Kir Roy­al, oder: als Mün­chen pri­ckel­te

Fern­se­hen Vor 30 Jah­ren star­te­te Hel­mut Dietls groß­ar­ti­ge Serie. War­um es so was nicht mehr gibt

Mittelschwaebische Nachrichten - - Medien - VON RUPERT HU­BER

Jun­ge Men­schen, die „ir­gend­was mit Me­di­en“ma­chen wol­len, wür­den ver­wirrt re­agie­ren, wenn ih­nen ei­ner die TV-Serie „Kir Roy­al“vor­spielt.

Erst ein­mal: Was ist „Kir Roy­al“? Nun, zu­nächst ein aus der Mo­de ge­kom­me­ner Drink aus Cham­pa­gner und Crè­me de Cas­sis, ei­nem Li­kör aus schwar­zen Jo­han­nis­bee­ren.

Zwei­tens wür­den sie sich wun­dern, dass in der Fern­seh­rei­he im Jahr 1986 der Ge­sell­schafts­re­por­ter ei­nes Bou­le­vard­blatts sei­ner Her­aus­ge­be­rin ei­ne Spe­sen­rech­nung von 7012 Mark und sechs Pfen­ni­gen of­fe­riert. Was auch heu­te noch nach der 1:1-Um­rech­nung der Gas­tro­no­mie 7012 Eu­ro und sechs Cent sind, den In­fla­ti­ons­aus­gleich mal aus­ge­spart.

Drit­tens, und vor al­lem: Sie ist et­was Be­son­de­res, die sechs­tei­li­ge Rei­he „Kir Roy­al – aus dem Le­ben ei­nes Ge­sell­schafts­re­por­ters“, ge­schrie­ben von Re­gis­seur Hel­mut Dietl und sei­nem Co-Au­tor Patrick Süs­kind.

Nost­al­gie. Ein Ge­sell­schafts­re­por­ter wie Ba­by Schim­mer­los – ei­ne mensch­li­che Spe­zi­es, die auf­grund der schnell­le­bi­gen di­gi­ta­len Ent­wick­lung nicht ein­mal mehr im ge­druck­ten Bou­le­vard­blatt Zu­kunft hat. So frech und cle­ver die Spe­zi­es auch ge­we­sen sein mag. Trotz­dem ist „Kir Roy­al“Se­ri­en­kult, so wie vie­les an­de­re, das den Men­schen im Herz um­geht.

Dass ein Par­ty­schnüff­ler die Sym­pa­thi­en des Pu­bli­kums ge­wann, lag nicht nur an den bril­lan­ten Tex­ten, son­dern auch an ei­nem fa­bel­haft ge­föhn­ten, at­trak­ti­ven, wenn auch klas­sisch münch­ne­risch gran­teln­den Ty­pen mit Ma­cho-Al­lü­ren. Wun­der­bar ge­spielt von dem Dra­ma­ti­ker Franz Xa­ver Kro­etz.

30 Jah­re wird es nun am 22. Sep­tem­ber her sein, dass „Kir Roy­al“ sei­ne Pre­mie­re fei­er­te. Aus­ge­rech­net der West­deut­sche Rund­funk woll­te Hel­mut Dietl für ei­ne Münch­ner Serie ha­ben. Dietl ging, wie der 2015 an ei­ner Krebs­er­kran­kung ver­stor­be­ne Schöp­fer ei­nes Münch­ner Welt­bilds ein­mal er­zähl­te, wäh­rend ei­nes Spa­zier­gangs am Lo­kal „Ex­tra­blatt“des Münch­ner Klatsch­kö­nigs Micha­el Grae­ter vor­bei. Ein Ge­spräch führ­te zum an­de­ren und die Sto­ry stand.

In ei­nem auf der DVD-Kol­lek­ti­on von „Kir Roy­al“ent­hal­te­nen In­ter­view geht das Sze­ne-Trüf­fel­schwein Dietl so­gar zu­rück zum le­gen­dä­ren Klatsch­kö­nig „Hun­ter“(Han­nes Ober­mai­er), der vor Grae­ter für die Abend­zei­tung ar­bei­te­te. Ober­mai­er, weiß Dietl, hat­te qua­si ein Ne­ben­bü­ro in der Bar des Baye­ri­schen Hofs, wo er auch Ar­ti­kel ab­setz­te. Ir­gend­was über Pro­mis, die da­mals noch Pro­mi­nen­te hie­ßen.

Dietl selbst hielt die ers­te und die letz­te „Kir Roy­al“-Fol­ge für die bes­ten. In der ers­ten, „Wer rein­kommt, ist drin“, hat Ma­rio Adorf sei­nen wohl stärks­ten TV-Auf­tritt in sei­ner lan­gen Schau­spie­ler­kar­rie­re. Na­tür­lich, es ist der er­folg­rei­che Kleb­stoff­fa­bri­kant Hein­rich Haf­fen­lo­her („Schim­mer­los, ich scheiß dich so was von zu mit mei­nem Geld“). Hät­ten die ös­ter­rei­chi­schen Be­hör­den für ih­re Um­schlä­ge zur Bun­des­prä­si­den­ten­wahl beim auf die Schi­cke­ria schar­fen Haf­fen­lo­her ein­ge­kauft, hät­te die Wahl be­stimmt nicht wie­der ver­scho­ben wer­den müs­sen. Und er wä­re wo­mög­lich zum Opern­ball ein­ge­la­den wor­den.

So be­gnügt er sich mit ei­nem Can­can in ei­nem schril­len Münch­ner Lo­kal. Am En­de herrscht in der Fol­ge „Kar­rie­re“be­ruf­li­che wie pri­va­te Tris­tesse. Job futsch, Le­bens­freun­din Mo­na (Sen­ta Ber­ger) geht ei­ge­ne We­ge.

Mit „Münch­ner Ge­schich­ten“, „Mo­na­co Fran­ze“und „Kir Roy­al“hat Dietl ei­nen un­ver­gess­li­chen Drei­klang ge­schaf­fen – mit groß­ar­ti­gen Cha­rak­te­ren. Dank „Kir Roy­al“wur­de auch die Se­kre­tä­rin auf­ge­wer­tet. So ge­se­hen war Bil­le Zöck­lers for­sche Ed­da ei­ne Art Vor­läu­fe­rin der Frau Stockl in „Ro­sen­heimCops“. In ei­ner un­ge­wohn­ten Rol­le be­ein­druck­te der gro­ße Ka­ba­ret­tist Die­ter Hil­de­brandt als Fo­to­graf Her­bie. Zu ei­ner Zeit, als Münch­ner Fo­to­gra­fen so da­her­ka­men wie die Roa­dies der Rock­mu­si­ker, die sie ab­lich­te­ten, sah der Hil­de­brandt aus wie aus der Re­gis­tra­tur­ab­tei­lung ge­fal­len.

Heu­te steu­ern die Pro­mis ih­ren Klatsch via Twit­ter und Face­book selbst. Für Klatsch­re­por­ter mit ei­nem we­nigs­tens ru­di­men­tä­ren jour­na­lis­ti­schen An­spruch scheint kein Platz zu sein. Man ist schim­mer­los, wie es wei­ter­ge­hen soll. Ei­nes bleibt: Hel­mut Dietl hat uns wun­der­vol­le Zi­ta­te ge­schenkt. Sie sind ver­ba­le Eck­pfei­ler im All­tag, wenn man mal ei­nen gu­ten Spruch braucht.

Fol­ge 6: Ba­bys Freun­din Mo­na (Sen­ta Ber­ger) träumt von ei­ner Kar­rie­re als Sän­ge­rin. Ihr Traum scheint end­lich wahr zu wer­den …

Ba­by Schim­mer­los (Franz Xa­ver Kro­etz, rechts) ist Ge­sell­schafts­re­por­ter bei der „Münch­ner All­ge­mei­nen“. Ge­mein­sam mit sei­nem Fo­to­gra­fen Her­bie (Die­ter Hil­de­brandt) schlägt er sich durchs Nacht­le­ben.

Fo­tos: WDR/Ba­lan­ce Film

Fol­ge 1: Ge­ne­ral­di­rek­tor Hein­rich Haf­fen­lo­her (Ma­rio Adorf, Mit­te) ist nichts zu teu­er, um in Ba­bys Ko­lum­ne ge­nannt zu wer­den. Ne­ben ihm, halb nackt und in ei­ner bi­zar­ren Rol­le: Ed­gar Sel­ge.

Fol­ge 2: Schau­spie­le­rin Fan­ny Kess­ler soll schwan­ger sein. Film­pro­du­zent Schor­schi Kan­ter (Han­no Pöschl, links) und sein Mann fürs Gro­be (Burk­hard Driest) wol­len ver­hin­dern, dass das pu­blik wird.

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