Die Gro­ße Flut

Vor 4000 Jah­ren ver­sank Zen­tral­chi­na un­ter me­ter­ho­hen Was­ser­mas­sen. Jetzt be­stä­ti­gen For­scher die­sen Grün­dungs­my­thos

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wissen - Wal­ter Wil­lems, dpa

Gro­ße Rei­che brau­chen ei­nen Grün­dungs­my­thos. Im Fal­le des ers­ten chi­ne­si­schen Kai­ser­reichs be­rich­ten frü­he chi­ne­si­sche Schrif­ten von ei­ner Gro­ßen Flut, die erst der gro­ße Feld­herr Yu un­ter Kon­trol­le ge­bracht ha­be. Mit die­ser Hel­den­tat be­grün­de­te er die ers­te Dy­nas­tie und er­mög­lich­te erst die Ent­ste­hung der Zi­vi­li­sa­ti­on in Chi­na. Lan­ge Zeit hiel­ten Ex­per­ten dies für ei­ne Le­gen­de, um den Herr­schafts­an­spruch des da­ma­li­gen Kai­ser­hau­ses zu le­gi­ti­mie­ren. Nun hat ein in­ter­na­tio­na­les For­scher­team im Fach­blatt Sci­ence ei­ne bei­spiel­lo­se Flut­wel­le am Gel­ben Fluss re­kon­stru­iert, die vor rund 4000 Jah­ren das Fluss­tal tau­sen­de Ki­lo­me­ter weit über­ström­te. Of­fen­bar wur­de die Na­tur­ka­ta­stro­phe et­wa ein Jahr­tau­send lang münd­lich über­lie­fert, be­vor sie vor et­wa 3000 Jah­ren schrift­lich fest­ge­hal­ten wur­de. Dem Text zu­fol­ge bän­dig­te der Held Yu die Flu­ten durch Ka­nä­le und Ab­was­ser­grä­ben und stieg so zum Kai­ser auf. Yu be­grün­de­te die Xia-Dy­nas­tie, de­ren Be­ginn His­to­ri­ker bis­lang auf et­wa 2200 vor Chris­tus da­tier­ten. Trotz aus­gie­bi­ger Su­che fan­den For­scher lan­ge kei­ne Be­le­ge für ei­ne tat­säch­li­che Flut. Doch nun ent­deck­te das Team um den Archäo­lo­gen Quing­long Wa von der Uni­ver­si­tät Pe­king am Gel­ben Fluss in der Pro­vinz Qing­hai Rück­stän­de ei­nes na­tür­lich ent­stan­de­nen Damms. Ein Erd­rutsch nach ei­nem Erd­be­ben blo­ckier­te den Lauf des Flus­ses in der Jis­hiSchlucht über ei­ne Län­ge von ei­nem Ki­lo­me­ter und ei­ne Hö­he von et­wa 200 Me­ter. Neun Mo­na­te lang stau­te sich das Was­ser wohl hin­ter die­sem Damm. Als er schließ­lich schlag­ar­tig barst, fiel der Was­ser­pe­gel in dem Stau­see dem­nach um 110 bis 135 Me­ter, ins­ge­samt stürz­ten et­wa 11,3 bis 16 Ku­bik­ki­lo­me­ter Was­ser in die Schlucht. Pro Se­kun­de, so be­rech­nen die For­scher, er­gos­sen sich bis zu 400 000 Ku­bik­me­ter Was­ser in das Tal. Es war wohl ei­nes der größ­ten Flu­ter­eig­nis­se auf dem Pla­ne­ten wäh­rend der ver­gan­ge­nen 10 000 Jah­re.

Hin­ter dem En­de der Schlucht hin­ter­ließ die Flut in ei­ner Sied­lung 25 Ki­lo­me­ter strom­ab­wärts ei­ne bis zu 38 Me­ter di­cke Se­di­ment­schicht. An­hand von Fun­den aus der Schicht da­tie­ren die For­scher die Ka­ta­stro­phe et­wa auf das Jahr 1920 vor Chris­tus. Hin­wei­se auf die Reich­wei­te der Flut­wel­le lie­fert dem Team zu­fol­ge ein Damm­bruch im Jahr 1967, der das Tal der Flüs­se Ya­long und Yang­tse über ei­ne Stre­cke von min­des­tens 1000 Ki­lo­me­ter in Mit­lei­den­schaft zog. Da die Flut­wel­le vor 4000 Jah­ren min­des­tens das 20-fa­che Vo­lu­men da­von ent­hielt und un­ter­wegs vie­le klei­ne­re, na­tür­li­che Däm­me zer­stör­te, glau­ben die For­scher, dass die­se Über­schwem­mung noch mehr als 2000 Ki­lo­me­ter strom­ab­wärts Zer­stö­run­gen hin­ter­ließ.

„Wir glau­ben, dass die­ses Er­eig­nis und sei­ne Nach­we­hen wohl im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis die­ser Ge­sell­schaf­ten über Ge­ne­ra­tio­nen über­dau­ert ha­ben und schließ­lich in den Be­rich­ten des 1. Jahr­tau­sends vor Chris­tus über die Gro­ße Flut fest­ge­hal­ten wur­den“, schreibt das Team. Ei­ne me­teo­ro­lo­gi­sche Ur­sa­che der Flut et­wa durch sint­flut­ar­ti­ge Nie­der­schlä­ge schlie­ßen die For­scher üb­ri­gens aus: Se­di­ment-Ana­ly­sen deu­ten dar­auf hin, dass zur da­ma­li­gen Zeit ein eher tro­cke­nes, küh­les Kli­ma herrsch­te.

„Die Ent­de­ckung und Re­kon­struk­ti­on der mas­si­ven Flut­wel­le, die in der Ji­shi-Schlucht be­gann, lie­fern wis­sen­schaft­li­che Be­le­ge da­für, dass die al­ten chi­ne­si­schen Tex­te über die Gro­ße Flut auf ei­ner his­to­ri­schen Na­tur­ka­ta­stro­phe ba­sie­ren kön­nen“, be­to­nen die For­scher. „Sie wer­fen auch ein Licht auf die Ge­schicht­lich­keit der Xia-Dy­nas­tie selbst, da Yus Grün­dung der Dy­nas­tie di­rekt mit sei­nen Leis­tun­gen bei der Kon­trol­le der Flut zu­sam­men­hängt.“Die Ent­wäs­se­rung der über­schwemm­ten Ge­bie­te trug dem­nach zur Ent­wick­lung der Land­wirt­schaft im Tief­land und zur Blü­te der chi­ne­si­schen Kul­tur bei. Der Stu­die zu­fol­ge be­gann die Dy­nas­tie um das Jahr 1900 vor Chris­tus, et­wa 300 Jah­re spä­ter als bis­her von His­to­ri­kern an­ge­nom­men.

In ei­nem Sci­ence-Kom­men­tar zieht der Geo­wis­sen­schaft­ler David Mont­go­me­ry von der Uni­ver­si­ty of Wa­shing­ton in Se­at­tle ei­ne Ver­bin­dung zu an­de­ren my­thi­schen Be­rich­ten von Na­tur­ka­ta­stro­phen: „Die­ser Be­leg für die Au­then­ti­zi­tät von Yus Flut ist ein wei­te­rer Bei­trag in ei­ner lang dau­ern­den De­bat­te über Ge­schich­ten von epi­schen Über­schwem­mun­gen.“In der Süd­see und in Nord­ame­ri­ka kur­sier­ten My­then über ver­hee­ren­de Tsu­na­mis, so Mont­go­me­ry, in Skan­di­na­vi­en und Ti­bet ge­be es Ge­schich­ten über Ka­ta­stro­phen durch aus­bre­chen­de Glet­scher-Stau­se­en.

Auch zur Er­klä­rung der bi­bli­schen Sint­flut gibt es meh­re­re wis­sen­schaft­li­che Theo­ri­en wie die von Wal­ter Pit­man und Wil­li­am Ryan. Die­se For­scher hat­ten En­de der 1990er Jah­re den Ur­sprung der Ge­schich­te dar­auf zu­rück­ge­führt, dass Was­ser aus dem an­stei­gen­den Mit­tel­meer sich einst am Bo­spo­rus in ein Tief­land er­gos­sen und dort das heu­ti­ge Schwar­ze Meer ge­schaf­fen ha­be. Ih­re Theo­rie gilt aber als äu­ßerst um­strit­ten.

Fo­to: Imago

Die bei ei­nem Erd­be­ben be­gra­be­ne Sied­lung La­jia gilt als chi­ne­si­sches Pom­pe­ji. Nun glau­ben For­scher, das Be­ben ha­be auch den Gel­ben Fluss rück­ge­staut, bis er sich nach neun Mo­na­ten mit ei­ner ge­wal­ti­gen Flut­wel­le wie­der sein al­tes Bett zu­rück­hol­te.

So wird der ers­te Kai­ser Yu auf ei­ner Zeich­nung im na­tio­na­len Pa­last­mu­se­um in Tai­pei dar­ge­stellt.

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