Ein sat­tel­fes­ter Fah­rer

Pa­ralym­pics Wie der ge­bür­ti­ge All­gäu­er Hans-Pe­ter Durst trotz ei­nes gro­ßen Han­di­caps Gold im 15-Ki­lo­me­ter-Zeit­fah­ren hol­te. Schon vor den Spie­len 2012 war ihm ein schmerz­haf­tes Miss­ge­schick un­ter­lau­fen

Mittelschwaebische Nachrichten - - Sport - VON MAR­TI­NA FARMBAUER

Rio de Janei­ro „Das wer­de ich wahr­schein­lich die gan­ze Nacht spü­ren“, sagt Rad­sport­ler Hans-Pe­ter Durst und schmun­zelt. 14,5 von 15 Ki­lo­me­tern fuhr der ge­bür­ti­ge All­gäu­er, der jetzt in Dort­mund lebt, mit ei­nem ab­ge­bro­che­nen Sat­tel. Am En­de aber hat­te er Gold im Zeit­fah­ren bei den Pa­ralym­pi­schen Spie­len in Rio de Janei­ro ge­won­nen.

Kurz nach dem Start mach­te es Knack – die Be­fes­ti­gung des Sat­tels war ge­bro­chen. „Mir sind schon die Trä­nen run­ter­ge­lau­fen, weil ich dach­te: Das war’s“, er­zählt Durst hin­ter­her. „Das Ding war lo­se und hing zur Sei­te weg, ich muss­te es in den Hin­tern ein­klem­men.“So konn­te Durst den Sat­tel halb­wegs auf dem Rah­men­rohr fi­xie­ren. „ Für mich war aber klar: Das hal­te ich nie­mals 15 Ki­lo­me­ter durch.“Durst täusch­te sich. Er hielt durch – und am En­de war der 58-jäh­ri­ge Be­triebs­wirt mehr als ei­ne Mi­nu­te schnel­ler als sei­ne Kon­kur­renz.

Durch­hal­te­ver­mö­gen hat Durst in sei­nem Le­ben schon oft be­wie­sen. Der Sport war für ihn ein Mit­tel, um nach ei­nem schwe­ren Ver­kehrs­un­fall auf der Au­to­bahn bei Kas­sel wie­der ins Le­ben zu­rück­zu­fin­den. 1994 hat ihn „ein Last­wa­gen von der Fahr­bahn ge­schubst“, wie er la­pi­dar sagt.

Durst lag nach dem Un­fall sechs Wo­chen lang im Ko­ma. Sein Gleich­ge­wichts­sinn ist heu­te im­mer noch ge­stört, er muss beim Ge­hen ei­nen Stock be­nüt­zen. Weil er mit ei­nem ge­wöhn­li­chen Fahr­rad um­kip­pen wür­de, wur­de ei­nes mit drei Rä­dern zur Le­bens­hil­fe. Und aus der Le­bens­hil­fe wur­de Leis­tungs­sport. Drei­mal in Fol­ge war er zu­letzt Welt­meis­ter im Ein­zel­zeit­fah­ren, zwei­mal hin­ter­ein­an­der sieg­te er bei der WM im Stra­ßen­ren­nen.

Da­mit war er auch ei­ner der Fa­vo­ri­ten bei den Pa­ralym­pics. „Wenn man in ei­ner Dis­zi­plin Welt­meis­ter ist, dann ist na­tür­lich ei­ne Me­dail­le das Ziel“, sagt er selbst. Die­ses Ziel hat er ma­xi­mal er­reicht. Ein Ge­spräch mit Hans-Pe­ter Durst ist an­re­gend und in­spi­rie­rend. Es wird schnell klar, aus wel­chem Grund er sich „Sport­bot­schaf­ter“und „Mut­ma­cher“nennt, war­um er Vor­trä­ge und Re­fe­ra­te hält.

Mit sei­nem Heim­trai­ner Ro­bert Paw­low­sky und mit der Psy­cho­lo­gin Grit Mosch­ke, die am Olym­pia­stütz­punkt Rhein­land in Köln tä­tig sind, hat­te sich Durst akri­bisch auf das Ren­nen vor­be­rei­tet. Mit­hil­fe von Vi­de­os hat Durst die Stre­cke ana­ly­siert, hat beim Hö­hen­trai­ning in St. Mo­ritz ei­ni­ge Pas­sa­gen si­mu­liert, ist in Köln auch bei Ge­wit­ter­stim­mung Rad ge­fah­ren, um sich auf die Ver­hält­nis­se in Rio ein­zu­stim­men. Al­les lief glatt wäh­rend der Vor­be­rei­tung.

An­ders als vor den Pa­ralym­pics 2012 in Lon­don. Da­mals hat­te Durst sich im Trai­ning drei Wo­chen vor den Spie­len bei­de Ar­me ge­bro­chen. Da ging es dar­um, dass er über­haupt star­ten konn­te. Der an­ge­schla­ge­ne Durst ge­wann da­mals im Zeit­fah­ren Sil­ber.

Das Fah­ren oh­ne Sat­tel hat­te Hans-Pe­ter Durst vor Rio na­tür­lich nicht er­probt. Wie es ge­klappt hat? „Das Gera­de­aus­fah­ren kriegt man schon hin“, er­zählt Durst. „Aber Kur­ven­fah­ren ist ei­gent­lich das, was das Drei­rad­fah­ren aus­macht. In den Kur­ven müs­sen wir aus dem Sat­tel ge­hen und das Ge­wicht ver­la­gern.“Da er das nicht mehr konn­te, „ha­be ich dort je­des Mal viel Zeit ver­lo­ren – aber das of­fen­sicht­lich auf den Gera­den wie­der gut­ge­macht.“

Zwei Fra­gen blie­ben am En­de noch. Wie es ihm geht und was jetzt mit sei­nem Sat­tel pas­siert? „Wir wer­den uns ir­gend­was ein­fal­len las­sen“, sag­te er. Ei­ne Ver­stei­ge­rung für ei­nen gu­ten Zweck, ein Eh­ren­platz zu Hau­se – al­les ist vor­stell­bar.

Und wie er sich fühlt? „Ich ha­be schon zwei Kin­der. Ein neu­es wür­de die­se Si­tua­ti­on jetzt wohl nicht mehr her­ge­ben. Ich muss gleich mal zur Ärz­tin. Das brennt un­glaub­lich.“(mit dpa)

Fo­to: Jens Bütt­ner, dpa

Hans-Pe­ter Durst mit dem lo­sen Sat­tel, den er fast 15 Ki­lo­me­ter lang zwi­schen den Ober­schen­keln ein­ge­klemmt und da­mit auf dem Rah­men­rohr fi­xiert hat­te.

Fo­to: dpa

Hans-Pe­ter Durst wäh­rend des Ren­nens auf sei­nem Drei­rad.

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