Das vie­le Geld war kein Se­gen

We­gen ei­nes ärzt­li­chen Kunst­feh­lers er­hal­ten El­tern fast ei­ne Mil­li­on Eu­ro zur Pfle­ge ih­res be­hin­der­ten Soh­nes. Doch ihr Um­gang mit der Sum­me bringt bei­de vor Ge­richt

Mittelschwaebische Nachrichten - - Landkreis - VON ADRI­AN BAU­ER

Günz­burg Ein gro­ßer Geld­se­gen hat für ein Ehe­paar aus dem Land­kreis schlim­me Fol­gen ge­habt. Weil ihr Sohn durch ei­nen ärzt­li­chen Kunst­feh­ler schwer be­hin­dert ge­bo­ren wur­de, er­hiel­ten sie 2011 von ei­ner Ver­si­che­rung fast ei­ne Mil­li­on Eu­ro aus­be­zahlt.

Mit der Auf­ga­be, die­ses Geld für ih­ren un­mün­di­gen Sohn zu ver­wal­ten, wa­ren bei­de aber so über­for­dert, dass sie Feh­ler mach­ten. Und die­se Feh­ler führ­ten da­zu, dass der Mann und die Frau ges­tern we­gen Un­treue vor dem Günz­bur­ger Amts­ge­richt stan­den und zu je­weils ein­ein­halb Jah­ren Haft auf Be­wäh­rung ver­ur­teilt wur­den.

Die bei­den tür­ki­schen Staats­bür­ger ent­schie­den sich, das Geld in der Tür­kei in Im­mo­bi­li­en an­zu­le­gen. Sie kauf­ten in ih­rer Ge­burts­stadt ein Grund­stück und er­rich­te­ten dort ein Haus, das be­hin­der­ten­ge­recht aus­ge­baut wur­de. Au­ßer­dem kauf­te man ein Stück Acker­land in der Nä­he von An­ka­ra. Ins­ge­samt ga­ben sie für die­se bei­den Käu­fe das Geld des Soh­nes aus und leg­ten noch ei­ge­ne Er­spar­nis­se drauf.

Das Pro­blem bei der gan­zen Sa­che: Die Käu­fe wur­den nicht ver­nünf­tig mit Ver­trä­gen ab­ge­wi­ckelt, die Aus­ga­ben nicht schrift­lich fest­ge­hal­ten. Statt­des­sen wech­sel­te das Geld in bar den Be­sit­zer und die Ein­trä­ge im Grund­buch wur­den mehr oder we­ni­ger nach Gut­dün­ken vor­ge­nom­men. Bei dem Acker­land sei deut­lich we­ni­ger Wert ins Grund­buch ein­ge­tra­gen wor­den um Steu­ern zu spa­ren, sag­te der An­ge­klag­te, der die Ge­schäf­te ab­ge­wi­ckelt hat­te. Al­ler­dings hat­te er bei dem Feld deut­lich zu viel be­zahlt: Statt der nach Aus­sa­ge des An­ge­klag­ten be­zahl­ten 680 000 Eu­ro sol­len die 25 000 Qua­drat­me­ter kaum die Hälf­te wert sein.

All die­se Din­ge führ­ten zur Ver­ur­tei­lung des Paa­res. Denn wer als Be­treu­er für ei­nen be­hin­der­ten Men­schen ein­ge­setzt ist, muss die­ses Geld „mün­del­si­cher“ver­wal­ten – al­so so an­le­gen, dass der Be­treu­te spä­ter ein­mal da­von le­ben kann. Da­von kön­ne in die­sem Fall kei­ne Re­de sein, sag­te Rich­te­rin Fran­zis­ka Braun.

„Man muss da­von aus­ge­hen, dass Ih­rem Sohn 200 000 bis 300 000 Eu­ro Scha­den ent­stan­den ist.“Zu­dem ent­sprä­che die Ab­wick­lung des Ge­schäfts we­der den tür­ki­schen noch den deut­schen Ge­set­zen. Zu­dem hät­ten die An­ge­klag­ten das Be­treu­ungs­ge­richt, das die Ge­schäf­te hät­te ge­neh­mi­gen müs­sen, bei der gan­zen Ab­wick­lung au­ßen vor ge­las­sen. „Ich se­he jetzt ein, dass ich Feh­ler ge­macht ha­be“, sag­te der An­ge­klag­te. Er ha­be es nur gut ge­meint und kein Geld für sich be­hal­ten.

Der Fa­mi­li­en­va­ter gab an, dass es zwar ei­ne münd­li­che Ab­spra­che mit dem Ge­richt ge­ge­ben ha­be, ei­ne schrift­li­che Ge­neh­mi­gung ha­be er aber nicht be­an­tragt. Über­haupt ver­säum­te es das Ehe­paar, sich in den Rechts­din­gen Hil­fe zu ho­len. Sie re­agier­ten kaum oder spät auf An­fra­gen vom Ge­richt. Auch die An­wäl­tin, die 2013 als zu­sätz­li­che Be­treue­rin für den Sohn ein­ge­setzt wur­de, be­rich­te­te, dass sich der Va­ter nicht in die Kar­ten schau­en las­sen woll­te und ge­for­der­te Do­ku­men­te nicht oder stark ver­spä­tet brach­te. Sie ha­be zwei­mal Rück­zah­lun­gen von aus ih­rer Sicht un­recht­mä­ßig ab­ge­ho­be­nen Gel­dern ver­an­lasst und ei­ne Zwangs­hy­po­thek auf das Haus der Fa­mi­lie im Land­kreis zu­guns­ten des Soh­nes erstrit­ten.

Die Ver­tei­di­ger der bei­den An­ge­klag­ten, Wal­ter Deist­ler und Mar­kus Ne­u­mann, kri­ti­sier­ten die­ses Vor­ge­hen der An­wäl­tin und des Be­treu­ungs­ge­richts. Denn ein gu­ter Teil des Ver­si­che­rungs­gel­des, et­wa 156 000 Eu­ro, stan­den den El­tern zu als Er­satz für Pfle­ge­leis­tun­gen. Sie hät­ten dies bei den ge­richt­li­chen An­fra­gen nur an­ge­ben müs­sen. Auf die­sen Um­stand hat­te sie aber nie­mand hin­ge­wie­sen. Und da sie kei­nen An­walt hat­ten und sich nicht an ge­setz­te Fris­ten hiel­ten, ent­schied das Ge­richt ge­gen die Fa­mi­lie. Die­sen Um­stand be­rück­sich­tig­te die Rich­te­rin eben­so mil­dernd, wie das Ge­ständ­nis bei­der An­ge­klag­ter, ih­re straf­recht­lich wei­ße Wes­te und die Le­bens­um­stän­de. Denn die Fa­mi­lie ist wahr­lich nicht vom Glück ver­folgt. Ein zwei­ter Sohn ver­letz­te sich bei ei­nem Un­fall zu Hau­se so schwer, dass er heu­te eben­falls mas­siv ein­ge­schränkt ist. Auch der Va­ter muss nach ei­nem Un­fall mit ge­sund­heit­li­chen Schwie­rig­kei­ten le­ben und kann nur noch ein­ge­schränkt ar­bei­ten.

Da­her ent­schied die Rich­te­rin, dass die Stra­fe zur Be­wäh­rung aus­ge­setzt wer­den kann. Das Ehe­paar muss als Auf­la­ge da­bei mit­hel­fen, die ju­ris­ti­schen Pro­ble­me wie­der ge­ra­de zu rü­cken. Die recht­li­chen Un­klar­hei­ten beim Haus­kauf müs­sen be­sei­tigt wer­den, mit ei­nem Kauf­ver­trag oder ei­ner ei­des­statt­li­chen Ver­si­che­rung. Und der über­teu­er­te Acker muss wie­der ver­kauft und das Geld in Deutsch­land si­cher für den Sohn an­ge­legt wer­den.

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