in Ir­land wäh­len kön­nen, schließ­lich war er dort fünf Jah­re Na­tio­nal­trai­ner. Und wahr­schein­lich hät­te ihn auch Papst Fran­zis­kus für den Vor­mit­tag be­her­bergt, schließ­lich hat Tra­pat­to­ni ei­ni­ge Zeit die Fuß­ball-Aus­wahl der Va­ti­k­an­stadt be­treut.

War­um al­so deutsch und war­um Mün­chen? Tra­pat­to­ni er­zählt die Ge­schich­te von Ru­di, ei­nem deut­schen Sol­da­ten, der das Deutsch­land-Bild des klei­nen Gianni mit ei­ner Ta­fel Scho­ko­la­de für des­sen gan­zes Le­ben ge­prägt hat. So sehr, dass der in jun­gen Jah­ren blon­de Tra­pat­to­ni für die Ita­lie­ner „Il te­des­co“, der Deut­sche, war.

In Ita­li­en ist sei­ne Bio­gra­fie be­reits er­schie­nen und mit dem re­nom­mier­ten Li­te­ra­tur­preis „Pre­mio Ban­ca­rel­la Sport 2016“aus­ge­zeich­net wor­den. In Mün­chen hat Tra­pat­to­ni ei­ne zwei­te Hei­mat ge­fun­den. Dar­über hin­aus hat er dem Land ein Er­be hin­ter­las­sen. Ein fuß­bal­le­ri­sches, mehr noch aber ein sprach­li­ches. So heißt der Un­ter­ti­tel sei­ner Bio­gra­fie sin­ni­ger­wei­se „Ich ha­be noch nicht fer­tig“. Das freut je­den Tra­pat­to­ni-Freund, wenn­gleich er dem Werk ei­ne geist­rei­che­re Zei­le ge­wünscht hät­te. Das Ori­gi­nal­zi­tat, auf das die Men­schen heu­te noch ger­ne zu­rück­grei­fen, hieß be­kannt­lich „ich ha­be fer­tig“. Auch „schwach wie Fla­sche leer“hat sich ge­hal­ten, eben­so wie in Fuß­bal­ler­krei­sen „was er­lau­be Struunz“oder „ein Trai­ner se­hen, was pas­sie­ren in Platz“.

Was an die­sem 10. März 1998 wie ein un­ge­plan­ter Vul­kan­aus­bruch im zu die­ser Zeit noch ver­gleichs­wei­se en­gen Pres­se­ka­buff des FC Bay­ern wirk­te, war in Wahr­heit kühl kal­ku­liert. Tra­pat­to­ni, der 1998, nach ei­nem ver­korks­ten ers­ten An­lauf – „ich ver­ließ Mün­chen, oh­ne et­was ge­won­nen zu ha­ben, es war das ers­te Mal, dass mir das pas­sier­te“– in der Sai­son 1994/95, zum zwei­ten Mal beim Re­kord­meis­ter auf der Trai­ner­bank saß, hat­te die­sen Auf­tritt ge­plant. Er war in der Sai­son zu­vor mit dem FC Bay­ern Meis­ter ge­wor­den und da­mit end­gül­tig an­ge­kom­men. Ein Sym­pa­thie­trä­ger und ei­ner der er­folg­reichs­ten Klub­trai­ner der Welt, der sich in fort­ge­schrit­te­nem Al­ter noch mit dem deut­schen Ge­ni­tiv ab­müh­te. Der sich wa­cker ge­gen die Spra­che ge­schla­gen hat und sie mit je­der sei­ner Nie­der­la­gen be­rei­chert hat.

Die Münch­ner, die ihm sport­li­chen Miss­er­folg nie per­sön­lich ver­übel­ten, ver­ehr­ten ihn nach der ge­won­ne­nen Meis­ter­schaft re­gel­recht. „Ich wur­de von je­dem er­kannt, von den Bay­ern-Fans, von ita­lie­ni­schen Tou­ris­ten, die ste­hen blie­ben, um ein paar Wor­te zu wech­seln, von vie­len ita­lie­ni­schen Bar­män­nern, die mir ei­nen Kaf­fee aus­ga­ben: Ich war um­ge­ben von viel Zu­nei­gung, die mir die Men­schen ent­ge­gen­brach­ten, noch mehr als in mei­ner Hei­mat. Die Her­zens­wär­me der Leu­te half mir“, schreibt er.

Nur mit den Spie­lern war es im zwei­ten Jahr schwie­ri­ger ge­wor­den. Mit Tho­mas Strunz, der spie­len woll­te, ob­wohl er nicht fit war, mit Meh­met Scholl, „ein fan­tas­ti­scher, gol­de­ner Jun­ge, der sich lei­der oft nicht vom Ball tren­nen woll­te“, wie er ges­tern sag­te und oft „faul, lust­los und schlapp“da­her­kam, wie es im Buch steht. So ließ sich die Meis­ter­schaft nicht ver­tei­di­gen. Es muss­te et­was pas­sie­ren, das al­le wach­rüt­tel­te. Tra­pat­to­ni no­tier­te sich sei­ne Ge­dan­ken auf ei­nen Zet­tel und fass­te al­les in ein deutsch-ita­lie­ni­sches For­tis­si­mo, das sich am Abend via Ta­ges­schau in die deut­schen Wohn­zim­mer er­goss. Al­le wa­ren nun wach. Tra­pat­to­ni aber, von der Wucht sei­ner Wut­re­de er­schro­cken, ver­kün­de­te den Bay­ern-Bos­sen, dass sie nächste Sai­son oh­ne ihn pla­nen müss­ten. Er hat­te in Mün­chen nun selbst fer­tig, oh­ne frei­lich im Streit zu ge­hen.

In ei­ner Bran­che, in der Ar­beits­ver­hält­nis­se sel­ten ver­trags­ge­mäß en­den, ist das viel. Wer Grün­de da­für sucht, war­um den 77-Jäh­ri­gen auf sei­ner Wan­der­schaft durch die Fuß­ball-Welt so viel Sym­pa­thie be­glei­tet hat, fin­det Hin­wei­se dar­auf in sei­nem Buch. Es ist die nicht zum ers­ten Mal er­zähl­te Ge­schich­te ei­nes Jun­gen aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen, der es mit Ta­lent und Fleiß nach oben ge­schafft hat. „Be­te, Gianni, be­te“, sagt der früh ver­stor­be­ne Pa­pa, ein Fa­b­rik­ar­bei­ter aus dem dörf­li­chen Cu­s­a­no „be­te zu Gott, dass er dir hilft zu ler­nen, ei­nen Ab­schluss zu ma­chen und dass er dich von die­ser Fa­b­rik­höl­le be­freit.“Tra­pat­to­ni da­ge­gen be­te­te da­für, ent­we­der Fuß­ball-Cham­pi­on zu wer­den oder in der Dorf­ka­pel­le so gut Po­sau­ne spie­len zu ler­nen, dass er die gan­ze Welt be­rei­sen und die Mu­sik über­all hin­brin­gen konn­te. Das mit der Po­sau­ne hat nicht funk­tio­niert, das mit dem Fuß­ball um­so bes­ser.

Gio­van­ni Tra­pat­to­ni (mit Bru­no Longhi): Ich ha­be noch nicht fer­tig. De­li­us Kla­sing, 272 S., 24,90 Eu­ro

Fo­to: ima­go

Fesch: Gio­van­ni Tra­pat­to­ni wäh­rend sei­ner Zeit beim FC Bay­ern Mün­chen in den Neun­zi­ger­jah­ren.

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