Ge­gen ei­ne spä­te­re Ren­te

Gast­kom­men­tar Die Ge­werk­schaf­te­rin An­ne­lie Bun­ten­bach warnt: Vie­le Men­schen kön­nen nach jahr­zehn­te­lan­ger Ar­beit nicht mehr

Mittelschwaebische Nachrichten - - Titel-thema -

Nur je­de/je­der Zwei­te geht di­rekt aus ei­ner ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Be­schäf­ti­gung in Ren­te. Wer an­ge­sichts die­ser Rea­li­tät den Start in den Ru­he­stand wei­ter hin­aus­zö­gern will, macht ver­ant­wor­tungs­lo­se So­zi­al­po­li­tik. So­zi­al­po­li­tik – und da­mit auch Ren­ten­po­li­tik – muss sich nicht zu­letzt dar­an mes­sen las­sen, wie sie mit den Schwa­chen um­geht.

Na­tür­lich gibt es vie­le, die bis ins ho­he Al­ter ar­bei­ten wol­len und kön­nen. Bei gu­ter Ge­sund­heit ei­nen gut be­zahl­ten Job zu ha­ben, der Freu­de be­rei­tet, macht die­se Vor­stel­lung leicht und er­träg­lich. Aber vie­le Men­schen sind nach jahr­zehn­te­lan­ger Ar­beit ge­sund­heit­lich nicht mehr auf der Hö­he – und schlep­pen sich nur noch zur Ar­beit, oft für ge­rin­gen Lohn.

Und wer vor dem Ren­ten­ein­tritt sei­nen Job ver­liert, ist schnell auf Hartz IV an­ge­wie­sen. Das heißt: Zu­nächst das gan­ze Ver­mö­gen auf­zeh­ren – dann, im Al­ter von 63 Jah­ren, mit vol­len Ab­schlä­gen in Ren­te ge­hen. Bei der Dis­kus­si­on um ein hö­he­res Ren­ten­ein­tritts­al­ter geht es nicht dar­um, ob und wie Men­schen län­ger ar­bei­ten kön­nen oder gar wol­len. Von de­nen, die es schon heu­te nicht bis 65 oder gar 67 schaf­fen kön­nen, hat kein Ein­zi­ger bes­se­re Chan­cen, wenn das Ren­ten­ein­tritts­al­ter noch wei­ter an­ge­ho­ben wird. Im Ge­gen­teil: Das ein­zig Si­che­re ist ei­ne wei­te­re ra­bia­te Ren­ten­kür­zung – ent­we­der durch hö­he­re Ab­schlä­ge oder weil die Ren­te nicht so lan­ge ge­zahlt wird. Die Ar­beit­neh­mer zah­len al­so drauf, die Ar­beit­ge­ber wer­den ent­las­tet.

Öko­no­men rech­nen mit ma­the­ma­ti­schen Mo­del­len vor, dass oh­ne ein hö­he­res Ren­ten­al­ter der Bei­trags­satz stei­gen muss. Die Po­li­tik nutzt die­se Rech­nun­gen, um ein stei­gen­des Ren­ten­al­ter als al­ter­na­tiv­los dar­zu­stel­len. Aber das ist die fal­sche Ant­wort auf die de­mo­gra­fi­schen Her­aus­for­de­run­gen. Der plan­ba­re Über­gang aus der Ar­beit in ei­ne gu­te Ren­te muss nor­mal und er­reich­bar sein und darf nicht den Ab­sturz schon ein­kal­ku­lie­ren. Vor al­lem darf die Le­bens­leis­tung in den letz­ten Jah­ren vor der Ren­te nicht durch ho­he Ab­schlä­ge zu­nich­te­ge­macht wer­den. Die Po­li­tik ist schon seit Jah­ren ge­for­dert, die Über­gän­ge von Ar­beit in Ren­te bes­ser ab­zu­si­chern – erst recht, wenn sie an der Ren­te ab 67 fest­hält. Aber sie bleibt Ant­wor­ten schul­dig.

Statt­des­sen wird dar­über dis­ku­tiert, die Kluft zwi­schen dem En­de der Ar­beit und dem An­fang der Ren­te noch grö­ßer zu ma­chen. Das lenkt da­von ab, was jetzt nö­tig ist, näm­lich ein Kurs­wech­sel in der Ren­ten­po­li­tik. Die Po­li­tik muss zu dem ge­sell­schaft­li­chen Kon­sens zu­rück­keh­ren: Wer vie­le Jah­re ge­schuf­tet und in die Ren­ten­kas­se ein­ge­zahlt hat, für den oder die muss die Ren­te im Al­ter für ein Le­ben in Wür­de rei­chen – auch bei Er­werbs­min­de­rung. Als Al­ler­ers­tes muss das ge­setz­li­che Ren­ten­ni­veau sta­bi­li­siert wer­den. Lang­fris­tig muss das Ren­ten­ni­veau deut­lich er­höht wer­den. Die DGB-Ren­ten­kam­pa­gne, die An­fang Sep­tem­ber ge­star­tet ist, wird von die­sen grund­sätz­li­chen Über­zeu­gun­gen ge­tra­gen. Wir wer­den die Stär­kung der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung zu ei­nem zen­tra­len The­ma der Bun­des­tags­wahl 2017 ma­chen.

O

Zur Per­son An­ne­lie Bun­ten­bach, 1955 ge­bo­ren, ist Vor­stands­mit­glied im Deut­schen Ge­werk­schafts­bund (DGB). Zu ih­ren Schwer­punk­ten ge­hö­ren die Ar­beits­markt­und So­zi­al­po­li­tik. Mehr In­for­ma­ti­on im In­ter­net: www.ren­temuss-rei­chen.de

„Wer vie­le Jah­re ge­schuf­tet und in die Ren­ten­kas­se ein­ge­zahlt hat, für den oder die muss die Ren­te im Al­ter für ein Le­ben in Wür­de rei­chen – auch bei Er­werbs­min­de­rung. “An­ne­lie Bun­ten­bach

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.