Nein bleibt Nein

Ge­setz­ge­bung Bun­des­rat stimmt Re­form des Se­xu­al­straf­rechts zu. Auch der Weg für mehr Tem­po 30 ist frei. Für Fens­ter in So­zi­al­räu­men und Klei­der­ab­la­gen für Ar­beit­neh­mer gibt es neue Re­geln

Mittelschwaebische Nachrichten - - Politik -

Ber­lin Es ist vor al­lem für Frau­en­recht­le­rin­nen ein gro­ßer Er­folg: Das am Frei­tag vom Bun­des­rat ge­bil­lig­te Se­xu­al­straf­recht schreibt das Prin­zip „Nein heißt Nein“fest. Bis­lang konn­ten vie­le Über­grif­fe, die als Ver­ge­wal­ti­gung gal­ten, nicht ge­ahn­det wer­den. Das neue Ge­setz kann nun bald in Kraft tre­ten.

Künf­tig kann ei­ne se­xu­el­le Hand­lung auch dann als Ver­ge­wal­ti­gung ge­wer­tet wer­den, wenn sich das Op­fer nicht ak­tiv wehrt. Wenn es durch Wor­te, Ges­ten oder et­wa Wei­nen zum Aus­druck ge­bracht hat, dass es mit den se­xu­el­len Hand­lun­gen nicht ein­ver­stan­den ist, sind die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne straf­ba­re Hand­lung er­füllt.

In dem neu­en Pa­ra­gra­fen 177 des Straf­ge­setz­buchs heißt es: „Wer ge­gen den er­kenn­ba­ren Wil­len ei­ner an­de­ren Per­son se­xu­el­le Hand­lun­gen an die­ser Per­son vor­nimmt oder von ihr vor­neh­men lässt oder die­se Per­son zur Vor­nah­me oder Dul­dung se­xu­el­ler Hand­lun­gen an oder von ei­nem Drit­ten be­stimmt, wird mit Frei­heits­stra­fe von sechs Mo­na­ten bis zu fünf Jah­ren be­straft.“

Im bis­he­ri­gen Ver­ge­wal­ti­gungs­pa­ra­gra­fen wur­de für ei­ne Straf­bar­keit vor­aus­ge­setzt, dass der Tä­ter das Op­fer et­wa mit Ge­walt, durch Dro­hung mit ge­gen­wär­ti­ger Gefahr für Leib oder Le­ben zum Sex nö­tigt – und sich das Op­fer ma­ni­fest da­ge­gen wehrt. In der Pra­xis hat sich die­se Vor­schrift als zu eng er­wie­sen.

Der neu ge­fass­te Pa­ra­graf 177 hat auch Fol­gen für Aus­wei­sungs­be­stim­mun­gen im Auf­ent­halts­ge­setz. Dem­nach soll ei­ne Ver­ur­tei­lung zu ei­ner Frei­heits- oder Ju­gend­stra­fe je nach Hö­he der Stra­fe da­zu füh­ren, dass das Aus­wei­sungs­in­ter­es­se „be­son­ders schwer“be­zie­hungs­wei­se „schwer“wiegt.

Als neu­er Straf­tat­be­stand wird die se­xu­el­le Be­läs­ti­gung im Pa­ra­gra­fen 184i des Straf­ge­setz­buchs ein­ge­führt. Es rich­tet sich ge­gen die so­ge­nann­ten Grap­scher. Laut Ge­set­zes­be­grün­dung han­delt dem­nach straf­bar, „wer ei­ne an­de­re Per­son in se­xu­ell be­stimm­ter Wei­se kör­per­lich be­rührt und da­durch be­läs­tigt“. Vor­ge­se­hen ist ei­ne Frei­heits­stra­fe von bis zu zwei Jah­ren oder ei­ne Geld­stra­fe. In schwe­ren Fäl­len, ins­be­son­de­re wenn die Tat ge­mein­schaft­lich be­gan­gen wird, ist ein Straf­rah­men von drei Mo­na­ten bis fünf Jah­ren Frei­heits­stra­fe vor­ge­se­hen. Da­mit sol­len Ta­ten ge­ahn­det wer­den, die aus ei­ner Grup­pe her­aus be­gan­gen wer­den. Da­bei geht es ins­be­son­de­re um das „An­tan­zen“, das oft zu Raub oder Dieb­stahl führt. Das Ge­setz sieht hier ei­ne Geld­stra­fe oder ei­ne Frei­heits­stra­fe von bis zu zwei Jah­ren vor.

Wei­te­re Be­schlüs­se des Bun­des­rats:

Tem­po 30 Vor Schu­len, Ki­tas und Se­nio­ren­hei­men soll künf­tig auch auf Durch­gangs­stra­ßen leich­ter Tem­po 30 vor­ge­schrie­ben wer­den kön­nen – wie jetzt schon auf Ne­ben­stra­ßen. Ei­ner ent­spre­chen­den Ver­ord­nung der Bun­des­re­gie­rung stimm­te der Bun­des­rat mit ei­ni­gen Än­de­run­gen zu. Bis­her muss bei Haupt­ach­sen zu­nächst auf­wen­dig nach­ge­wie­sen wer­den, dass es sich um ei­nen Un­fall­schwer­punkt han­delt. Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt (CSU) sag­te: „Ge­ra­de schwä­che­re Ver­kehrs­teil­neh­mer wie Äl­te­re und Kin­der brau­chen be­son­de­ren Schutz im Stra­ßen­ver­kehr.“Au­ßer­dem sol­len Rad­ler mit Elek­tro­rä­dern künf­tig auch Rad­we­ge nut­zen kön­nen – au­ßer­orts ge­ne­rell, in­ner­orts, wenn dies mit ei­nem neu­en Hin­weis­schild frei­ge­ge­ben wird. Die Re­ge­lung gilt aber nur für E-Rä­der, die ma­xi­mal 25 Ki­lo­me­ter pro St­un­de schnell sind.

Pfle­ge Die Pfle­ge­be­dürf­ti­gen und ih­re An­ge­hö­ri­gen sol­len künf­tig in­ten­si­ver be­ra­ten und bes­ser vor Pfle­ge­be­trug ge­schützt wer­den. Das sieht das drit­te Pfle­ge­stär­kungs­ge­setz vor, das in ers­ter Le­sung so­wohl im Bun­des­tag als auch im Bun­des­rat be­ra­ten wur­de. Wie die Par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kre­tä­rin im Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um, In­grid Fisch­bach (CDU), er­läu­ter­te, soll das Netz der Be­ra­tungs­stel­len aus­ge­baut wer­den. Kom­mu­nen sol­len da­zu für fünf Jah­re die Mög­lich­keit er­hal­ten, Pfle­ge­stütz­punk­te ein­zu­rich­ten. Al­ler­dings müss­ten sie sich „an­ge­mes­sen an den ent­ste­hen­den Kos­ten be­tei­li­gen“. In Mo­dell­vor­ha­ben soll dies er­probt wer­den. Die Pfle­ge­kas­sen wer­den ver­pflich­tet, Emp­feh­lun­gen der Aus­schüs­se vor Ort und auf Lan­des­ebe­ne zur bes­se­ren Ver­sor­gung auf­zu­grei­fen. Zu­dem soll ge­währ­leis­tet wer­den, dass fi­nan­zi­ell schlech­ter ge­stell­te Pfle­ge­be­dürf­ti­ge an­ge­mes­sen ver­sorgt wer­den. Um Abrech­nungs­be­trug in der Pfle­ge kon­se­quen­ter zu ver­hin­dern, er­hält die ge­setz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung ein sys­te­ma­ti­sches Prüf­recht. Da­mit re­agiert das Mi­nis­te­ri­um auf ei­nen Be­trugs­skan­dal um vor al­lem rus­sisch­stäm­mi­ge Pfle­ge­dienst­be­trei­ber.

Ar­beits­stät­ten Nach jah­re­lan­gem Rin­gen kom­men auf die Un­ter­neh­men neue Re­ge­lun­gen über die Aus­ge­stal­tung von Ar­beits­stät­ten zu. Der Bun­des­rat be­schloss ei­nen ent­spre­chen­den Ver­ord­nungs­ent­wurf. An­fang 2015 war ei­ne Vor­la­ge für ei­ne sol­che Ver­ord­nung nach Pro­tes­ten der Ar­beit­ge­ber ge­stoppt wor­den. Kon­kre­ti­siert wur­den nun un­ter an­de­rem Vor­schrif­ten für Fens­ter am Ar­beits­platz. Dau­er­haft ein­ge­rich­te­te Ar­beits­plät­ze und sons­ti­ge gro­ße So­zi­al­räu­me müs­sen in der Re­gel Sicht­ver­bin­dung nach au­ßen ha­ben. Viel Wir­bel hat­te es auch dar­um ge­ge­ben, dass zu­nächst ab­schließ­ba­re Klei­der­schrän­ke vor­ge­se­hen wa­ren. Nun soll ei­ne Klei­der­ab­la­ge zur Ver­fü­gung ste­hen, so­fern kei­ne Um­klei­de­räu­me vor­han­den sind – ab­schließ­bar muss die Abla­ge nicht sein. (afp, dpa, AZ)

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