Für ei­ne spä­te­re Ren­te

Gast­kom­men­tar Der Öko­nom Prof. Micha­el Hüt­her plä­diert da­für, rea­lis­tisch zu sein: Men­schen sind län­ger ge­sund und Ar­beit be­lebt

Mittelschwaebische Nachrichten - - Titel-thema -

mit 63, mit 69 oder mit 73? Kei­ne Al­ters­gren­ze er­regt so die po­li­ti­schen Ge­mü­ter, wie die für den re­gu­lä­ren Zu­gang zur ge­setz­li­chen Ren­te. Da­bei sind die Jun­gen eher ru­hig, fast des­in­ter­es­siert, wäh­rend die Äl­te­ren, vor al­lem die jet­zi­gen Rent­ner, oft den Pro­test an­füh­ren. Sie se­hen ih­ren Le­bens­ent­wurf ein­schließ­lich der po­li­ti­schen My­then ih­rer Er­werbs­tä­ti­gen­zeit be­droht. Da­bei sind sie gar nicht be­trof­fen. Es geht um die künf­ti­gen Rent­ner, ge­nau­er die Rent­ner der fer­ne­ren Zu­kunft. Denn die Ren­te mit 67 Jah­ren ist erst im Jah­re 2029 – nach 17-jäh­ri­ger An­pas­sung – er­reicht, und dann erst kann es nach jet­zi­ger Rechts­la­ge wei­ter­ge­hen auf das Ziel Ren­te mit 69 oder mit 73.

So gilt: Wenn der po­li­ti­sche Wil­le früh­zei­tig reift, dann bleibt – bei der Ren­te mit 69 Jah­ren – für die Ge­burts­jahr­gän­ge ab 1995 aus­rei­chend Zeit, sich dar­auf ein­zu­stel­len. Will man die­sen Weg nicht ge­hen, dann ist ein deut­lich ge­rin­ge­res Ren­ten­ni­veau, ein deut­lich hö­he­rer Ren­ten­ver­si­che­rungs­bei­trag oder ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus bei­dem un­ver­meid­bar. Die bes­se­ren Op­tio­nen sind das nicht, weil ent­we­der die Bei­trags­zah­ler oder die heu­ti­gen Ren­ten­be­zie­her be­son­ders be­las­tet wer­den. Den Ren­ten­zu­gang ab dem Jah­re 2041 erst mit 73 Jah­ren be­gin­nen zu las­sen, er­gibt sich rein rech­ne­risch, wenn sich ge­gen­über heu­te we­der der Bei­trags­satz noch das Ren­ten­ni­veau ver- schlech­tern soll. Das ist auch der Preis für die jüngs­ten Fehl­ent­schei­dun­gen: Ren­te mit 63 und Müt­ter­ren­te.

Die Kri­tik an ei­ner län­ge­ren Le­bens­ar­beits­zeit ist al­lein des­halb er­staun­lich, weil sich in Deutsch­land seit dem Jah­re 2000 die Er­werbs­tä­tig­keit der Äl­te­ren ab 55 oder 60 Jah­ren stark er­höht hat und de­ren Er­werbs­tä­ti­gen­quo­te nun deut­lich über dem EUDurch­schnitt liegt. Wir ha­ben den Trend längst um­ge­kehrt; Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber ha­ben ge­zeigt, dass es geht. Sie brau­chen nur ver­läss­li­che Be­din­gun­gen für die Er­war­tungs­bil­dung. Nicht ver­wun­dern soll­te auch, dass mitt­ler­wei­le die meis­ten eu­ro­päi­schen Staa­ten mit ähn­li­cher De­mo­gra­fie eben­falls das Ren­ten­zu­gangs­al­ter an­ge­ho­ben ha­ben, teil­wei­se am­bi­tio­nier­ter als bei uns.

Als gro­ße Kri­tik­keu­le wird bei­spiel­haft der Dach­de­cker vor­ge­führt, der mit 65 auf­wärts nicht mehr ar­bei­ten kön­ne. Ab­ge­se­hen von der not­wen­di­gen Fle­xi­bi­li­tät in sol­chen Be­ru­fen: Kön­nen die gut 15 Pro­zent der Be­rufs­tä­ti­gen mit schwe­rer kör­per­li­cher Be­las­tung das Ren­ten­zu­gangs­al­ter für al­le 31,4 Mil­lio­nen so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Be­schäf­tig­te fi­xie­ren? Wohl nicht. Es wä­re – wie die Ren­te mit 63 – die Pro­pa­gie­rung ei­nes de­fi­zi­tä­ren Bil­des des Al­terns, das in der Fach­dis­zi­plin schon lan­ge aus­ran­giert wur­de. Die Ge­ron­to­lo­gen wei­sen uns mit ih­ren Stu­di­en viel­mehr dar­auf hin, dass geRen­te ra­de im Pro­zess des Al­terns die so­zia­le Ein­bin­dung, wie sie im Be­rufs­le­ben be­steht, höchst be­deut­sam ist. Der Vor­ru­he­stand hin­ge­gen hat die Er­war­tun­gen an­ders­ar­ti­ger so­zia­ler Ein­bin­dun­gen ent­täuscht – ein stei­gen­des bür­ger­schaft­li­ches En­ga­ge­ment ist im Al­ter nicht zu be­ob­ach­ten.

Die ge­won­ne­nen Le­bens­jah­re sind über­wie­gend Jah­re in Ge­sund­heit. Da­von ei­nen Teil in fle­xi­blen Mus­tern der Be­rufs­tä­tig­keit zu ver­brin­gen, ist nicht nur viel­fach ge­wünscht, son­dern ge­ra­de­zu be­le­bend. Dort, wo der Be­ruf be­son­ders kör­per­lich an­stren­gend ist, muss und kann durch ein be­ruf­li­ches Ge­sund­heits­ma­nage­ment ge­gen­ge­steu­ert wer­den. Auch Wei­ter­bil­dung und Um­schu­lung sind In­stru­men­te ei­ner al­ters­ge­rech­ten Per­so­nal­po­li­tik. In ei­ner Ge­sell­schaft des län­ge­ren Le­bens nimmt frei­lich die Ver­ant­wor­tung des Ein­zel­nen für sich zu. Dar­auf kön­nen und müs­sen wir uns ein­stel­len.

O

Zur Per­son Prof. Dr. Micha­el Hüt­her, 1962 ge­bo­ren, zählt zu den re­nom­mier­tes­ten Öko­no­men des Lan­des. Der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler, der auch Ge­schich­te stu­diert hat, lei­tet das In­sti­tut der deut­schen Wirt­schaft Köln.

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